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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-03-18 · Heft 11 (18.3.1898) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 11 (18.3.1898)
Date
1898-03-18
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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62. Jahrgang. Nr. 11. fäiW ttfrWt b\w fr Berlin. 18. Mär; 1898. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. MW▼▼▼ 'wy ▼ mm w *w mmr'W' Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redactenr: Gustav Karpeles. Begründet von Nabüiner H*. Ludwig PHNippson-Sonn Verlags-Expedition: Lerlin, Lerufaiemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und I Expedition sind an die Adresse: Verlag der I „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. I Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Leitartikelr Für unsere Jugend. — Die Woche. — Aus der Berliner Gemeinde. — Von den Quellen der jüdischen Sittenlehre. III. Von Prof. Dr. M. Lazarus. — Zola's neuer Roman. Besprochen von Prof. Dr. Ludwig Geiger. — Eine Ghettogeschichte. — Feuilletonr Aus bangen Tagen. Von Carl Griot. (Fortsetzung.) — Sprechsaal. Der Gemeindeböte. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Riesenburg, Wrefchen, Hannover, Leipzig, Würzburg, Wien. — Bon Nah und Fern. Für unsere Jugend. Berlin, 15. März. ie bösen Gewalten, welche das Judenthum allenthalben umdrohen, haben bewirkt, was die größte Macht zu thun nicht im Stande gewesen wäre, sie haben uns wieder gesammelt und zum Quell unseres Ursprungs zurückgeführt, sie haben uns wieder zu Juden gemacht. Die Jugend, eine aufstrebende, mit allen Hervorbringungen moderner Bildung wohlvertraute und ganz erfüllte Jünglingsschaar zumal, ist überdrüssig geworden des sich behaglich blähenden Opportunismus, der sie stets auf das „schon Befferwerden" hinweist, ist überdrüssig all der Schmach und des Schimpfes, die sie in diesem „humanen" Jahrhundert von Bildungs-Philistern und Philistern anderer Art dafür zu erdulden hat, daß sie für Freiheit und Fortschritt eintritt; sie hat ihre Sache selbst in die Hand genommen, und wahrlich nicht zu ihrer Unehre und ihrem moralischen Schaden. Und wenn wir nun den Ursprüngen und Veranlassungen dieser Bewegung nachgehen, so ist gar kein Zweifel, daß zu ihrer Kräftigung am meisten beigetragen hat der Druck, welcher von den Gegnern auf die Juden ausgeübt wurde. Nicht oft genug kann es betont werden: Nicht wir separiren uns, man separirt uns. Indem der Jude von allen Seiten zurückgestoßen wurde, ist er sich der reichen Schätze des Geistes und Gemüthes bewußt worden, welche sein Judenthum ihm zu bieten vermag. Welches sind nun die Kulturelemente, die unsere Gemeinschaft erfüllen? Mit anderen Worten, wofür können, sollen und müssen wir uns begeistern? Was ist es, das uns einigt? Auf diese Fragen bekommt man nun aber von unsern jungen Leuten höchst eigenthümliche Antworten. Manche denken an den noch „sehr" zukünftigen Zionsstaat; Manche denken nicht an die Zukunft, sondern an die Vergangenheit, an unsere vieltausendjährige Leidensgeschichte; Manche sprechen, ganz wie die Herren Antisemiten, von einer jüdischen Rasse. Die Allerwenigsten aber erkennen das als unser einigendes Band an, was eS immer war, ist und sein soll: unsere Religion und ihre Grundlage, die Thora. Wir haben da in unserer an politischen Neubildungen so reichen Zeit die merkwürdige Erscheinung von Juden ohne Judenthum, ohne das, was das Judenthum ausmacht, die Religion. Gewiß, was man im landläufigen Sinne unter jüdischer Religion versteht, eine Summe von oft erstarrten und veralteten Bräuchen, das macht die Religion nicht aus; unsere Religion hat einen großen Fonds von wahrhaft sittlichen, echt menschlichen Ideen, daß wir mit gerechtem Selbstbewußtsein auf diese als auf die Grundlage unseres Glaubens Hinweisen können. Was die Thora, was die Propheten, was die heiligen Schriften über Menschenliebe, Gerechtigkeit und Sittlichkeit lehren, das bleibt unvergänglich. Aber wollen wir uns für das Judenthum begeistern, dann müssen wir es auch kennen, dann müssen wir seinen Lehrinhalt erfassen; mit „modernen" Schwärmereien allein geht es nicht. Die neuen Gedanken unserer Jugend sind gewiß freudig zu begrüßen, aber sie müssen in die rechte Bahn gelenkt, und immer und immer muß es wiederholt werden, ein gottloses, ein religionsloses Judenthum giebt es nicht, das Judenthnm steht und fällt mit der Thora. Was hat die Juden in alter Zeit von den anderen Völkern unterschieden? Wofür haben die Juden im Mittelalter gelitten? Wofür erleiden sie heute Schimpf und Schmach? Ist es nicht ihr Glaube? Wenn wir aber aus den nationalen Ideen, wie sie sich jetzt entwickeln, die letzte Konsequenz ziehen, dann kann sich ja auch ein getaufter Jude für das Judenthum begeistern; ist doch — nach dieser Ansicht — die Religion nicht das, was die jüdische Eigenart ausmacht. Wie dieser Gedankengang bei unsern jungen Leuten sich entwickeln konnte, von einer jüdischen Nation ohne Religion zu sprechen, das läßt sich, wie wir meinen, auch erklären. Vorerst liegt der Grund hierfür darin, daß der jüdische Glaube, wie er überhaupt und besonders im Gottesdienste in die Erscheinung tritt, unserer Jugend nicht jenes Interesse bietet, wie dies sein sollte. Mit anderen Worten: Unser Gottesdienst, er ist der jetzt aufwachsenden Generation etwas Veraltetes, Versteinertes, Unverstandenes geworden. Man sträube sich dagegen, — und gewiß, man hört es nicht gern, — aber zugestehen wird man es uns doch müsse,:, unsere Jugend, sie versteht nicht die Sprache unserer Gebete, sie versteht das Wort unserer heiligen Lehre nicht. Was soll dann im Gottesdienste ihre Andacht erregen? Was soll in ihnen Begeisterung für den Glauben erwecken? Bleibt nur die Predigt; und daß diese auch in vielen Fällen nicht so ist, daß sie belehrend und erbauend wirken kann, wer wird dem widerstreiten? Was soll also geschehen, um diesem Uebelstande abzuhelfen? um durch den Gottesdienst zur Religion zurückzuführen % Da giebt es nur ein Mittel: Der Gottesdienst muß fürs Volk eingerichtet werden, er muß gleichsam demokratische Grundlagen bekommen. Der Hunger nach dem Gottesworte — und er ist vorhanden — muß befriedigt werden.

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