Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 11 (18.3.1898)
- Date
- 1898-03-18
- Page
- Seite 131 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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- 131 - Die Ghettogeschichte hat seit Leopold Kompert nur wenige Fortschritte gemacht. Ich nehme dabei die Arbeiten von Karl Emil Franzos aus, deren große Bedeutung vom poetischen und sozialen Standpunkt aus ich oft genug gewürdigt habe und nächstens wieder zu würdigen Veranlassung nehmen werde, und die in ihrer Art ohne Zweifel Meisterwerke sind. Aber unter Ghettogeschichten verstehe ich eigentlich eine Erzählung aus dem inneren Leben der Juden, aus dem religiösen und sozialen Leben, das durch den Zusammenstoß mit der modernen Kultur in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts ja so reichen Stoff an tragischen wie an komischen Konflikten geboten hat. Einen solchen Stoff hat Gotthard Deutsch mit großem Geschick, mit einer Sachkenntniß, wie sie sämmtliche Ghettodichter mit Ausnahme Bernsteins nie gehabt haben, und mit einer Objektivität, wie sie in unfern Kreisen ebenfalls nicht allzu häufig anzutreffen ist, in seiner Erzählung behandelt. In drei Büchern wird uns die Entwickelung einer großen jüdischen Gemeinde in Mähren während eines halben Jahrhunderts anschaulich geschildert. Das erste Buch führt uns die alte Kehilla vor, das zweite die Aera des Uebergangs und das dritte, in der Karriere des Ghettoknaben die neue Zeit. Nur wer selbst eine solche Entwickelung miterlebt und durchgemacht, kann beurtheilen, wie ausgezeichnet diese Schilderungen sind, wie lebenswahr der Autor die Charaktere gezeichnet, wie treffend er das Charakteristische, das Typische herauszugreifen verstanden hat. Eine Menge Figuren sind auf dem Schachbrett des Dichters versammelt, nur ein erfahrener Künstler vermag dieselben so zu dirigiren, daß das Spiel sich nicht verwirrt und daß er schließlich die Partie doch gewinnen muß. Aber wenn auch nur der, der die Judengaffe genau kennt, ein maßgebendes Urtheil über eine solche Erzählung fällen kann, so ist doch kein Gebildeter von der Lektüre und von der Beurtheilung ausgeschloffen. Jede gute Erzählung ist für alle Menschen geschrieben, also muß auch eine Ghettogeschichte für Jene intereffant sein, denen das stille Leben der Judengaffe ganz fremd und unverständlich war. Freilich bedingt dies eine Voraussetzung, die heute nicht überall erfüllt werden wird, denn zu ihrem wirklich vollen Verständniß gehört eine wahre Bildung, nämlich jene Bildung, welche die Fähigkeit verleiht, sich in fremde, ungewohnte Anschauungskreise hineinzuleben. Unser Autor ist populär in dem Sinne, in welchem alle wirklich begabten Dichter populär sind; er zieht keinen Apparat von Gelehrsamkeit herbei, durch welchen nmn sich erst mühsam durchzuwinden hätte, um dann womöglich mit verdorbenem Magen endlich an die wohlbestellte Tafel zu gelangen; er erzählt vielmehr „schlecht wie recht", d. h. einfach und natürlich, wie es vom Herzen kommt, aber er erzählt uns Dinge aus einer den meisten Lesern fremden Welt, und darin liegt eine Aufforderung, das Buch mit jener Freiheit des Geistes zu lesen, welche wir heute auch von Denen verlangen, die in die Schönheiten der Antike sich einführen lassen, deren Geist sie ja ebenfalls nicht mit der Muttermilch eingesogen haben. Ganz anders geht es freilich Jenen, die im Ghetto gelebt oder gar Kinder dieser Judengaffe sind. Es geht ihnen wie jenem Kritiker bei der Lektüre eines Buches, dessen meiste Ideen ihm schon von früher bekannt waren; er ist fast immer versucht, den