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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-03-18 · Heft 11 (18.3.1898) · p. Seite 128

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 11 (18.3.1898)
Date
1898-03-18
Page
Seite 128 (sequence 8)
Language
German
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128 reden, pro aris atque focis, für Haus und Herd; für die Religion zu kämpfen, war neu. Nicht um irgend welche sinnlichen Güter, nicht um Haus und Hof, nicht einmal ums Leben schließlich handelt es sich; denn zwar mit Anspannung aller geistigen und leiblichen Kräfte, mit unvergleichlichem Muth und unerhörter Tapferkeit wird gestritten: aber mitten im härtesten Kriege strecken die Kämpfer die Waffen und bieten ihr Leben dar, um den Sabbath nicht zu entweihen. — Das bedeutet für den inneren Bestand lind Gehalt der Volksseele nicht blos religiöse Begeisterung, sondern zugleich die höchste sittliche Kraft der Hingebung an die Idee und der Aufopferung für sie. Die wahre, die innere, geistige Freiheit, des Menschen höchstes Gut und höchste Würde ist es, um welche der Kampf entbrennt! — Gewiß, nicht allen Kriegern ist die treibende Kraft der Idee zum Bewußtsein gekommen, aber in allen hat sie als solche gewirkt, hat sie ihre Energie gespannt und in Bewegung gesetzt. Viele würden, was in ihnen lebte, weder mit Worten zu sagen, noch in klaren Begriffen zu denken vermocht haben; aber ob auch dumpf und dunkel, mit siegreichem Erfolge wirkt in ihnen die Ueberzeugung, daß das Leben nur einen Werth hat, wenn die religiöse Gesinnung in ihm sich offenbaren und darstellen kann. (Fortsetzung folgt.) Jolas neuer Noman.') Besprochen von Prof. Dr. Ludwig Geiger. B^V^on Zola, dem kühnen Kämpen, ist mit Recht in den letzten Wochen mehrfach auch in diesen Blättern die Rede gewesen. Denn diesen Mann in seinem Kampf für Recht und Freiheit, der noch dazu einem Juden gilt, müssen wir bewundern, selbst wenn wir sonst als deutsche Juden keinerlei Lust haben, internationale Sympathien zu hegen und in jedem irgendwo angegriffenen Glaubensgenoffen eine Beleidigung unserer selbst zu sehen. Gewiß ist hier einer jener Fälle, wo man mit Börne am Anfänge seiner Skizze „Für die Juden", 1819, ausrufen kann: „Für Recht und Freiheit sollte ich sagen; aber verstünden das die Menschen, dann wäre keine Noch, und es bedürfte der Rede nicht." Nicht also für die Juden, sondern für Recht und Freiheit trat Zola im Anschluß an den Dreyfus-Prozeß ein; Recht und Freiheit ist auch der Schrei in seinem jüngsten Roman. Der Drei-Städte-Roman Lourdes-Rom-Paris ist mehr ein kulturgeschichtliches Werk als eine Erzählung. Bei diesem Werk ist zunächst der Fleiß und die ungeheuere Fruchtbarkeit des Autors zu bewundern. Die drei Werke füllen mehr als 1500 so eng gedruckte Seiten, daß man daraus bequem etwa 2400 übliche deutsche oder französische Romanseiten, d. h. acht Bände, machen könnte. Das Ganze also ist ein Werk, das man an Umfang dem Gutz- ’) Les trois villes. Paris par Emile Zola. Paris. Bibliotheque Charpentier, Eugene Fasquelle editeur. Paris 1898. Ein Band von 608 enggedruckten Seiten. Das Buch, vorher in einer Pariser Zeitung erschienen, gleichzeitig in verschiedenen Sprachen in Uebersetzungen veröffentlicht, muß in einem Umfange, wie kaum ein anderes, vorherbestellt worden sein. Mir liegt die 45. Auflage vor; an dem Schaufenster einer Berliner Buchhandlung waren Exemplare der 60. Auflage ausgestellt. Das bedeutet, da jede Auflage 1000 Exemplare umfaßt, eine Vorbestellung von 50 000 Exemplaren vor Ausgabe des Buches. Einen ähnlichen Erfolg hat ein deutsches Buch noch nie gehabt. Selbst Sudermanns „Johannes", der jetzt, ein paar Wochen nach seiner Erstaufführung, bei der 