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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-03-18 · Heft 11 (18.3.1898) · p. Seite 127

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 11 (18.3.1898)
Date
1898-03-18
Page
Seite 127 (sequence 7)
Language
German
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127 befestigt. Kein gemeinsamer und Allen zugleich dienender (Opfer-) Kultus mehr, aber desto reinerer und tieferer Gottesdienst und festere religiöse Gesetzlichleit, zugleich als Symbol des ethischen Gehorsams und der ethischen Lebensgemeinschaft. 8 29. Nicht genug kann dieser historische Unterschied des jüdischen gegen andere Völker hervorgehoben werden. Ueberall sehen wir, — dafern die Nationen nicht ganz und gar aufgelöst, weil ihre Glieder von den siegreichen Völkern aufgesogen werden, — wie denn die späteren Griechen keine Griechen, die Römer keine Römer, die Babylonier keine Babylonier mehr sind! — überall sehen wir, daß der Zerfall des Staatslebens die Völker zum Individualismus führt. Diesen suchen dann sowohl die Stoiker wie die Epikuräer auch theoretisch zu begründen. Bei den Juden aber tritt eine neue Art geistig-sittlicher Einheit, ein ganz eigenartiges soziologisches Element hervor: schon das Festhalten an dem eigenen Gesetz, an den überlieferten Prinzipien der Lebensführung, das zähe, ausdauernde, durch zahlreiche Martyrien besiegelte Festhalten, anstatt mit der geistigen Invasion des Siegers zu paktiren, war charakteristisch; dazu gesellte sich gerade jetzt der auf Gleichheit und Einheitlichkeit zielende Ausbau.") — Aus der Einheit aller Satzung aber erblühte zugleich die Allen gemeinsame Verpflichtung auf die Ehre, die Würde und den Bestand des Ganzen. Trotz der Zerstreuung in alle Länder, wer und was Einer auch sei, wo er lebe, er ist verpflichtet zu DfeH iPlTp/ die Gesammtheit als solche ist vLN BHpte Heiligung des göttlichen Namens. 8 30. Auch bilden die Gemeinden von jetzt ab eine neue Art sozialer Verfassung aus. Der alte sozial-agrarische Staat mit seiner Rechtssorge für alle einzelnen Familien, mit seiner Erhaltung des Grundeigenthums in jeder derselben, mit seinen Erlaß- und Freiheits- (Jobel-) Jahren, mit seiner Ueberweisung der „Nachlese", der „Felderecken und des Vergessenen" an die Armen und, wohlgemerkt, an die „Fremden", — dieser Staat ist verschwunden und das Ideal des bürgerlichen Behagens: „Jeglicher unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum" ist unerfüllbar geworden. Jetzt aber kommt eine Armengesetzgebung für die Gemeinden von großer Weite und Strenge empor.2) Jetzt erst recht fühlen Alle, die in der weiten Zerstreuung leben, daß sie ethische Bürgen für einander sind: jetzt erst recht, und mehr als je, halten sie sich für das Volk Gottes: 'n DP, und die Ethymologie von versammeln, vereinigen, bewährt sich im Gefühl der Massen. Der Grund ihrer Einheit ist nicht mehr auf Erden, aber droben in der Höhe; nicht mehr ein Vaterland, aber der Vater im Himmel bildet ihre Einheit. Jetzt erst recht in der immer trüberen Gegenwart ein Festhalten der Vergangenheit; der Begriff des riiax JTDt wird im spezifisch-jüdischen Sinn ausgebildet Der politische kluge Römer wußte sehr gut, daß mit dem Fortbestand des jüdischen Gesetzes auch der Fortbestand und eine gewisse Widerstandskraft des jüdischen Stammes gewährleistet sei; seine Verfolgung galt deshalb am meisten dem Studium und der Erfüllung des Gesetzes; er haßte dieses, er haßte den Geist der Juden noch viel mehr als ihre Personen. Der Haß verblendet. Der Römer konnte die Vorzüge des jüdischen Gesetzes nicht erkennen. Der jüdische Geist war ihm, mehr als alles Andere, — ein Räthsel. Wie ganz anders stch die Invasion des griechischen Geistes für die Juden gestaltet hatte, das zu erkennen, ist sehr lehrreich, liegt uns aber hier fern. 2) In welcher den Nichtisraelite» dieselben Leistungen wie den Israeliten gewährt werden. (S. Gittin 61 Vgl. Kap. 3). Höchst charakteristisch für die Continuität des Geistes ist es, daß (ca. 1000 Jahre nach der Zerstörung des agrarischen Staates), Maimonides in seinem Kodex die Armenspende noch mitten im Abschnitte der Agrikulturgesetze QijHf darstellt. und hat seines Gleichen bei keinem anderen Volke; und jetzt erst recht ist der Blick in die Zukunft, die Hoffnung auf ein messianisches Reich gerichtet, das die ganze Menschheit umfassen soll. — In der hergestellten Gebetordnung, die sich überallhin verbreitet, wird immer und immer wieder um das Ziel aller Geschichte, „daß die Erde voll werde von der Erkenntniß Gottes" gebetet; denn nicht mehr thront Gott in Jerusalem, sondern „an allen Orten, wo meines Namens gedacht wird, komme ich und segne" (2. B. M. 20, 24), wozu Aboth 3, 7 zu vergleichen. Wohin der Gottesgedanke getragen, wo er gepflegt wird, da ist das Heiligthum. Alles Ernstes und in voller Harmonie aller Schüler und Lehrer leuchtet aus dem ganzen rabbinischen Schriftthum die ideale Forderung hervor: jedes Haus ein Tempel, jedes Herz ein Altar, jeder Mensch ein Priester. Und zwar jeder Mensch, nicht blos jeder Israelit, lautet die Hoffnung und die Vorschrift; an zahlreichen Stellen im Talmud mtb Midrasch wird hervorgehoben, daß die Gebote des biblischen Gesetzes sich an „den Menschen" richten, und betont: „Nicht Priester oder Levit oder Israelit heißt wörtlich in der heiligen Schrift der Träger des Gesetzes, sondern Mensch" — Adam. (S. u. A. Abodah sarah 3 a. zu Levit. 18, 5). 8 31. Ich habe in 8 17 von dem Neuen gesprochen, das nach der Zerstörung des Tempels emporgebracht wurde. Aber ist es auch mit neuen, den historischen Umständen entsprechenden Wendungen zu energischem Leben gediehen, so konnte es doch nach dem innersten prinzipiellen Grunde auf die Schöpfungen der Vergangenheit zurückgeftthrt werden. Wie der zuletzt besprochene Gedanke schon in den Propheten seine Quelle hat, und sogar im Gebet Salomonis bei der Aufrichtung des Tempels seinen klaren Ausdruck findet (1. Könige 8, 41 f.), so hat auch die von Jochanan b. Sakkai begründete Richtung und die Pflanzung der bezeichneten drei ethischen Triebkräfte ihren Vorläufer in dem Ausspruch Simons des Gerechten, — der gewiß als ein geflügeltes Wort in allen Schulen und in allen Häusern bekannt war (Aboth 1, 2) —: Auf drei Dingen besteht die (ideale!) Welt, auf der Lehre, dem Wohlthun, und dem Kultus. Nur daß Simon sicher dabei an den Opferkultus gedacht hat, während später jede spezifisch religiöse Uebung zur Abodah (Gottesdienst) gerechnet wird, deren Satzungen festzustellen und gleichmäßig zu verbreiten das Anliegen der Männer von Jabneh und der nachfolgenden Schulen gewesen ist. 8 32. Historische Thaten und ruhmwürdige Handlungen, deren Gedächtniß die Generationen bewahren, bilden eine wesentliche Quelle nicht blos der ethischen Belehrung, sondern der sittlichen Triebkraft in der Gesammtheit; durch sie wird der sittliche Lebensgehalt bereichert und befestigt. So wie der historische Forscher den sittlichen Höhengrad eines Volkes besser noch als aus seinen Schriften und Reden aus den heroischen Handlungen erkennen kann, so wirken auch die Thaten, die von den Ahnen überliefert sind, mehr als ihre Worte. Die Erinnerungen an die Großthaten der Vorzeit entflammen die Jugend und erheben das Alter; sie pflanzen in jene und pflegen in diesem den Adel der Gesinnung. Das wirkliche Leben erzeugt wiederum wirkliches Leben. Die Anerkennung idealer Forderungen, die schrankenlose Hingebung, welche bis zur Selbstaufopferung geht, sie enthalten eine ethische Schulung des Volksgemüths, welche deutlicher und wirksamer als einzelne Aussprüche der Sittenlehre den wahren Gehalt derselben zur Erkenntniß bringt. Auch in den Kämpfen z. B., welche die Juden gegen Griechen und Römer für ihre Unabhängigkeit geführt haben, offenbart sich der Kern ihrer Lebensanschauung. Auf den ersten Blick scheinen diese Kämpfe denen anderer Völker gleich zu sein; in Wahrheit sind sie von Grund aus verschieden. Die Anderen kämpfen, römisch zu

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