Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 11 (18.3.1898)
- Date
- 1898-03-18
- Page
- Seite 129 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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129 ist das Gesunde, romantisch das Kranke", bewährt sich oft genug im Laufe der Zeit. Die wahrste und reinste Lebenslust der Dichtung bleibt doch das klassische Ideal. Und so vollzieht sich bei kraftvollen Persönlichkeiten, bei wirklich starken Naturen der Durchgang vom Naturalismus nur durch die Romantik zum Idealismus. Der Kampf um die höchsten Güter, um religiöse und sittliche Freiheit bilden den Gegenstand in bedeutsamen Werken wirklicher Dichter. Zola ist auf dieser Stufe angelangt. So hoch steht er in der Dichtung wie im Leben. Daher konnte sein Kampf für Recht und Freiheit nur den Kurzsichtigen unerwartet kommen. Diejenigen, die immer nur den extremen Naturalisten, den Schmutzmaler, den wollüstig in der Gemeinheit Schwelgenden vor sich sahen, mochten sein Eintreten für einen unschuldig Verurtheilten als Modesache oder gar als eine Reklame betrachten. Aber im Grunde ist es dieselbe Entwickelung wie bei Voltaire. Wie bei ihm, dem boshaften Erzähler der burleskschmutzigen Abenteuer der Pucelle bis zu dem Vertheidiger des Calas, der laute Schrei nach Aufklärung, nach sittlicher Ausbildung und Vervollkommnung ertönt, so auch bei dem Poeten des 19. Jahrhunderts. Sie haben Beide, wie die Franzosen leicht oder immer, ein wenig Pose, sie rufen die ganze Welt zu Zeugen, aber indem sie von Menschlichkeit reden, dienen sie wirklich der Sache der Menschheit. Noch ein anderer Fortgang läßt sich bei Zola bemerken: Während manche seiner früheren Romane diese Bezeichnung nicht verdienten, ist sein neues Buch wirklich ein Roman. Jene verdienten diese Bezeichnung nicht, weil sie entweder Genrebilder waren, zwar breit ausgeführt, aber ohne rechte Abrundung, Situationsschilderungen ohne genügende Entwickelung der Charaktere oder Heraufführung der Träger dieser Charaktere bis zu einem bestimmten Abschlüsse, oder weil sie, wie namentlich die letzten Werke, gar keine oder nur im geringsteil Grade Erzählungen waren, die ihren großen Umfang nur durch ermüdende Ausmalung der Situationen und durch unendliche psychologische Detailschilderung erreichten. Das neue Buch dagegen, trotz aller seiner Kleinmalerei, in der die Kunst der plastischen Gestaltung einzelner Bilder und Oertlichkeiten wahrhafte Triumphe feiert, und trotz mancher psychologischen Ausführungen, ist wirklich ein Roman. Es darf eine solche Bezeichnung in Anspruch nehmen, nicht blos weil es ein Fortschreiten und einen starken Wechsel der Handlung (Kammer- und Gerichtsverhandlungen, Börse und Minister- Hotels, Theater und Cafe chantant, adlige und Arbeiterwohnungen, Wohlthätigkeitsfeste und Armenherbergen, Kirche und weltliche Vergnügungen) zeigt, sondern weil es de» Haupthelden von einer Stufe seines äußeren und inneren Daseins nach manchen Kämpfen zu einer anderen geleitet und zu einem bestimmten Punkte fördert, auf dem angelangt, er den Abschluß erreicht haben kann, dessen er überhaupt fähig ist. Solchem Fortgange in der Entwickelung und Kunst des Dichters gegenüber wird der ruhige Beurtheiler, der bei aller Sympathie kein großer Lobredner sein will, doch konstatiren müssen, daß Zola nicht selten in seine Eigenthümlichkeiten verfällt, die ihm eine so besondere Stelle unter den Autoren der Gegenwart einräumen. Zunächst verweilt er noch immer gern bei derfSchilderung sittlicher Gebrechen; die Ehefrau, die, ihrer Pflichten uneingedenk, einem jugendlichen Liebhaber nachläuft, die gemeine Dirne, die mit großer Kunstfertigkeit die Unsittlichkeit betreibt und die infamsten Vergnügungen bevorzugt, bleiben seine Lieblingstypen. Auch seine häufig vorgebrachte These, daß der Mensch ausschließlich ein Produkt der Vergangenheit ist, daß immer und immer wieder die