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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-03-04 · Heft 9 (4.3.1898) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 9 (4.3.1898)
Date
1898-03-04
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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WWW! 62. Jahrgang. Ar. 9. /Ueikage HßfV SerUn. 4. Marz 1898. zur „Allgemeinen Zeitung des IuöenLHurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 8. Berlin, 27. Februar. Der Verlauf der heutigen Sitzung der Repräsentanten-Versammlung, welche die Dauer von einer halben Stunde in Anspruch nahm, war ein recht eintöniger. Die einzige größere Vorlage, welche auch wieder eine stärkere Besetzung der Tribüne als gewöhnlich veranlaßt hatte, nämlich die Petition betreffend die Errichtung von Synagogen, verfiel der Vertagung, da auf Antrag des Ausschußreferenten, Herrn Oppenheim, erst für alle Mitglieder eine hektographische Abschrift des sehr großen Zahlenmaterials der Enquete angefertigt werden soll. Das gleiche Schicksal der Vertagung theilten von den neun Punkten der Tagesordnung noch zwei, und zwar die Satzungen der Armenkommission und die Festsetzung des Gemeinde- Haushaltsetats. — Für die Altersversorgungsanstalt sind zur Errichtung einer Spezialstiftung 12 000 Mark von Frau Friederike Lehmann, geb. Cohn, gespendet worden. Die Zuwendung wird von der Versammlung angenommen. — Punkt 6, Einsetzung einer ständigen Kommission zur Vorberathung der Subventionsgesuche vonWohlthätigkeitsv er einen, wird der Kommission für die Religionsangelegenheiten überwiesen. — Der Israelitische V olkskindergarten und Hort, der unter Leitung des Herrn Hermann Abraham steht, ist um Bewilligung eines Beitrages eingekommen. Der Vorstand hat beschlossen, 200 Mark für ein Jahr zu bewilligen, der Ausschuß hat sich diesem Vorschläge angeschlossen. Die Vorlage erhält nach Befürwortung durch den Referenten Herrn Löwenberg und Herrn Professor Bag insky die Genehmigung der Versammlung. — Zur Verpflegung der in der Strafanstalt zu Rawitsch internirten jüdischen Gefangenen während des diesjährigen Pessachfestes wird ein Beitrag von 266 Mark bewilligt. Im Ganzen befinden sich in der Anstalt 83 jüdische Gefangene, darunter aus Berlin 28 und ferner aus der Provinz Brandenburg 6. Die rituelle Beköstigung ist laut Verfügung vom 1. Juli v. I. nur noch für das Pessachfest gestattet. — Von Herrn Isidor Sachs wird ferner die Abrechnung betr. die gottesdienstlichen Veranstaltungen an den hohen Festtagen des Jahres 1897 erstattet, welche eine Minderausgabe von 7615 Mark ergeben hat. Die Einrichtung des Jugendgottesdienstes hat sich sehr gut bewährt, so daß sich die Kommission schlüssig gemacht hat, im Nordosten in der Gegend des Friedrichshains einen ferneren Jugendgottesdienst einzurichten. Im Jahre 1899/1900 ist für den Norden ein Gottesdienst in Aussicht genommen, und zwar sollen die Preise der Plätze hier so normirt werden, daß auch dem ärmeren Theil der Bevölkerung der Besuch der Synagoge zu den Festtagen ermöglicht wird. — Im Anschluß daran geben wir das in unserem vorigen Bericht versprochene, die Einrichtung von Sonntagsgottesdiensten ablehnende Gutachten des hiesigen Rabbinats im Wortlaut wieder: Berlin, 28. Dezember 1897. Wohllöblicher Vorstand! Auf Ihre geschätzte Zuschrift vom 1. d. Mts., worin Sie von uns über die bei Ihnen eingegangene Petition, die Einrichtung eines Sonntagsgottesdienstes betreffend, ein Gutachten einfordern, beehren wir uns, zu erwiedern, daß wir, auf dem Standpunkt des traditionellen Judenthums beharrend, jeden Sonntagsgottesdienst mit festtäglichem Charakter prinzipiell ablehnen müssen, weil er den Sabbath vollständig zu vernichten geeignet ist. Diese unsere Befürchtung erweist sich durch die Erfahrungen, welche die Begründer der hiesigen jüdischen Reformgemeinde gemacht haben, als vollkommen gerechtfertigt. Auch da wurde ursprünglich die Einführung des Sonntagsgottesdienstes als religionsgesetzlich harmlos bezeichnet, weil der Sabbathgottesdienst beibehalten