Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 11 (18.3.1898)
- Date
- 1898-03-18
- Page
- Seite 132 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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132 - Zahlreiches Volk hatte sich rings an den Arkaden des weiten Platzes angesammelt. Männer und Frauen, Einheimische und Fremde, Weiße und Dunkelhäutige, geputzte und in ärmliche Gewänder Gehüllte, so wogte die Menge ungeordnet auf und ab, schwätzend, lachend, scheltend, ein buntes, farbenprächtiges Leben gewordenes Bild, dessen Konturen rastlos wechselten. Wie verschieden der Anblick, der sich vor der Kurie selbst bot! Dort stand eine Centurie der städtischen Kohorten in Reih und Glied. Die Helme und Waffen funkelten im Licht der aufgehenden Sonne, die Krieger selbst standen regungslos wie Bildsäulen, Mann an Mann. Ernst schritt ihre Front entlang der Centurio, den gefürchteten Knüttel in der Hand, mit keinem Blick die lärmende, gaffende Menge streifend. Jetzt kam neue, lebhafteBewegung in djeMaffe. Alles drängte, schob, stieß nach vorn, soweit das schützende Dach der Arkaden es erlaubte. Die ersten Senatoren waren angekommen und in das geöffnete Thor des Sitzungshauses geschritten, und bald folgte nun Sänfte auf Sänfte in langem Zuge, die eine reich mit Gold, Silber und Edelstein geschmückt, die andere einfach, aber würdig, die dritte ärmlich, sie barg wohl einen Philosophen. Immer mehr schwoll das Sklavenheer an, das die Tcagseffel trug oder ihnen folgte. Männer und Knaben aus aller Herren Länder, schwarzlockige, körperschöne Griechen, mächtige, blondhaarige Germanen, dunkelfarbige Orientalen, schlanke Gallier, stämmige Scythen, schnellfüßige Sarmaten. Aus den Sänften stiegen, von den Dienern unterstützt, die Senatoren selbst in ihren hohen Schuhen und weißen, breit mit Purpur besäumten Togen. Diejenigen, die das Volk kannte, weil sie ihm einst reiche Spiele geboten, oder weil ihr Name mit glücklichen Schlachten verknüpft war, begrüßte lebhafter Zuruf; bei Manchen, die durch Erpressungen in den Provinzen oder durch zur Schau getragene Verachtung der Menge bösen Ruf erworben, ertönte unwilliges Murren; die große Zahl der Anderen empfing theilnahmloses Schweigen. Jetzt erschienen unter dem Vorantritt der Liktoren die Konsuln, der ernste, altrömischer Art huldigende Fronto und der leutselige, hochadelige Calpurnius Piso, und schritten, von den Heilrufeu der Menge begrüßt, durch das weite Thor in das Gebäude. Die Thüre des Sitzungssaales war offen geblieben. Denn draußen im Vorgemach standen die Söhne der Senatoren, Knaben und Jünglinge, die von ihren Vätern mitgenommen wurden, um von Jugend auf zu lernen, wie man in dem ersten Rathe der Welt, dem sie einst selbst angehören sollten, über die Angelegenheiten des Staates berieth. Sie waren die einzigen Nichtsenatoren, die einer Sitzung der hohen Körperschaft beiwohnen durften. Im Saale selbst saßen bereits in langen Bänken die Senatoren. Es war nicht mehr die Versammlung von Königen, die einst Cinens vor Phrhus gepriesen hatte, aber noch immer fand sich hier echtes Gold neben werthlosem Flitter. Da sah man glänzende Redner, auf deren Worte der ganze Erdkreis lauschte, ausgezeichnete Feldherren, die dem Römerreich manch neues Land gewonnen hatten, gefeierte Dichter und Schriftsteller, berühmte Juristen, wohlbewährte Beamte, die einst Provinzen, größer als Königreiche, mit Weisheit und Thatkraft verwaltet hatten. Aber daneben saßen Männer, deren ganzer Vorzug in dem Ruhme ihrer Vorfahren oder in vollgefüllten Geldtruhen bestand; Söhne von Freigelaffenen, denen die Gnade einer Tänzerin ihre Würde verschafft hatte; Schurken, die ihre Untergebenen in den Provinzen aussaugten oder mit furchtbarer Härte bedrückten; blumengeschmückte und gesalbte Gecken, deren maßlose Ausschweifungen der goldenen Jugend Roms ein leuchtendes Vorbild waren; endlich die große und doch oft ausschlaggebende Zahl der