Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 11 (18.3.1898)
- Date
- 1898-03-18
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228257-3228269--54457-3290593- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
2 unserer ärmeren Glaubensgenossen eine trauliche Stätte zu eröffnen, der die arbeitenden Eltern ihre Kleinen ruhig anvertrauen und wo diese unberührt von allen Gefahren des Straßenlebens sich aufhalten können. Frau Maybaum wies sodann auf den den Mitgliedern vorliegenden Jahresbericht hin. Nach demselben mußten schon bei Eröffnung des Heims viele Anmeldungen zurückgewiesen werden; da sich im Laufe des Sommers der Zudrang noch steigerte, entschloß sich der Vorstand, das Kinderheim zu vergrößern, trotz der Unzulänglichkeit der Mittel, in der Hoffnung, neue Freunde zu gewinnen, die sich durch eigene Anschauung von der erfolgreichen Thätigkeit der Anstalt überzeugen können. Durch diese Vergrößerung ist der Vorstand nunmehr in der Lage, 100 Kindern die Wohlthat geregelter Erziehung und Pflege angedeihen zu lassen. Während der Sommerferien wurden die besonders schwächlichen Kinder den Ferienkolonien zugewiesen, für die Zurückgebliebenen durch Anschluß an die Halbkolonien gesorgt. Ein Lichtpunkt für das Heim war das Chanukahfest, das besonders festlich begangen wurde und den Kindern die Feier in der Familie ersetzte. Am Schluffe ihrer Ausführungen wies die Vorsitzende auf den reichen Segen hin, der von dem Institut auf zahlreiche Schichten unserer Glaubensgenossen sich ergieße, und forderte zu reger Agitation für das Kinderheim auf. Alsdann erläuterte der Schatzmeister Herr Ludwig Ruß die vorgelegte Kaffen- Übersicht, die in Einnahme und Ausgabe 5352,52 Mark aufwies, und hob gleichfalls die Nothwendigkeit hervor, immer weitere Kreise für die humane Schöpfung zu interesstren, damit der Vorstand allen an ihn gelangenden Anforderungen gerecht werden könne. Auf Vorschlag des Herrn Lehrer Falkenberg wurden der bisherige Vorstand sowie die' Ausschußmitglieder durch Akklamation wiedergewählt; auf Antrag des Schriftführers, Herrn Rektor Dr. Adler, wurde alsoann der Ausschuß durch die Hilfskräfte, die sich in liebenswürdiger Weise bisher dem Verein zur Verfügung gestellt hatten, ergänzt. Eine längere Diskussion entspann sich über die Frage der weiteren Ausgestaltung des Kinderheims und über den Plan der Erwerbung eines eigenen Gebäudes für die Zwecke desselben. Nach den Ausführungen der Vorsitzenden, des Schriftführers, der Damen Weigert, Benjamin, Jsaac und der Herren Dr. Maybaum, Behrens, Blumenfeld, Dr. Barrach, Rechtsanwalt Arndt wurde beschlossen, die ganze Angelegenheit dem Vorstand zu weiterer Erwägung zu übergeben. Mit herzlichen Dankesworten an die Erschienenen sowie an den Vorstand der jüdischen Gemeinde und Herrn Rektor Dr. Holzmann für die dem Verein gewährte Gastfreundschaft schloß die Vorsitzende die Versammlung. Der kräftig aufblühende Verein, der in der kurzen Zeit seines Bestehens bereits erhebliche Erfolge aufzuweisen hat, verdient in reichem Maße die Theilnahme weiter Kreise innerhalb unserer Glaubensgemeinschaft. A. L. Berlin, 14. März. Am 9. d. Mts. fand im hiesigen jüdischen Mädchenstift, Münzflraße 23, die Prüfung der Zöglinge vor einem geladenen Publikum statt. Die Hausmutter, Frau Baer, welche früher an einer öffentlichen Volksschule als Lehrerin thätig war, prüfte im Hebräischen und Religion. Es war erstaunlich und erfreulich zugleich, die Leistungen dieser zu Dienstboten herangebildeten jungen Mädchen mit anzusehen. Verschiedenste Stellen des Gebetbuches übersetzten sie geläufig aus dem Hebräischen ins Deutsche, ebenso hatten sie den Dekalog hebräisch und deutsch memorirt. Die Prüfende ließ dabei nichts Unverstandenes durchgehen und zeigte, daß die Zöglinge das Gelernte auch sich wirklich zum geistigen Eigenthum gemacht haben. Hierauf folgte die Prüfung im Deutschen und im Rechnen durch Fräulein Hirschfeld. Auch in diesen beiden Fächern konnten nicht minder erfreuliche Resultate aufgewiesen werden. Besonders hervorzuheben ist, daß die Zöglinge angeleitet wurden, das Gelernte auch fürs Leben, besonders aber sür ihren zukünftigen Beruf anwenden zu können. Die von ihnen gefertigten Handarbeiten lagen zur Ansicht aus und wurden von den anwesenden sachverständigen Damen wegen ihrer Akuratesse gerühmt. An die Prüfung schloß sich die feierliche Entlassung von fünf Mädchen, welche ihre Ausbildung vollendet und welche alle bereits Stellen in hiesigen Familien gefunden hatten. Die Vorsitzende des Vorstandes, Frau Julie Neumann, hielt an dieselben eine kurze und herzliche Ansprache, in welcher sie zur Bethätigung der im Institut erhaltenen Lehren ermahnte, besonders aber das treue Festhalten an die Religion ihnen ans Herz legte. Die Einrichtung des Instituts zeugte überall von peinlichster Sauberkeit und von größter Zweckmäßigkeit. Die im Institut ausgebildeten Mädchen zeichnen sich durch freundliches, zuvorkommendes Wesen aus, sind bescheiden und dienstwillig. Wir möchten deshalb an dieser Stelle auf das jüdische Mädchenstift besonders aufmerksam machen. 