Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 11 (18.3.1898)
- Date
- 1898-03-18
- Page
- Seite 122 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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WWW 122 Um aber Sinn für unsere Religion in unserer Jugend zu wecken, um ihr Verständniß des Glaubens zu mehren, ist es auch nothwendig, sie mit unserem Schriftthum bekannt zu machen, und zwar womöglich in der alten, ursprünglichen Sprache. Sie muß die Grundlage unseres Religionsunterrichtes bilden. Kenntniß aber auch unserer Geschichte und Litteratur wird sicherlich zur Hebung der Liebe und Begeisterung für unser Judenthum beitragen. Wie viel Ignoranz herrscht doch in dieser Richtung, besonders bei unserer Jugend? Sie kennt die homerischen Gesänge auswendig, begeistert sich für die Dichtungen der Griechen und Römer, lernt althochdeutsch und gothisch, aber von unseren großen jüdischen Schriftwerken weiß sie gar nichts. Die Bibel ist ihr ein verschlostenes Buch, und daß Aristoteles durch jüdische Denker der Menschheit bekannt wurde, scheint ihr eine leere Prahlerei zu sein. So ist unsere Jugend entjudaisirt worden, und man wird sie durch gewisse Schlagworte nicht wieder zurückführen, wenn wir nicht zum Ausgangspunkte unseres Judenthums zurückkehren, zu seiner Religion und seinem Schristthum. Wer sie dazu zurückführen soll? Wir denken, die Antwort auf diese Frage ist nicht schwer zu geben. Es sind unsere berufenen Hirten. Jeder, der an der Spitze einer Gemeinde steht, sei es infolge seiner Gelehrsamkeit als geistliches Oberhaupt, sei es infolge seines anderweitigen Einflusses oder seiner gesellschaftlichen Stellung, hat die heilige Pflicht, das Feuer, das noch in den Herzen unserer Jugend glüht, zu bewachen, es zu hüten und zu wahren, damit seine Macht wohlthätig wirke. Das Judenthum besitzt eine solche Summe von geistigen Kräften, daß wir wahrlich für seine Zukunft nicht sorgen müffen. — Aber, sprechen wir von seiner Wiedergeburt, so kann diese nur auf dem breitesten Boden wahren Judenthums erfolgen. Hinweg mit dem Schutt alter Borurtheile, mit dem „wenn und aber" naserümpfender Opportunisten, niit der utopistischen Gefühlsduselei verbrauchter Redensarten von allgemeiner Menschenbeglückung, hinweg aber mit der knechtischen Selbsterniedrigung, welche uns wie ein Fetzen aus der mittelalterlichen Barbarei noch anhängt, hinweg auch mit jener Feigheit und Fahnenflüchtigkeit, welche sich vor dem Unterdrücker krümmt und den ehrlichen Namen „Jude" verleugnet oder als Schimpf betrachtet; uns wird nur geholfen, wenn wir uns selbst helfen. Führen wir, an wen immer der Ruf ergangen ist, unsere jungen Leute, die am Born der modernen Wisienschaft geschöpft, denen kein Gebiet der Kunst, der Litteratur, der geistigen Erkenntniß verschlosten blieb, zurück zu den Ursprüngen, aus denen unser Volksthum entstand, zur Religion. Begeistern wir sie für die ewigen Grundsätze unseres so vielgeschmähten, verlästerten und vielfach entstellten Glaubens. Dann werden wir eine tapfere Armee uns erziehen für die Verjüngung, Wiedergeburt und, wills Gott, die bestere Zukunft unseres Judenthums. DurchReligionund mitderReligion zum Judenthum, das sei unser Wahrspruch. Ohne Religion giebt es auch kein Judenthum, dieser Gedanke, er festige sich immer mehr in uns zum Heile der Gesammtheit. Die Woche. Berlin, 15. März. in polnisches Blatt, der „Postemp" (Fortschritt), der eine sehr heftige antisemitische Propaganda betreibt, hatte einen im Jahre 1836 erlassenen Hirtenbrief veröffentlicht, der den Katholiken der Provinz Posen das Dienen bei Juden und den katholischen Ammen das Nähren jüdischer Kinder verbietet. Dadurch veranlaßt. erbat sich der „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" Auskunft vom Erzbischof v. Stablewski, ob der Hirtenbrief noch heute» trotz der seit seinem Erlaß wesentlich veränderten Verhältnisse, in voller Wirksamkeit oder ob derselbe durch spätere erzbischöfliche Anordnungen überholt worden sei. Nach Mittheilungen des Vereinsorgans hat der Herr Erzbischof darauf geantwortet, er empfehle: auf die Angriffe des „Postemp" im Jntereffe der von dem Centralverein verfolgten Ziele nicht zu antworten und nichts zu veranlaffen, da der „Postemp" durch irgend eine Erwiderung nur neue Nahrung für seine zwecks Abonnentenerlangung gemachten bezw. zu machenden Angriffe gewinnen könnte. Diesem Blatte gegenüber sei Schweigen das beste Entwaffnungsmittel. Dem steht jedoch die Mittheilung des Organs des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" gegenüber, das in seiner letzten Nummer erklärt, diese Nachricht bestätige sich nicht. Und der „Kuryer Poznansky" meldet: Der Erzbischof habe in einer mit einem geachteten und hervorragenden Mitglieds des Posener Stadtverordnetenkollegiums gepflogenen Unterredung erwähnt, daß der Hirtenbrief aus Anlaß einiger Vorkommnisse zwischen Geistlichkeit und Juden veröffentlicht worden sei und zwar, wenn man die damaligen Verhältnisse in Betracht ziehe, im Interesse des öffentlichen Friedens. Ueber den Inhalt der Unterredung laffe sich jedoch nicht diskutiren, weil man Niemandem die Pflicht auferlegen könne, in Bezug auf private Unterredungen irgend welche Erklärungen abzugeben. * Wir haben heute den Nekrolog auf einen verehrten Mitarbeiter nachzutragen, aber die Schuld an dieser Verspätung liegt wahrlich nicht an uns, sondern eher an der oft sehr ungenügenden Berichterstattung aus kleinen Gemeinden, die höchstens über das Stiftungsfest eines Frauenvereins oder über das Festeffen einer Chewra Kadischah oder über das Jubiläum des Repräsentantenvorstehers oft recht ausführliche Berichte einzusenden versteht. Unsere Leser erinnern sich gewiß noch mit großem Interesse der geistvollen und von großem Wiffen zeugenden Beiträge des Universitätsbibliothekars Dr. I. B a b a d in Greifswald. Dieser vortreffliche Mann ist vor einem Jahre von einem schweren Nervenleiden befallen worden und in eine Anstalt im Hannöverschen gebracht worden, wo er vor einiger Zeit gestorben ist, ohne daß alich nur eine einzige Zeitung die kärglichste Notiz darüber gebracht hat. Dr. I. Babad wurde 1847 in einer kleinen Stadt Galiziens als der Sohn eines Rabbiners geboren und widmete sich in Breslau auch dem rabbinischen Beruf. Schon damals lag er mit Vorliebe litterarhistorischen Studien ob, die ihn endlich dazu führten, sich ausschließlich der bibliographischen Wisienschaft zu widmen. Jndeß bewahrte er später und bis in sein letztes Lebensjahr seine Treue und Anhänglichkeit, seine Liebe und Begeisterung dem Judenthum und deffen Wissenschaft. Wir beklagen in ihm einen vortrefflichen Mitarbeiter, einen glaubenstreuen Juden, dessen Andenken wir stets in Ehren halten werden. * Belgien ist nun ebenfalls in die Reihe der antisemitischen Länder eingetreten. Schon früher haben die Zeitungen Aeußernngen des radikalen Senators Picard berichtet, der sich gegen Zola erklärte, weil Zola die Juden vertheidigte. Jetzt haben wir einen Fall zu verzeichnen, in dem die klerikale Majorität des Senates sich einer argen Gehässigkeit gegen eine Anzahl von Personen schuldig gemacht hat, die nur das Verbrechen begangen haben, jüdisch klingende Namen zu tragen. Nach belgischem Gesetz muß zur Naturalisation von Ausländern in jedem einzelnen Falle ein Senatsbeschlnß eingeholt werden. Ein derartiger Vorschlag kam am Dienstag den 8. März zur Berathung; während nun derartige Naturalisationen