Hut abzunehmen, denn es sind ja lauter bekannte und liebe Gestalten, die ihm in dieser Geschichte entgegentreten. Dieser alte Mordche, Schulklopfer, dieser Hanswurst Anschel Nenschitz, dieser brave und gelehrte Reb Bär, dieser Landschnorrer, die alte Chawe und wie sie alle heißen mögen, ich habe sie alle gekannt, sie leben alle in meiner eigenen Erinnerung wieder auf, sie mahnen mich in jedem einzelnen Moment an die Jugendtage meiner eigenen Heimath. Jeder Zug ihrer Erscheinung ist mir so bekannt, so natürlich, so selbstverständlich, als ob es gar nicht anders hätte sein können. Und über ihnen allen steht die ehrwürdige Gestalt des Patriarchen der Gemeinde, des Reb Rephoel Cohen. Ich habe ihn nicht gekannt, aber ich kenne ihn jetzt genau. Und das ist das Verdienst des Erzählers. Vielleicht interessirt es nebenbei die geschätzten Leser, wenn ich ihnen erzähle, daß dieser alte Rephoel Cohen wirklich existirt und genau so existirt hat, wie ihn Deutsch schildert. Er war ein sehr reicher und frommer Mann, und in seinem Hause hielt er schon damals zwei Lehrer, einen für die jüdischen Fächer, den anderen für die sogenannnten „profanen" Wissenschaften. Der eine war der Vater des Autors dieser Erzählung, der andere war der Vater — des Kritikers. So verschlingen sich km menschlichen Leben die Schicksale seltsamer, bunter und abenteuerlicher, als sie selbst die ausschweifendste Phantasie des Dichters ersinnen könnte. Und auch die Gestalten der Dichtung, die schon aus dem modernen Leben entnommen sind, der Doktor Max Cohn, der Bürgermeister Schwarzmann, Leonore Rosenbaum, der Gemeinderath Hasset und nungar erst der moderne Rabbiner Dr. Kriegsfelder, auf den unser Autor gar nicht gut zu sprechen ist, mit welcher Wahrheit und Anschaulichkeit sind sie alle geschildert! Phantasie, Hunior und Gemüth haben an diesem Werke zugleich gearbeitet, und dazu brachte der Autor noch eine besondere Mitgift aus dem heimischen Mutterboden. Die weichsten Töne der Empfindung weiß er anzuschlagen, und gleichzeitig trifft er mit schonungsloser Geißel die Thorheiten und Schwächen jener Leute. Er ist des Erhabenen mächtig, doch auch im komischen Rayon zu Hause, und das Höchste gelingt ihm im Gebiet des versöhnenden Humors. Zum Dichter gesellt sich der Denker; ihn reizen die Probleme und Fragen, die das Judenthum der Uebergangsperiode bewegen. Er ist ihnen niemals aus dem Wege gegangen, aber in dieser Geschichte zieht er es vor, sie in verschiedenen Gestalten selbst aussprechen zu lassen. Der ganze Eindruck ist, um es zusammenzufassen, der der Rührung und Wehmuth, und ich zweifle nicht, daß Viele mit mir diese Empfindung theilen werden. Auch sie werden glauben, in der Geschichte ihres eigenen Lebens zu blättern. Freilich wäre das nur ein sehr beschränktes Publikum Derer, die das Leben und Lieben, das Hoffen und Bangen, den Schmerz und die Freuden der Judengasse miterlebt, mitempfunden haben. Darüber hinaus wendet sich die Erzählung an alle Die, welche auch in dieser trüben Zeit den Sinn für alles menschlich Wahre sich erhalten haben, und auch bei diesen wird sie, so hoffe ich, liebevolle Theilnahme finden. 6. K. EUILLETON Aus dangen Tagen. Historische Erzählung aus der römischen Naiserzeit. Bon Carl Griot. IX. ^Tenn der goldene Helios sich aus dem Dunkel der Nacht er- ~ 1 hob und die weite Erde von Neuein mit herrlichem Licht überfluthete, herrschte auch sonst schon reges Leben und Treiben in den palastgeschmückten Straßen und Plätzen, die zur Kurie führten. Heute aber war das Bild, das sich dem Beschauer bot, ein besonders reiches und prächtiges.