Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 9 (4.3.1898)
- Date
- 1898-03-04
- Page
- Seite 107 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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MWWM 107 ladung verloren gehe. Seit einigen Minuten ober wandte sich ihre Aufmerksamkeit vollständig dem Hafen zu. Flavius, der gerade an dieser Gruppe vorbeiging, folgte den Blicken der Kaufleute, in denen sich lebhafte Verwunderung aussprach. Allein auch seine Aufmerksamkeit wurde durch den Anblick gefesselt, der sich den Uederraschten bot. Soeben war ein Schiff gelandet, und die Angekommenen begaben sich ans Ufer, doch mitten unter den Reisenden, die zumeist dem Kaufmannsstandc angehörten, schritten vier Männer einher, deren ankergewöhnliche Erscheinung das Auge der Menge wohl feffeln mußte. In lange, fremdartige Gewandung gehüllt, die hohen, ehrfurchtheischenden Gestalten aufrecht und ungebeugt, den klaren Blick voll Gottvertrauens auf die ewige Stadt gerichtet, so schritten sie einher, und die Menge machte ihnen Platz und wich scheu zurück wie vor einer himmlischen Erscheinung. Es waren Rabbi Gamaliel, der Patriarch, Rabbi Josua ben Chananja, Rabbi Eleasar ben Asarja und Rabbi Akiba, die daher kamen, um vom Cäsar das Leben ihrer Brüder zu erflehen. III. Ein Schreckensschrei hatte die Stadt durchzittert, als sich am Morgen das Gerücht verbreitete und wie vom Winde getragen die Stadt durcheilte: Calpurnia Pulchra, die Freundin des Kaisers, sei eines plötzlichen gewaltsamen Todes gestorben. Während der Nachtstunden waren Vermummte ins Haus gedrungen, hatte» die wehrlose, schlaftrunkene Dienerschaft gefeffelt und waren in die inneren Gemächer gedrungen, wo sie das ahnungslose! Geschöpf im Schlafe überfielen und ihrem Leben mit heimtückischem Stoße ein Ende machten. Da lag sie nun, die. Unglückliche, starr und leblos, und all die; stolzen Hoffnungen, die ihre Brust erfüllt, all die kühnen, ehrgeizigen Pläne, all die heißen Wünsche, die unbezwingliche Sehnsucht, der mächtige Drang nach der höchsten Macht — all das schlummerte nun und war verschlossen in dem dahinwelkendeu Körper. In verzweifelndem Schnierze hatte sich der Wahrsager vor der entseelten Hülle seiner Blutsverwandten und seiner getreuen Helferin zur Erde geworfen. Er zerraufte sich das Haar, zerriß seine Kleider, und wilde Verwünschungen, gräßliche Drohungen gegen die feigen Mörder entflohen seinen bebenden Lippen. Aber wer waren die Mörder? Wo hatte er sie zu suche»? Wer hatte einen Grund, der unglücklichen Calpurnia so feindlich gesinnt zu sein, wem mochte ihr Tod erwünscht sein?" „Wem? o alter Narr, der ich bin, wem anders als Domitian, ' der sich jetzt, da sein Herz sich einer Anderen zuneigte, jener verruchten Jüdin, von Calpurnia um jeden Preis zu befreien suchte. Nein, nein!" rief es in ihm, „nein, Domitian hat diese zu den Göttern schreiende That nicht vollführt, nein, eine innere Stimme sagt es mir, und dann, der Kaiser zürnte der Armen nicht, und wenn auch seine Leidenschaft für sie erloschen war, so sprach er doch noch oft in den wärmsten Ausdrücken von dem unglücklichen Mädchen, und kein Mensch am ganzen Hofe hätte es ungestraft wagen dürfen, das arme und in den Tagen ihres Glanzes so viel beneidete Mädchen zu beleidigen. Zu beleidigen? sagst Du, Thor, zu schmähen? Nein,; guter, närrischer Ascletariou, das hätte Niemand gewagt, aber den j tückischen Mordstahl in das blühende Leben zu senken, diese Wunder-! blume von Schönheit und Geist zu vernichten, an deren Liebreiz sich ein Domitian berauscht, und das sollte ungerächt bleiben? Du armes, unschuldig