Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 12 (25.3.1898)
- Date
- 1898-03-25
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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62. Jahrgang. Nr. 12. meine Berlin» 25. Mär; 1898. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner 19*. Ludwig PHMppson-Sonn. Vertags-Crpeditwn: Berlin, Jerufalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements - Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Redacteur: Gustav Karpeles. Ivhalt. Leitartikel: Ein Vorbild. - Die Woche. — Aus der Berliner Gemeinde. — Aus Ostpreußen. Von Moritz Sch erbet. — Von den Quellen der jüdischen Sittenlehre. IV. Von Prof. Dr. M. Lazarus. — Dr. Esra, praktischer Arzt? Von Professor Dr. I. Pagel. — Rahel de Castro. Von Dr. M. Kahserl ing. — „La bella Margherita“: — Feuilletonr Aus bangen Tagen. Von Carl Griot. (Fortsetzung.) — Sprechsaal. Der Gemeindevote. Korrespondenzen nnd Nachrichten: Berlin, Thorn, Insterburg, Aus der Provinz Posen, Lobsens, Magdeburg, München, Wien, Budapest, New-York. — Bon Nah nnd Kern. Gin Vorbild. Berlin, 22. März. ©J/Cy oit spricht jetzt so viel in »nseren Kreisen und außerhalb k*efer über jüdische Abgeordnete. Es ist natürlich, daß dabei prinzipielle Fragen, die eigentlich längst erledigt sein sollten, noch einmal zur Sprache kommen und umständlich erörtert werden. Aber bester als alle theoretischen Auseinandersetzungen kann das geschichtliche Beispiel wirken, und wir sind so glücklich, ein solches Beispiel vorführen zu können. Das Muster eines jüdischen Abgeordneten, wie er sei» soll, nicht nur nach unserem, sondern auch nach dem Ideal aller freisinnigen Wähler, war unstreitig Gabriel Rieß er. Sein Vorbild hat auch später auf hervorragende Männer Einfluß geübt, er selbst aber ist unübertroffen geblieben, denn die Wirkung seiner Persönlichkeit beruhte nicht auf einzelnen Vorzügen, sondern auf dem harmonischen Zusammenwirken verschiedenartiger Faktoren. Mit einer glühenden Vaterlandsliebe vereinigte sich in ihm eine unerschütterliche Anhänglichkeit an seinen Stamm und seinen Glauben; mit einer hinreißenden Beredsamkeit eine antike Gewissenhaftigkeit. Wahrheit und Recht waren die Leitsterne, die ihn durch sein ganzes Leben führten; überlegener Scharfsinn verband sich mit Wärme des Gefühls, nnd so gelang es ihm auch, die Gemüther Aller zu gewinnen, die nicht mit seinen Ansichten übereinstimmten. Was ihn aber vor allem zum Vorbild eines jüdischen Abgeordneten machte, das ist die geschichtliche Thatsache. daß er immer und überall für die Rechte seiner Glaubensgenoffen unerschrocken mit vollem Mannesmuth und mit wirklicher Sachkenntniß eingetreten ist. Es sind gerade fünfzig Jahre her. daß das erste deutsche Parlament zusammentrat, und da man jetzt ja so vielfach die geschichtlichen Erinnerungen an jenes Sturmjähr pflegt, so dürfte es nicht überflüssig sein, der Thätigkeit Rießers in dieser bewegten Zeit zu gedenken und aus ihr jene Lehren für die Gegenwart zu schöpfen, die uns nothwendig und heilsam erscheinen. Gabriel Rießer wurde damals in einem Kreise gewählt, in dem gar keine Juden wohnten. Das ist die erste Lehre, die wir aus der Geschichte ziehen könnten, d. h. nicht wir, sondern andere und zwar maßgebendere Kreise. Ja, die Juden wurden sogar gesetzlich von den meisten Orten des hannöverschen Lauenburg fern gehalten; nur in den Städten wohnten einige. Jndeß wählten gerade die Ortschaften, in denen kein Jude wohnen durfte, Rießer zu ihrem Abgeordneten. Am 18. März 1848 wurde die deutsche Nationalversammlung eröffnet, am 29. August trat Rießer zum ersten Mal mit einer größeren Rede ans, und zwar bei Gelegenheit der Berathungen über die deutschen Grundrechte. Der § 13 dieser Vorlage sollte nach dem Vorschlag des Verfaffungsausschusses lauten: „Durch das religiöse Bekenntnis; wird der Genuß der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte weder bedingt noch beschränkt". Dazu hatte Moritz Mohl das Amendement gestellt: „Die eigenthümlichen Verhältnisse des israelitischen Volksstammes sind Gegenstand besonderer Gesetzgebung". In der Vertheidigung dieses Amendements brachte der wackere Schwabe schon damals alle die Argumente vor, die noch heute von unseren Antisemiten zu breiten Bettelsuppen gekocht werden. Die Juden seien ein eigener, nicht deutscher Volksstamm, der Wucher mache sie zu einer Landplage, ihre ganze Richtung und Beschäftigung sei eine volksverderbliche und dergleichen alberne Redensarten mehr. Nun trat Rießer auf und erörterte in improvisirter Rede diese Frage mit aller Schärfe seines Geistes nnd mit aller Wärme seines verletzten Gefühls. Er erklärte sich zunächst gegen die Bezeichnung der Inden als eines eigenen Volksstammes, wandte sich mit Entrüstung gegen die Vorwürfe, die man einzelnen Juden mache, und die doch die gesammte Religionsgesellschaft nicht träfen, und zum Schluß sagte er: „Vertrauen Sie der Macht des Rechts, der Macht des einheitlichen Gesetzes und den großen Schicksalen Deutschlands. Glauben Sie nicht, daß sich Ausnahmegesetze machen laffe», ohne daß das ganze System der Freiheit einen verderblichen Riß erhält, ohne daß der Keim des Verderbens in daffelbe gelegt würde. Es ist Ihnen vorgeschlagen, einen Theil des deutschen Volkes der Intoleranz, dem Hasse als Opfer hinzuwerfe», das werden Sie aber nimmermehr thun, meine Herren!" Allgemeiner Beifall folgte dieser Rede. Rießer hatte es eben verstanden, wie sein Biograph treffend hervorhebt, die Frage aus ihrer Jsolirung zu befreien nnd ihren Zusammenhang mit den allgemeinen Fragen der Sittlichkeit und des Rechts darzustellen. Galt also Gabriel Rießers erste Rede der Vertheidigung seiner bedrängten Glaubensgenoffen, so erwies sich seine ganze Haltung im Parlament, seine Stellung zu den großen politischen Frage» immer, auch selbst da, wo religiöse Fragen nicht im Spiel waren, als ein Triumph der Ueberzeugungen, die er ans seiner Kenntniß der jüdischen Lehre und aus seiner Liebe zum Jndenthum geschöpft hatte.