Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 9 (4.3.1898)
- Date
- 1898-03-04
- Page
- Seite 103 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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WWWMSBB WM 103 im auserwählten Volke immer mächtiger seien. Ich verbiete Heirathen und Kidduschin, bevor beide Theile ein angemessenes Alter erreicht haben und die Sprache des Landes lesen und schreiben können. Gebete sollen stets in hebräischer Sprache, Gelegenheitsreden im Sinne des jüdischen Glaubens und die Morallehren im Allgemeinen aber in der Landessprache gehaltm werden, mit solchen Reformen, die dem alten Glauben angemessen, dem Gottesdienste mehr Weihe geben. Ein Kopfgeld von drei Schekel Silber oder ein spanischer Thaler jährlich soll von jedem Juden in der Welt erhoben werden, um die Kosten .der Reorganisation der Regierung, die Unterstützung der Emigranten, den Ankauf von landwirthschaftlichen Werkzeugen, die Besorgung unmittelbarer Bedürfnisse, die Erhaltung ihrer Familien bei der ersten Niederlassung zu bestreiten, wozu auch die freiwilligen Beiträge, welche zur Förderung dieser löblichen, mit der Wiederherstellung des Volkes und dem Ruhm der jüdischen Nation verbundenen Zwecke geleistet werden, verwendet werden sollen." Als Bevollmächtigte, welche Auswaiiderungsgesellschafteii einrichten, Agenten in den verschiedenen Welttheilen Vorschlägen sollten und dergleichen mehr, ernannte er den Großrabbiner von Paris, die beiden Oberrabbiner Herschel und Meldola in London, einige ihm persönlich bekannte Männer in Bordeaux, Livorno und Gibraltar und für Deutschland Dr. Leopold Zunz und Professor Eduard Gans, welche ihn zum Mitglied ihres Kultur - Vereins ernannt hatten." Im Jahre 1825 gehörte Gans dem Judenthum schon nicht mehr an. In seiner glühenden Phantasie sah sich Noah bereits als Regent des neuen Judenstaates, den er »ach dem Berge, auf dem die Arche des ersten Noah einen Ruheplatz fand, Ararat nannte. Am 15. September 1825, einen Tag nach dem jüdischen Neujahrsfeste, fand die Grundsteinlegung wegen des ungeheuren Andranges nicht auf der Insel selbst, sondern zu Buffalo in der bischöflichen Kirche statt. Eine Fahne mit hebräischen Inschriften flatterte weithin. Eine Musikbande eröffnete den Zug. Ihr folgten Militär, die Würdenträger der Freimaurer mit ihren Emblemen, Civilbeamte und Geistliche. Dann kam Mordechai M. Noah, der Gouverneur und Richter Israels, wie er sich nannte, mit rolhsammetnem Mantel und Hermelinkrage», eine schwere goldene Medaille am Halse; hinter ihm her zogen Maurer in großer Anzahl. Der imposante Zug bewegte sich durch die Hauptstraßen Buffalos zu der von Militär umstellten Kirche. Beim Eintritt in dieselbe spielte die Musik den Marsch von Judas Makkabäus. In der Mitte der Kirche stand ein Tisch, auf dem der Eckstein der neu zu gründenden Hauptstadt mit der hebräischen Inschrift „Schma Jisrael" lag. Die Ceremonie begann mit dem Morgengottesdienste, den ein katholischer Geistlicher leitete. Dann wurden Stellen aus den Propheten im Urtexte gelesen und Psalmen recitirt. Hierauf bestieg Noah die Kanzel und hielt eine die Reorganisation der jüdischen Regierung entwickelnde Rede, welche fünf Kolumnen des größten amerikanischen Journals süllte. Der neue Judenstaat wurde von den amerikanischen Journalen mit großem Jubel begrüßt. „Hier," riefen sie aus, „hier können die Juden ihr Jervsalem haben, ohne die Legionen des Titus zu ') Auch Heine erwähnt in seinen Briefen an Moser oft Mordechai Noah und sein Projekt, natürlich in scherzhafter Weise. Einmal, am 23. März 1826, berichtet er dem Freunde: „Ich träumte auch, Gans und Mordechai Noah kamen in Stralau zusammen, und Gans war, o Wunder, stumm wie ein Fisch. Zunz