werden sollte. Aber schon in dem ersten Jahre mußte der Sabbathgottesdienst ausgehoben werden, weil er außer von den Kultusbeamten von Niemand besucht wurde. Daß wir aber zur Aufhebung des Sabbaths, des vieltausendjährigen Wochen-Ruhetages des Judenthums, die Hand bieten und die Heiligung des christlichen Wochen-Ruhetages fordern sollten, das kann Niemand von uns verlangen! Wir wollen nicht zu den Vernichtern des Judenthums gehören. Selbst in dem in religiöser wie in politischer Beziehung radikalen Amerika ist der Beschluß der Rabbinerversammlung zu Pittsburg, einen Sonntagsgottesdienst neben der Sabbathfeier einzuführen, an der Entrüstung des Laienelements in den nordamerikanischen Gemeinden gescheitert. Der Sabbath wurzelt noch, trotz Noth und Drang der Erwerbsverhältnisse, viel zu tief im Herzen unserer Glaubensgenossen, als daß an einen Ersatz desselben durch einen Sonntagsgottesdienst gedacht werden dürfte. Bemerken wollen wir indeß noch, daß für uns die Bedürfnißfrage durch Beibringung von 5000 Unterschriften für einen Sonntagsgottesdienst noch durchaus nicht erwiesen ist. Es ist ein Anderes, die Unterschrift für die Abhaltung eines Sonntagsgottesdienstes zu geben, und ein Anderes, diesen Gottesdienst eventuell zu besuchen. Sollten die 6000 Unterschriebenen aber wirklich das rege Bedürfniß nach einem Sonntagsgottesdienst haben, so ist ihnen ja längst die Möglichkeit geboten, bei dem Gottesdienste der hiesigen Reformgemeinde dafür Befriedigung zu suchen. Was von den Petenten hiergegen eingewendet wird, kann kaum ins Gewicht fallen. Denn die von ihnen sogenannten „konfessionellen Bedenken" können unmöglich bei Männern ins Gewicht fallen, die sich zugestandenermaßen über das kardinale Gebot der Sabbathfeier hinwegsetzen und dafür einen Sonntagsgottesdienst einführen wollen. Hochachtungsvoll und ergebenst Das Rabbinat der jüdischen Gemeinde gez.: Maybaum. Rosenzweig. Stier. Weisse. 22 Berlin, 27. Februar. Die jüdische Gemeinde hat in dieser Woche eines ihr angesehensten Mitglieder verloren. Der Seniorchef des Hauses Bleichröder in Berlin, Geheimrath Julius Schwabach, ist am 23 d. Mts. plötzlich gestorben. Geheimrath Schwabach wurde in Königsberg geboren und begann seine kaufmännische Laufbahn vor mehr als fünfzig Jahren in dem damals noch sehr bescheidenen Hause Bleichröder, mit dessen Chef er in verwandtschaftlicher Beziehung stand. Geheimrath Schwabach war ein eifriger Mitarbeiter an dem großen Aufschwung, den die Firma Bleichröder seither genommen hat. Er rückte zum Prokuristen vor und wurde später Gesellschafter der Firma. So lange sein Kompagnon, der Geheimrath v. Bleichröder, lebte, blieb Geheimrath Schwabach im Hintergründe. Erst nach dem Tode seines Kompagnons trat er als Seniorchef der Firma stärker hervor und war der Leiter des Hauses, das eine so angesehene Stellung in Deutschland einnimmt. Geheimrath Schwabach hinterläßt drei Söhne, von denen einer, Paul Schwabach, bereits Gesellschafter der Firma Bleichröder ist. Das Haus Bleichröder wird jetzt von den Angehörigen der zweiten Generation geleitet werden, nämlich von den Herren Hans und Georg v. Bleichröder und Paul Schwabach. Der Verstorbene, der ein Alter von ungefähr 63 Jahren erreichte, feierte im Vorjahre sein fünfzigjähriges Dienstjubiläum. Sein Haus war der Vereinigungspunkt erlesener gelehrter und künstlerischer Kreise. Geheimrath Schwabach war ein treues Mitglied der Reformgemeinde, der er seit Jahrzehnten angehörte. Friede seinem Andenken! 22 Berlin, 28. Februar. In der Montagsvorlesung am 28. d. M. sprach Professor Ludwig Geiger über „Esther in der neueren Litteratur". Redner gab nach kurzem Hinweise auf die Wanderung biblischer Stoffe eine Analyse und ästhetische Kritik des Buches Esther, lenkte die Aufmerksamkeit auf den Midrasch und verweilte mit besonderer Ausführlichkeit bei den Dramen der Reformationszeit, wobei auch ein von Shakespeares Truppe aufgeführtes Drama gewürdigt wurde. Raeine, Goethe (Jahrmarkissest von Plunders-

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