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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-03-18 · Heft 11 (18.3.1898) · p. Seite 130

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 11 (18.3.1898)
Date
1898-03-18
Page
Seite 130 (sequence 10)
Language
German
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130 unter denen Paris vor einigen Jahren zitterte). Auf seinen Glauben legt er kein großes Gewicht, und wie er daher keinen Anstoß genommen hatte, eine Jüdin zu heirathen, so hat er auch in seiner langen Ehe niemals deren Uebertritt zur christlichen Kirche verlangt oder auch nur gewünscht. Dieser Uebertritt wird jedoch von der Frau selbst aus eigenem Antriebe vorgenommen, wenige Jahre bevor der Roman spielt. Er fand pomphaft, wie es die Sitte jenes Hauses ist. statt, in der großen Madeleinekirche, unter der Assistenz von „ganz Paris". Nicht etwa aus Gläubigkeit war dieser Schritt geschehen. Denn jede Spur religiösen Sinnes fehlt dieser Frau ebenso wie etwa abergläubische Ideen oder Familienzugehörigkeit, die bei so vielen Frauen ja den Anlaß zu einem Religionswechsel bilden. Der Grund zu diesem Schritt lag vielmehr in dem Liebesverhältniß der Baronin zu dem jungen Baron Gerard de Quinsac, eben dem Vertreter des alten verarmten Adels, von dem schon oben die Rede war. Den Liebesabenteuern dieses ungleichen Paares ist nach alt- Zola'scher Weise ein breiter Raum gegönnt. Derselbe Adlige nun, der in den Armen der Mutter sein Vergnügen sucht, empfindet Mitleid für ihre häßliche, verwachsene Tochter Camille und heirathet letztere schließlich. Es wird durchaus nicht genügend motivirt, wie bei dem jungen Mann das Mitleid sich zur Liebe gestaltet, wenn wirklich von dem letzteren Gefühle hier die Rede sein kann, wie die Leidenschaft für die schöne elegante Mutter sich zur bloßen Freundschaft abschwächt und wie der vornehme, auf seinen Namen und seinen Adel so stolze Marquis sich zuletzt doch durch die Millionen erkaufen läßt, deren zweifelhaften Ursprung er kennt. Freilich, der hauptsächliche Anstifter dieser Ehe ist nicht der Marquis, sondern Camille, die, ebenso schlau wie häßlich, es als ihre Lebensaufgabe betrachtet, den Galan der Mutter zu entreißen. Die Szenen, in denen dies geschildert wird, sind meisterlich ausgeführt, wenn auch der ganze Vorwurf Manchem widerwärtig erscheinen möchte. Auch das jenem Ausgang Vorangehende ist anstößig genug. Die Art, wie die Tochter von der Lebensweise der Mutter unterrichtet ist, jede Zusammenkunft ausspionirt, jeden Händedruck kontrolirt, verträgt sich mit unserer Anschauung von dem Wesen junger Mädchen keineswegs. Neben dieser Tochter steht der Sohn, Hyacinthe, das Mannweib, „der Jüngling im Unterrock". War die Tochter das echt realistische, von allzu robuster Gesundheit erfüllte junge Mädchen, ohne Ideale, ohne Respekt, voll Thatkraft und Egoismus, so ist der Sohn die phantastische und ungesunde Treibhauspflanze modernster Hyperästhetik. Er ist ein geistiger Schwärmer und Schwelger. Er will die Frau nicht kennen, sondern liebt nur das Unkörperliche. Er ist ein müder Jüngling, der lieber alles duldet, als daß er Aufsehen erregt. Die Art, wie er seinen Vater, um dessen Liebesaffäre mit einer schönen aber gänzlich verderbten Schauspielerin er genau Bescheid weiß, tröstet, da dieser reiche und mächtige Patron von dem schlauen Schützling betrogen wird, nachdem er jener die größten Opfer gebracht und selbst das fast Unmögliche — ihr Auftreten in der Lomöäie Fran^aise — durchgesetzt hat, oder die Art, wie er von einer excentrischen, nach jeder neuen Sensation lüsternen Prinzessin zu einer rein idealen Reise nach Norwegen verführt wird und schließlich, trotz aller Sehnsucht nach seelischer Gemeinschaft, dem gewöhnlichsten Sinnenreiz unterliegt, sind groteske Szenen allerersten Ranges. Man sieht : Juden im strengen Sinne des Wortes, d. h. solche, die im Judenthum