22 Berlin, 13. März. Am 11. d. Mts. fand auf dem jüdischen Friedhofe zu Weißensee die Beerdigung des in Berlin verstorbenen ersten Kantors der jüdischen Gemeinde in Leipzig, Heymann Finkelstein, unter sehr reger Betheiligung statt. Seitens des Vorstandes der Leipziger Gemeinde war Herr Frank erschienen; im Trauergefolge befanden sich auch eine Abordnung der hiesigen Bnai brith-Loge und die Kantoren der hiesigen jüdischen Gemeinde. An der Bahre hielt Herr Dr. Weisse eine ergreifende Trauerrede. Dann widmete Herr Vorsteher Frank aus Leipzig dem Verstorbenen Worte des Dankes Namens der Leipziger Gemeinde. Herr Finkelstein war, wie nebenbei erwähnt sei, ein Bruder der bekannten Konzertsängerin Jefka Finkelstein und ein Sohn des ehemaligen Posener Oberkantors. Friede seiner Asche! B. Berlin, 15. März. Der soeben erschienene zweiundzwanzigste Jahrgang des statistischen Jahrbuches der Stadt Berlin bringt wieder eine Menge interessanter Angaben über die Entwickelung der Berliner jüdischen Gemeinde im Jahre 1895, von denen wir einige wiedergeben wollen. Die Ziffern in den Klammern bedeuten die Zahlen des vorigen Jahres, also von 1894. Es wurden also Ehen geschlossen: Mann jüdisch, Frau jüdisch 566 (525), Mann jüdisch, Frau evangelisch 97 (80), Mann jüdisch, Frau katholisch 16 (9), Mann jüdisch, Frau sonstig 5 (2), Mann evangelisch, Frau jüdisch 41 (45), Mann katholisch, Frau jüdisch 10 (11), Mann sonstig, Frau jüdisch 3 (3). Wir sehen ein erfreuliches Steigen der Eheziffer, aber leider ist die Zahl der Mischehen noch stärker gestiegen als die der nur jüdischen Ehen und erreicht 31 pCt. derselben. Ziemlich zahlreich ist auch die Ehescheidung in diesem Jahre in Anspruch genommen worden, denn es wurden getrennt: jüdische Ehen 38 (33), Mischehen 14 (10). Geboren wurden im Jahre 1895: Vater jüdisch, Mutter jüdisch 1519 (1572), Vater jüdisch, Mutter evangelisch 96 (108), Vater jüdisch, Mutter katholisch 10 (9), Vater jüdisch, Mutter sonstig — (1), Vater evangelisch, Mutter jüdisch 73 (75), Vater katholisch, Mutter jüdisch 8 (17), Vater sonstig, Mutter jüdisch 2 (9), uneheliche Kinder jüdischer Mütter 79 (76). Während also bei den Ehen die Mischehen ca. 31 pCt. ausmachen, sind die Kinder aus diesen Ehen an Zahl nur 12 pCt. der Geburten aus rein jüdischen Ehen, eine Ziffer, die deutlich die geringere Fruchtbarkeit der Mischehen zeigen kann. Aber leider ist die Geburtenziffer selbst in ständigem, nur zu bedenklichem Rückgang. Ganz stabil ist dagegen die Zahl der unehelichen Geburten, die feitj einer Reihe von Jahren immer um 80 herum steht. Dem Zuwachs an Geburten steht gegenüber eine Abnahme durch Todesfälle. Es starben: Kinder unter 15 Jahren 311 (335) Erwachsene über 15 Jahre 827 (726). Eine weitere Einbuße erlitt die Zahl der Juden durch die Taufe, welche sich 1895 auf 191 belief. Hier ist ein kleiner Rückgang zu verzeichnen. Es wurden getauft 1891: 116, 1892: 103, 1893: 184, 1894: 140 Juden. Sehr Übel ist es um die Einwirkung der Mischehen bestellt, denn nicht allein daß die Kinderzahl bei ihnen geringer ist, so gehen die meisten Kinder aus diesen Ehen dem Judenthum verloren. Die Volkszählung von 1895 liefert hierfür den strikten Beweis; von 1687 jüdisch-christlichen Mischehen sind 640 ganz kinderlos, in den anderen 947 befanden sich zur Zeit der Zählung 2158 Kinder, die wie folgt erzogen wurden: als Juden Evgl. Sonst. Kinder eines jüd. Vaters u. einer evgl. Mutter 311 720 28 „ evgl. „ „ ,, 1^* n 109 118 25 als Juden Kath. Sonst. „ „ jüd. tf „ kath. „ 23 37 30 H „ „ „ „ n 29 39 19 11 „ „ „ „ dissid. „ 44 — 7 „ „ dissid. „ „ „ M. . „ 42 — 75 560 So sind also aus diesen Mischehen nicht die Hälfte, d. h. 1079 Kinder, sondern nur ein Viertel, 560, dem Judenthum zugeführt worden, ein Verlust, der, an stch schon erheblich genug, sich alljährlich vergrößert. Immer wieder muß darauf hingewiesen werden, daß die Mischehen ein : schwerer Schaden für das Judenthum sind. ZI Riesenvurg, Westpr., 11. März. Am Purimabend feierte die hiesige Chewra Kadischah ihr 20jähriges Stiftungsfest, woran sich ■