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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-03-04 · Heft 9 (4.3.1898) · p. Seite 105

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 9 (4.3.1898)
Date
1898-03-04
Page
Seite 105 (sequence 9)
Language
German
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!M!WWWWDWWM?8Z?ZWWW WWW m m 105 Bräutigam die Bedeutung dieser Feier. Wurde ja in vieler Beziehung der Mann durch die Verheirathung erst ein vollberechtigter Genosse innerhalb der Gemeinde. Deshalb spielte auch die Vermählung eine so bedeutende Rolle im Leben des Mannes. Noch heute gilt bei den Arabern das Sprichwort: „Der Hochzeiter ist eine Woche lang ein Sultan". Auch bei den alten Israeliten wurde derselbe mit einem Könige oder einem Königssohne verglichen. Da aber den Juden vor allem Salomo als das Prototyp des im ungestörten glücklichen Genüsse lebenden Königs galt — Josephus führt sogar an verschiedenen Stellen Salomo als den ersten jüdischen König an — so wurde der Bräutigam kurzweg der Schelomoh (Salomo) genannt, und die Lieder, die ihm zu Ehren gedichtet und gesungen wurden, hießen: „Die Lieder für den Schelomoh" “WK D'l'isn (vergl. Hohelied Kap. 1, V. 1). Den mehr oder minder prächtigen Turban, den zu dieser Feier seine Mutter ihm um das Haupt wand, nannte man „die Krone", (idiä. Kap. 3, V. 11). So geschmückt, ging er, geleitet von den Schosch'winim, der Braut entgegen, die ihm von der Brautjungfer — Schosch'winta — zugeführt wurde. Dem Brautzuge gebührte alle mögliche Ehre, und rühmend wird von dem Könige Herodes Agrippa erzählt, daß er bereitwillig einem ihm in den Straßen Jerusalems begegnenden Brautzuge den Vortritt gelassen habe. Es war dies eines der vielen kleinen Mittel, durch welche dieser König sich beim Volke, besonders aber bei den Schriftgelehrten, beliebt zu machen wußte. Wenn das Brautpaar in feierlichem Zuge bis zur Chuppah, welches Wort bei den Alten eine von der jetzigen Bedeutung etwas verschiedene hatte, gelangt war, wurde vor ihni ein Hahn und eine Henne in diese Chuppah hineingelafsen, als ein Symbol des innigen und friedlichen Ehelebens. Von weit und breit strömten die Leute herbei, um den Hochzeitszug mit anzusehen oder sich ihm anzuschließen. Je mehr Theilnehmer an diesem Zuge, desto größer die Ehre für das Brautpaar. Es war sogar erlaubt, das Studium des Gesetzes, Talmud Thora, welches doch bekanntlich als höchste religiöse Pflicht galt, zu unterbrechen, um dem Brautpaar diese Ehre zu erweisen. Von den sieben Tagen des nrrttfö Hochzeitsmahles, wörtlich Trinkgelages, wurde der erste als der eigentliche Vermählungstag in Bezug auf den Bräutigam „der Tag der Herzensfreude" genannt, während die anderen Tage „das Protogamia" hießen. Für sämmtliche Theilnehmer waren die Trauergesetze, selbst die der strengsten Trauerzeit, aufgehoben. So heißt es im Mathäns-Evangelium: „Wie können die Hochzeitsleute Leid tragen, so lange der Bräutigam bei ihnen ist?" Während dieser sieben Tage wurde das Gastmahl vom Bräutigam veranstaltet, wobei es hoch herging, da Jedermann sich daran betheiligen konnte. Es kam wohl öfters vor, daß da, wie einst bei der Hochzeit zu Kana, der Wein früher zu Ende war als die sieben Tage des Festes. Wohlhabende Leute bauten für den sich vermählenden Sohn ein Hochzeitshaus, in welchem, getrennt von den Eltern, das junge Paar die Flitterwochen znbrachte, damit nicht etwa, wie spätere Erklärer