geboren und verblieben sind, kommen eigenflich nicht vor. Wenn auch einmal ein jüdischer Staatsanwalt (in dem Prozeß gegen den Anarchisten) genannt wird, so geschieht dies nur, um eine kurze Bemerkung über sein Aussehen anzubringen. Der jüdische Bankier, dessen Tochter und Nachkommenschaft in dem Roman eilte so große Rolle spielen, wird gleichfalls nur angeführt, aber in keiner Weise charakterisirt. Die Hauptpersonen eines Theiles des Romans sind vielmehr eine schöne Frau jüdischen Ursprungs, die aber schließlich Christin wird, als Vertreterin des galanten Pariser Lebens, und ihre gleich nach der Geburt dem Christenthum zugeführten Kinder. Die Vorführung dieser Personen ist kein bloßer Zufall, da ja Zola selten oder nie reine Geschöpfe seiner Phantasie agiren läßt. Sie hängt vielmehr mit seinen Theorien zusammen. Denn zu der oben gekennzeichneten idealistischen Tendenz gehört die Anschauung, daß eine Aera der Arbeit und Gerechtigkeit erst nach Vernichtung der alten verfaulten Zustände beginnen kann. Andererseits sind die Kinder wiederum nur Produkte der elterlichen Erziehung, Fortsetzung oder Widerspiel der in den Eltern wirksamen Eigenheiten und Kräfte. Die Genußsucht ist der vorherrschende Zug der Eltern. Beim Vater äußert sie sich wesentlich im Hunger nach Geld, bei der Mutter in Hunger nach Liebe. Die Genußsucht führt bei den Kindern zur Uebersättigung. Sie läßt das Mädchen zum starren Egoismus gelangen, den Jüngling zur Entkörperlichung, zur lächerlichen Phantasterei. Sittliche Roheit und geistige Verkehrtheit sind die Früchte des innerlich verfaulten Protzenthums, welche uns in zwei Typen, dem christlichen Spekulanten und der Tochter eines jüdischen Jobbers dargestellt werden. Das ist kein Antisemitismus, sondern eine Weltanschauung, deren Ehrlichkeit und Richtigkeit zuzugeben wir nicht abgeneigt sind. Aus schlechtem Samen kommt keine gute Frucht. Zola schildert in seinem neuen Roman auch einen Bußprediger von großer Glaubenskraft und hinreißender Beredsamkeit. Einem Bußprediger könnte man ihn auch in diesem Werke vergleichen. „Reiniget Euch," so scheint er vor allem seinen Landsleuten zuzurufen, „auf daß Ihr würdig werdet der neuen Zeit." — „Paris glänzte," so lauten ungefähr die Schlußworte des Romans, „von der göttlichen Sonne mit Licht überfluthet, in seinem Schooße bergend die kommende Saat von Freiheit und Gerechtigkeit." Eine Ghetto-Geschichte. ie ungewöhnlich der Vorfall auch sein mag, ich kann es doch nicht Unterlasten, mit meinen geschätzten Lesern heute ein wenig über eine Erzählung zu plaudern, die bereits vor einem Jahre in diesen Blättern abgedruckt stand. In der That, der Vorgang ist ungewöhnlich, aber er läßt sich, so meine ich, gar wohl erklären. Ich kann es mir vorstellen, daß ein Redakteur die Verpflichtung fühlt, mit seinen Lesern sich wegen einer Erzählung auseinander zu setzen, die Aufnahme dieser zu rechtfertigen und zu begründen oder auch ihr Verständniß und ihre Bedeutung näher zu erläutern. Ich befinde mich im letzteren Falle. An und für sich hat die Erzählung aus dem jüdischen Leben der jüngsten Vergangenheit: „Andere Zeiten"') den meisten Lesern ja wohl sehr gut gefallen, aber es ist doch etwas anderes, eine Geschichte in Fortsetzungen länger als ein Jahr hindurch oder in einem hübsch ausgestatteten Buche hinter einander zu lesen. Den rechten Eindruck erhält man doch erst durch eine solche Lektüre; und so wie man dem Dichter Unrecht thut, wenn man sein Werk, wie das leider nur zu oft geschieht, nach einzelnen Fortsetzungen beurtheilt, so muß man ihm auch sein Recht zukommen lasten, indem man seine Arbeit als ein abgeschloffenes Kunstwerk noch einmal genau prüft und beurtheilt. l) Gotthard Deutsch: Andere Zeiten. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben der jüngsten Vergangenheit. Berlin 1898. Albert Katz.

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