stand sarkastisch lächelnd dabei und sagte zu seiner Frau: „Siehst Du, Mäuschen? Ich glaube, Lehmann hielt eine lange Rede im vollen Tone und gespickt mit „Aufklärung", „Wechsel der Zeitverhältnisse", „Fortschritte des Weltgeistes", eine lange Rede, worüber ich nicht einschlief, sondern im Gegentheil, worüber ich erwachte." Auch in andern Briefen macht sich der Dichter über die Idee lustig. fürchten; hier können sie ihren Tempel errichten, ohne die Fackeln der wüthigen Soldaten zu fürchten; hier können sie ihre Häupter niederlegen, ohne von dem blinden Glaubenseifer verjagt zu werden." Die Gründungsfeier in Buffalo war der Anfang, aber auch das Ende des neuen Judenstaates. Das Abenteuerliche und Undurchführbare des ganzen Unternehmens mußte bei allen Besonnene» ernste Bedenken Hervorrufen. An Protesten seitens der Rabbiner fehlte es nicht. Abraham de Cologna, der Großrabbiner von Paris, protestirte öffentlich gegen seine Mitwirkung. Juda Jeitteles widerrieth den Juden des österreichischen Kaiserstaates die Auswanderung und zog den ganzen Plan ins Lächerliche. Die Proklamation fand so gut wie gar keine Beachtung. Das ganze Unternehmen war bald der Vergessenheit anheimgefallen. Nur Noah selbst kam zwanzig Jahre später, im Jahre 1845, in einer Monographie »och einmal auf die Wiederherstellung des jüdischen Staates zurück. Er lebte seiner publizistischen und öffentlichen Thätigkeit, entzog aber auch dem Judenthum, das er schwärmerisch lieble, und den Juden seine Theilnahme nicht. Er veröffentlichte 1840 die von ihm veranstaltete englische Uebersetznng des Buches Jaschar und bekleidete das Amt eines Präsidenten der jüdischen Wohlthätigkeits- Gesellschaft in New-Iork von 1842 bis zu seinein Tode, der ihn im Alter von sechsundsechzig Jahren, den 22. März 1851, ereilte. Dem Manne, der von dem edelsten Streben beseelt, aber ein Schwärmer war, widmeten die amerikanischen und ausländischen Journale warme Worte der Anerkennung. Volks- und Familienfeste in Alt-Israel. Bon A. Levy, Berlin. (Schluß.) der das große Hosianna hat in seiner Bedeutung und Feier eine gar merkwürdige Wandlung durchgemacht. Als nämlich mit Beginn der Römerherrschaft das Unheil über Israel hereinbrach und von Jahr zu Jahr sich steigerte, als endlich der Tempel, bis dahin der geistige und religiöse Mittelpunkt der gesammteu Judenheit, zerstört und Juda von seinem Erdboden vertrieben ward, als dann Jahrhunderte hindurch die Geschichte unseres Volkes nur mit Blut und Thränen geschrieben wurde, als Psalter und Harfe verstummten, Freude und Wonne für immer entschwunden schienen, da konnte das verfolgte und gehetzte Volk keine Freudenfeste mehr feiern. Ja, man begriff dann kaum, daß Israel einst auch wie andere Völker sich der ungebundenen Freude habe hingegeben können. Solches erschien den seit Jahrhunderten trauernden Nachkommen sündhaft und verwerflich. — Einzig und allein die Religion, das einzige Gut, welches Israel in der allgemeinen Zertrümmerung unversehrt sich erhalten hatte, hielt es noch aufrecht, und nur die religiösen Feste wurden noch gefeiert; an ihnen mochte es wohl für kurze Zeit seiner Leiden vergeffen, wenn je die feindlichen Umstände es gestatteten; da hörte man wohl hier und da neben schwermüthigen Weisen leise und gedämpft jene alten Lieder einer besseren Zeit erklingen. — Die Volksfeste schwanden, und diejenigen von ihnen, die sich an ein religiöses angeschloffen, deren Gebräuche gleichsam die Weihe der Religion erhalte» hatten, wie eben dieses große Hosianna, nahmen eine völlig veränderte Bedeutung an. Aus diesem Feste lauter und fast übermüthiger Freude ist eins der ernsteste» geworden. Die langen Weidenzweige, welche einst den Altar überragten, sind zu kleinen