18. Auflage ist, reicht daran nicht heran. kow'schen Roman „Ritter vom Geist" oder dem „Zauberer von Rom" an die Seite stellen möchte. Ein derartiger Vergleich ist aber auch sonst angebracht. Gutzkow kämpfte wider Rom und für Geistesfreiheit. In neuester Zeit, bei der großen Entwickelung und den Fortschritten der Wissenschaft meint man jenen Freiheitskampf ausgekämpft, nur der Kampf wider Rom, die schier unzerstörbare Weltmacht, ist geblieben. An die Stelle des Kampfes mn Geistesfreiheit ist der um Arbeitsfreiheit getreten. Statt vom dritten redet man nun vom vierten Stande. Befreiung von Rom und Aufhören der sozialen Knechtschaft könnte man als die eigentliche Tendenz des neuen Buches bezeichnen. Des neuen Buches; denn ist das Buch eigentlich ein Roman? Wer die beiden ersten Bände der Städte-Trilogie kennt, der wird mit sehr geringen Erwartungen, einen wirklichen Roman zu finden, an die Lektüre des neuen Bandes gegangen sein. Denn die ersten beiden sind kaum als Roman zu bezeichnen. Der Inhalt des ersten ist das Entdecken des ungeheueren Schwindels der sogenannten Wunderquelle; der Hauptinhalt des zweiten eine Darstellung des Getriebes in Rom und der Unfähigkeit des Papstthums, eine gesunde Verbindung mit den modernen Ideen herzustellen. Was die beiden ersten Bücher mit einander verbindet, das ist die Hauptperson, der junge Abbe Froment. Er ist in seinen religiösen Ueberzeugungen wankend, will sie in Lourdes stärken, aber erfährt nur an sich die Wunder der Aufklärung. Er will in Rom zur inneren Ruhe gelangen, aber bemerkt bei den Höchststehenden nur Herrschergelüste und Verlangen nach äußeren Ehren, in höheren Kreisen Scheinheiligkeit und Rohheit und muß einsehen, wie ganz unmöglich das Erscheinen seines Buches, „das neue Rom" ist, in dem er eine Vereinigung des Katholizismus mit der neuen Zeitrichtnng verkünden will. Man konnte sehr begierig sein, zu welcher Stufe der Entwickelung der junge Abb« nun in Paris gelangen sollte. Mit Rücksicht auf die frühere Zola'sche Manier hätte man wohl daran denken können, daß noch einmal wie in „Nana" und „Potbouille" die ganze Verworfenheit des Pariser Dirnen- und Lebemännerwesens an uns vorübergeführt würde. Wie die Wundersucht den irre Gewordenen zum Wunderleugner, wie die Verweltlichung der Kirche denselben zu einem Religionsschwärmer gemacht hatte, so konnte die Unsittlichkeit einen Sittlichkeitsapostel Hervorbringen. Dazu aber hätte Zola noch der Realist oder Naturalist sein müffen wie früher. Der ist er aber nicht mehr. Man kann vielmehr in seiner Entwickelung die drei Stufen verfolgen, die in der neuen Litteraturperiode fast in jeder Generation uns entgegentreten, und die ebenso das Wort des Rabbi Akiba bestätigen, daß alles schon dagewesen sei, wie die Lehre vom Kreisläufe aus dem animalischen ins geistige Leben übertragen. Es ist die Stufenfolge: Sturm und Drang, Romantik, Idealismus. Sturm und Drang sehnt sich nach Befreiung des Individuums, lehrt die Emanzipation des Fleisches, die freie Liebe. Der Ueberschwang der Gefühle, der in der ersten Periode in einer oft unerfreulichen Hervorhebung des Physischen, des Genußlebens sich zeigt, bekundet sich in der zweiten in einer unerquicklichen Ausbildung des Gefühlslebens. Romantik heißt hier: ungesunde Schwärmerei, zu stark ausgereiste Sentimentalität. Sie kann sich als Träumerei darstellen oder bis zum Mystizismus verirren: die klassischsten modernen Beispiele dafür sind Zolas „Le Reve“ und Hauptmanns „Hanneles Himmelfahrt" und „Die versunkene Glocke." Aber gesunde Geister werden, wie sie abgestoßen sind durch widrigen Naturalismus, auch in der Romantik kein Genüge finden. Das Goethe'sche Wort: „Klassisch

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