bemerken, durch zu häufige Berührung der jungen Frau mit der Schwiegermutter die Honigmonde einen bitteren Beigeschmack erhalten. V. Von den angeführten und beschriebenen Festen ist die Hochzeitsfeier das einzige Fest, bei welchem auch von einem Trinkgelage die Rede ist; sonst war es nur meist Tanz und Spiel, wodurch sich gemeinsame Freude und Lust kund gaben. Es mag dies tvohl be- | zeichnend sein für den israelitischen Volksgeist, der verstand, an reinen Freuden sich zu laben und dadurch alle die üblen Folgen, wie wir sie jetzt häufig als Nachläufer der Feste und Volksbelustigungen zu sehen gewöhnt sind, zu vermeiden. Die Hauptbelustigung war der Tanz. In ältesten Zeiten war dieser der Gottesdienst der Laien. Um das goldene Kalb tanzte das Volk; David vor der Bundeslade. Diese Festestänze wurden mit Ausnahme des Reigens, der als Tanz nicht angesehen wurde, nur von den Männern aufgeführt, wie es am deutlichsten aus der Schilderung des Wasserschöpfefestes hervorgeht. Die Frauen sahen zu oder begleiteten den Tanz mit Pauken und Flöten. So haben wir nun in der Betrachtung der altisraelitischen Volks- und Familienfeste Israel kennen gelernt von seiner — so zu sagen — gemüthlichen Seite. Es war nicht immer nur der ernste Sinn, der es beherrschte. Das Volk kannte auch „nach sauren Wochen frohe Feste" und weißte ganz besonders die Freuden der Geselligkeit zu schätzen. Dieser Blick auf die Vergangenheit kann auch uns aufrichten, wenn zuweilen die Gegenwart gar zu traurig uns erscheinen will. Ist ja selbst in den Zeiten größter Erniedrigung nie die Hoffnung aus Israel geschwunden, daß einst doch jene Zeit der Lebensfreude wiederkehren werde, daß die Trauer in Jubel, die Bedrückung in Erlösung verwandelt werden wird. Das Studium der jüdischen Geschichte und Litteratur ist ganz besonders dazu geeignet, uns in dieser Zuversicht zu bestärken. Sang ja bereits am Anfang des zwölften Jahrhunderts, zur Zeit, als in Deutschland und Frankreich die wilden Horden der Kreuzfahrer Tausende unschuldiger Juden hinschlachteten und wahre Orgien der Verfolgungswuth feierten, jener jüdische Sänger, „welcher, wie kein Anderer, Gegenwart und Vergangenheit mit kunstgeübter Hand zu verbinden wußte und den hellen Schimmer einer freudigen Zukunft über das Nachtstück einer freudlosen Wirklichkeit auszubreiten verstand", sang ja um diese Zeit der Sänger herzergreifender Tranerlieder um Zion — Jehuda Halevi — auch schon die schöne Zukunstshoffnung mit den Worten, welche nach der trefflichen Uebersetzung Abraham Geigers also lauten: Mein Täubchen, warum seufzest du Und irrest ohne Rast und Ruh'? Magst deine Feste froh begeh'n. Hat dich dein Gott ja auserseh'n. — Laß' g'nügen dir! Dir ist ein Schild Dein König, immer freundlich mild; Im finstern Land auch ebnet er Den Pfad, d'rum schreite froh einher; Des Festlags Freude gieb dich hin. Getrost erheit're Herz und Sinn! Schon sind die Schatten gewichen; das Gewölk, das den Freudenhimmel Israels bedeckte, beginnt, sich zu zertheilen; eine bessere Zukunft winkt kommenden Geschlechtern, und wird auch jetzt noch der Frendenlaut in unserer Mitte gedämpft, und mag noch immer die Zionsharfe nicht fröhlich erklingen, so leben wir dennoch der frohen Zuversicht, daß bald wiederum inmitten Israels laut erschallen werde der Jubelruf des Bräutigams und der Braut, der Helle Klang der Freude und der Lust.

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