hingeniordctes Wesen, Hab' ich cs nicht verstanden, Dich vor feiger Mörderhand zu bewahren, so soll Dein Tod doch einen Rächer finden in mir. Ich will ihn suchen mit aller Schlauheit, die mir zu Gebote steht; kein Mittel will ich unversucht lasten, den Schuldigen zu entdecken, und gelingt es mir, ihn zu finden, dann fürchte er meine Rache, dann soll seine Strafe eine martervolle sein, das gelobe ich Dir, o abgeschiedene Seele meiner Calpurnia, die Du jetzt bei den Göttern weilst und Klage führst gegen den gottlosen Ascletarion, der es so schlecht verstanden, das verwaiste Lamm zu beschützen, besten Geschick Deine Mutter, meine arme Schwester, in meine Hände gelegt. Die Götter wissen, wie ich Dich geliebt, mein armes Mädchen, und wie ich das. was ich getha», nur um unserer künftigen Größe willen unternommen habe und es wohl auch siegreich zu Ende geführt hätte, iväre nicht durch diese schnöde That mein Leben vernichtet, wie es das Deine, mein holdes Schwesterkind, ward. Trostlos und öde liegt das Leben vor mir, und gefällt es den Göttern, so lege ich mein Geschick in ihre Hände; ich habe hier nichts mehr zu erfüllen als die Rache, ja, die tödtende, schleichende Rache, die ich an Deinen Mördern nehme» will, und sollte ich sie au der Seite des Cäsars selbst finde»! Wie verstehst Du's doch, o weiser Ascletarion, die Zukunft zu erschauen! Wie hat sich doch Dein trefflicher Blick bewährt und Deine hohe Kunst gezeigt! Wähntest Du nicht, Dir fiel Roms Herrschaft zu durch des Cäsars Leidenschaft für dieses arme Opfer, sahst Du sie nicht, die jetzt bleich und entseelt vor Dir liegt, als Kaiserin?" „Als Kaiserin ... die Kaiserin?" wiederholte er, „wie wird mir? Gräßlich tagt es vor meinem Geiste! Die Kaiserin! Ja, sie, Domitia, allein hatte ein Interesse, mein armes Schwesterkind aus der Welt zu schaffen, sie allein hatte den Liebreiz und die Anmuth der Gemordeten zu fürchte», deren Zauber den Cäsar noch immer fesseln konnte — sie allein konnte Mittel und Wege finden, durch gefügige Werkzeuge die lästige Rivalin verschwinden zu machen, sie allein, und darum treffe sie meine Rache!" „Und nun zum Cäsar!" Der Kaiser war in wildem Grimm emporgesahren, als ihm durch Ascletarion die Nachricht von der Ermordung seiner Geliebten mitgetheilt wurde. Wohl war die Nachricht von Calpurnias gewaltsamem Ende bereits in den Morgenstunden am Hof bekannt geworden, allein Niemand hatte es gewagt, dem Cäsar davon Kunde zu bringe». Stand auch Calpurnia in der letzten Zeit dem Herzen des Cäsars nicht mehr so nahe, so war er ihr dennoch zugethan und pflegte auch noch viele Stunden bei ihr zuzubringen, sie auch öffentlich auszuzeichnen. Nun aber war Ascletarion mit der Todesnachricht gekommen, und der Kaiser war aufs Tiefste erschüttert. Das Gefühl der Trauer, das bei der Kunde das Herz Domitians beschlich, wich aber bald der Empörung und dem wildesten Grimm. Wie? Jemand au seinem Hof wagte es, dem Cäsar zu trotzen, sich an einem Leben zu vergreifen, das ihm, Domitian, noch immer theuer war, die begünstigte Freundin des Kaisers aus dem Wege zu schaffen? Und wer waren jene Tollkühnen, die sich an der Freundin des Cäsars rächen wollten, wer hatte ein Interesse daran, sie aus dem Wege zu schaffen? Wer anders als Domitia, die Kaiserin? drang es sich seinem Geiste auf mit gleicher Klarheit wie Ascletarion. „Nun warte, stolze Domitia," lachte er höhnisch auf, „auch Deine Stunde naht!" Oder sollte sie dem Verbrechen fern stehen und die Mordthat, die ganz Rom in Aufregung versetzt, vielleicht nur für sie, in ihrem Interesse, ohne ihr Hinzuthun, begangen worden sein? A