Charakter- und Geisteseigenschaften der Vorfahren und nur diese in späteren Geschlechtern wirksam sind, wird er zu verfechten nicht müde. Aber wie sehr dies alles im Grunde nur Ueberbleibsel einer früheren Manier und ehemals vorgetragener Lieblingstheorien sind, die, da sie einmal gepflegt worden, nicht kurzer Hand aufgegeben werden können, ersieht man daraus, daß der Autor hauptsächlich als idealistischer Verklärer zweier Gesellschaftskreise auftritt, daß er die alte und neue Zeit zu verbinden und sie, obgleich sie einander widersprechen, zu versöhnen scheint. Es ist einerseits der alte Adel, in einzelnen verarmten aber ehrenwerthen und in einigen reich gebliebenen, in der edlen Tugend der Entsagung verharrenden Mitgliedern; andererseits eine schlicht bürgerliche Familie strebsamer, arbeitsfreudiger Menschen, deren Haupt Sozialdemokrat, ja Anarchist ist und — ein echtes Stückchen alter Romantik — einen verheerende Wirkung übenden Sprengstoff, den er gefunden hat, nach Besiegung einer kurzen Verirrung nicht etwa zur Vernichtung der Civilisation, sondern zu ihrer Ausbreitung benutzen will. Zuerst beabsichtigte er, diesen Stoff der französischen Regierung zur Verfügung zu stellen, um sie in den Stand zu setzen, alle ihre Feinde völlig zu vernichten. Dann erachtet er es für seine Aufgabe, genügende Mengen seines Mittels allen Gewalten der Welt zu übergeben, um dadurch den Krieg für immer unmöglich zu machen. Diese Anarchistenfamilie, aus Vater, Schwiegermutter, drei Söhnen bestehend, ist der Träger einer, man möchte fast sagen Jean Paul'schen Idylle. Jeder ein Prachtmensch, fleißig, tugendhaft, aufopfernd. Ja, die bis zum Uebermaß gesteigerte Aufopferung geht soweit, daß der Vater, Guillaume Froment, der lange entfremdete und nun wieder versöhnte Bruder Pierres, der in etwas künstlicher Weise auch zum Heldeil dieses Romans heraufgeschraubt wird, diesem seine Braut übergiebt, die er trotz seiner hohen Jahre errungen hat und heimzuführen im Begriffe steht, weil er erkennt, daß das Mädchen ihm nur verehrungsvoll ergeben ist, während sie Pierre wirklich liebt. Und so endet für Pierre der lange Kampf, über dessen bequenie Ausgleichung Manche lächeln mögen, damit, daß er sein Priesterkleid auszieht, auf dem Zweirad fährt und heirathet und in seinem Kinde den Träger der Zukunftsgedanken und den idealen Herrscher des neuen Paris erblickt. Alles dieses mußte ich vorausschicken, da es vielleicht dem Leser einer jüdischen Zeitschrift zu weit hergeholt und ungehörig erscheint, um ihm das Werk und den Mann verständlich zu machen, von dem hier die Rede ist. Aber der jüdische Leser darf wohl auch mit Recht fragen: Hat der Roman nicht speziell mit Juden zu thun? — Gewiß. Und leider nicht in allzu erfreulicher Weise. Juden oder wenigstens Personen jüdischen Ursprungs treten nicht etwa blos in einer Episode auf, die nach Belieben aus dem Roman entfernt werden könnte, sondern in einer sehr breit ausgeführten Schilderung, die für die ganze Erzählung außerordentlich wichtig ist, obwohl sie mit dem, was bisher als Inhalt des eigentlichen Romans skizzirt wurde, nicht allzu viel zu schaffen und mit dem wirklichen oder vermeintlichen Haupthelden gar nichts zu thun hat. Es handelt sich um die Frau des Bankiers, des Baron Duvillard, eine zwar 46 jährige, aber noch immer schöne blonde Jüdin, die Tochter des jüdischen Herrn Justus Steinberger (man bemerke, daß in diesem Falle, wie in allen eigentlich antisemitischen französischen Romanen, der Jude einen deutschen Namen führt), der, dem Ruin nahe, seine Tochter dem Sohne des reichen christlichen Konkurrenten zur Frau gegeben hat. Dieser Baron ist einer der kühnsten, rücksichtslosesten und zugleich vom Glück am meisten begünstigten Spekulanten (die Sache der „afrikanischen Eisenbahn" mit den Cheks und der Liste der Bestochenen spielt im Roman eine ebenso große Rolle wie die Bombenattentate,