geistig und sittlich Unbedeutenden. An der Mitte der Längswand standen die curulischen Sessel, die den Konsuln zum Sitze dienten. Aber der Thron zwischen den beiden war leer. Der Kaiser, der es liebte, die Senatoren auf sich warten zu laffen, war noch nicht erschienen. Es ivaren sehr gemischte Gefühle, mit denen die Herren des Rathes seiner harrten. Wahrhaftig geliebt wurde er von Keinem. Aber es waren ihm Viele verpflichtet, weil er ihnen zu ihrem Range verholfen oder durch Geldspenden ermöglicht hatte, im Senate bleiben zu können. Andere — die berüchtigten Delatoren — brauchten ihn. Denn nur bei einem mißtrauischen Herrscher, der in jedem über die Menge Ragenden seinen Feind erblickte, war es ihnen möglich, durch heimtückische Anklagen Geld und Würden zu erlangen. Aber weitaus größer war die Zahl Derer, die Domitians mit Haß und Verachtung gedachten. Da waren die Patrizier, deren Ahnen einst mit Romulus die ewige Stadt gegründet hatten, und die mit unsäglicher Geringschätzung auf den Enkel des Zollpächters herabblickten, vor dem sie sich doch alle beugten, dann wieder die überzeugten Republikaner, die Brutus und Cassius gleich Göttern verehrten und noch immer nicht zur Einsicht gekommen waren, daß die Zeit für die Republik längst nicht mehr geeignet sei. Andere hatten einen persönlichen Grund, Domitian zu Haffen: hatte er doch ihre Väter, Brüder, Söhne getödtet oder ins ferne Exil getrieben; wieder Andere zitterten vor diesem Loos, wenn er eines Tages auch sie für gefährlich halten würde. (Forts, folgt.) Spuecffsaat. Geehrter Herr Redakteur! <MN Ihrem Artikel in Nr. 10 der A. Z. d. I. „Varnhagen v. Ense und L. Zunz" veröffentlichen Sie aus den Mappen, welche sich in der Varnhagen-Sammlung der hiesigen königl. Bibliothek befinden, eine „Eintrittskarte in den Tempel des verbesserten israelitischen Gottesdienstes zur Gastpredigt des Herrn Dr. Zunz am 16. Mai 1835 um 9 Uhr", und Sie bemerken dazu: „Aus dieser Eintrittskarte entnehmen wir, daß Zunz im Jahre 1835 noch gepredigt hat, was bis jetzt absolut unbekannt war. Es wäre sehr interessant, wenn irgend Jemand über diesen „Tempel des verbesserten Gottesdienstes" einige nähere Mittbeilungen machen wollte. In meiner Schrift: „Aus dem Leben von Leopold Zunz" (wissenfchaftl. Beilage zum 12. Jahresbericht der Lehranstalt f. d. W. d. I.) S. 34- 68 finden Sie alles Nöthige. Hier erfahren Sie, daß der „Tempel des verbesserten Gottesdienstes" die Prager Altschul-Synagoge ist, die von dem „Verein zur Einführung eines verbesserten israelitischen Kultus" für seine Zwecke übernommen und vor der Uebersiedelung Zunzens nach Prag umgebaut wurde. Zunz hat in Prag im Ganzen viermal gepredigt (Bergt, a. a. O. S. 11 unten) Am 4. Mai 1835 reiste Zunz zum Zwecke der Unterhandlung mit dem Verein nach Prag (Vergl. a. a. O. S. 44 oben). Der Vertragsentwurf ist vom 24. Mai 1835 datirt, und am 2. Juni schreibt Zunz wieder von Berlin aus an L. v. Lämmel nach Prag. Daß Zunz während dieser Zeit in Prag, wie aus der „Eintrittskarte" hervorzugehen scheint, eine Gastpredigt gehalten hat, war mir nicht bekannt. Aus den mir seinerzeit vorgelegenen Quellen ergab fich mir im Gegentheil, daß er während der Zeit seiner Unterhandlungen in Prag.nicht gepredigt hat. Ich kann indessen heute nicht mehr entscheiden, ob meine Quellen so zuverlässig waren, daß sie das Zeugniß dieser „Eintrittskarte" zu entkräften vermögen. Wie aber die Eintrittskarte in den Besitz Barnhagens gelangte, ob dieser etwa um dieselbe Zeit an eine Reise nach Prag dachte und sich darum die Eintrittskarte verschaffte, um Zunz zu hören, oder ob sie ihm von Zunz aus Prag mitgebracht und aus irgend einem Grunde zugeschickt worden war, das weiß ich nicht. Jedenfalls kann die Gastpredigt nur in Prag gehalten worden sein, was aber auch bisher schon nicht absolut unbekannt war. Ihr sehr ergebener Berlin, 11. März. Dr. S. Maybaum. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.