Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 9 (4.3.1898)
- Date
- 1898-03-04
- Page
- Seite 102 (sequence 6)
- Language
- German
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102 Voll der schönsten Hoffnungen und Erwartungen segelte Noah von Charleston ab. Da wurde das Schiff, auf dem er sich befand, an der französischen Küste von den Engländern, mit denen die Nordamerikanischen Freistaaten in Krieg verwickelt waren, gekapert, Noah zum Kriegsgefangenen gemacht und nach Plymouth gebracht. Die britische Regierung begegnete ihm mit aller Schonung und gestattete ihm auf das von ihm gegebene Ehrenwort, England nicht zu verlassen, London u»d andere Städte des Jnsellandes zu besuchen. Nachdem er nach mehreren Monaten die Freiheit wieder erlangt hatte, setzte er über Cadiz die Reise nach Afrika fort und trat seinen Posten als nordamerikanischer Konsul in Tunis an; als solcher hatte er auch die Konsulargeschüfte in Algier zu versehen. In seiner ersten diplomatischen Karriere war er vom Glück nicht sonderlich begünstigt. Zu dem von seiner Regierung ihm ertheilten Aufträge, die in Algier zu Gefangenen gemachten amerikanischen Bürger auszulösen, bediente er sich eines Amerikaners, der ein naturalisirter Spanier war, der aber die von der Regierung zur Auslösung stipulirte Summe bedeutend überschritt, so daß die von Noah zur Behebung des Geldes nach Amerika geschickten Wechsel mit Protest an ihn zurückkamen. Noah befand sich in einer verzweifelten Lage. Nur der Nachsicht des britischen Konsuls in Tunis hatte er es zu verdanken, daß er nicht sofort in Haft genommen wurde. Es dauerte auch nicht lange, so entsetzte ihn die amerikanische Regierung seines Amtes, unter dem Vorwände, daß sie bei seiner Ernennung nicht gewußt oder bedacht hätte, daß er Jude sei. Mit seiner Energie und Geschicklichkeit setzte er, bevor er sein Amt niederlegte, es noch durch, von dem Dey von Tunis eine größere Summe Geldes zu erlangen, so daß er allen seinen Verpflichtungen pünktlich Nachkommen konnte. Nach Amerika zurückgekehrt, ließ er sich in New-Iork nieder. Er nahm seine Thätigkeit als Redakteur eines täglich erscheinenden Blattes, des „National Advocate", und als dramatischer Schriftsteller wieder auf und gehörte bald zu den einflußreichsten Männern der Stadt, so daß er 1822 zum Sheriff von New-Iork ernannt wurde. In diesem, schweren Amte erwarb er sich so große Verdienste, daß er bei der Revision der Charte New-Jorks zum Deputaten erwählt und einige Jahre später zu dem ehrenvollen Amte eines Oberaufsehers des Hafens von New-Iork ernannt wurde. Mordechai Noah nahm eine Stellung ein, wie damals kein anderer Jude in der Welt, und er war im wahren Sinne des Wortes ein begeisterter Jude. Als im Jahre 1818 eine neue Synagoge in New-Iork eingeweiht wurde, hielt „Major" Noah, der Dramatiker und Journalist, die Einweihungsrcde, welche er im Druck erscheinen ließ J) und mehreren Staatsmännern zuschickte. Thomas Jefferson, James Madison, John Adams u. A. sprachen sich höchst anerkennend darüber aus. „Ich habe noch nie eine Rede gelesen, liberaler und schöner als die Ihrige," schrieb ihm. John Adams am 31. Juli 1818. In dieser Rede hob er hervor, daß die Juden trotz aller Verfolgungen, treu ihrem alten Glauben, ein einheitliches Volk bilden, daß sie in ihrem einheitlichen Zusammenhalten im Stande wären, den Kampf mit der Türkei aufzunehmen und von ihrem Stammlande Besitz zu ergreifen. „Es ist das kein Wahngebilde," ruft er aus, „ich kenne meine Glaubensgenossen in Europa und Nordafrika, ich weiß, wie sie denken und fühlen. Sie können das Schwert schwingen und ff Oiseourse debil)ered at the Consecration of the Synagoge the 10th Nissan 5578 17 th April 1818 (New-York 1818). Ein Jahr später erschien sein Reisebericht unter dem Titel: Travels in England, France, Spain and the Barbary States in the years 1818 —1815. (New-York 1815.) leicht eine Armee von hunderttausend Mann ins Feld stellen, um ihre Selbständigkeit wieder zu erlangen." Mordechai Noah glaubte nicht allein unerschütterlich fest an die Verkündigung der Propheten, daß die Juden dereinst wieder eine Nation, einen eigenen Staat bilden werden, er hielt auch den Zeitpunkt für gekommen, „in welchem zur Erfüllung der dem Hause Jakob gegebenen Verheißungen sie von allen vier Enden, des Erdenrundes sich samnieln, das alte Volk Gottes, das erste, welches die Einheit und Allmacht Gottes gelehrt, in sein Erbtheil wieder eingesetzt, das Recht eines selbständigen, unabhängigen Volkes wieder genießen werde". Zur Ausführung der schon im jugendlichen Alter von ihm schwärmerisch erfaßten Idee der Wiederherstellung Israels schritt er im Jahre 1825. Mit Hilfe und Unterstützung einiger Freunde kaufte er Grand Island, eine von New-Iork und von Kanada nicht weit entfernte, dreizehn Meilen lange und fünf Meilen breite Insel. Hier sollten die wo immer verfolgten Juden eine Zufluchtsstätte finden und zusammen mit den der Insel benachbarten Indianern, welche, wie er in einer besonderen Schrift erwiesen zu haben glaubte, die Abkömmlinge der verlorenen zehn Stämme sind, zum Wiedereintritt in ihr altes Erbtheil befähigt werden. Daß die Indianer, welche ein Nomadenleben führe», sich init den Juden vereinigen könnten, war eine Fiktion, praktisch unausführbar; aber Noah war ein Enthusiast, der, wie viele Enthusiasten, die praktische Seite seines Planes gar nicht erwogen hatte. Vor der Hand erließ er an die Juden der gesummten Welt eine Proklamation, aus der wir das Wesentlichste hier mittheilen wollen. Er beginnt diesen Aufruf an die „geliebten Brüder" mit den Worten: „Ich, Mordechai M. Noah, Bürger der Vereinigten Staaten Amerikas, vormals Konsul dieser Staaten in Tunis, Ober-Sheriff in New-Aork, Justizrath und durch Gottes Gnaden Lenker und Richter in Israel, erkläre den Juden der ganzen Welt, daß ihnen ein Zufluchtsort bereitet und somit eröffnet wird, wo sie jenes Friedens, Glückes und Trostes genießen können, welche ihnen durch die Unduldsamkeit und die Jrrthümer früherer Jahrhunderte versagt waren; ein Zufluchtsort in einem freien und mächtigen Lande, wo ihrer Person, ihrem Eigenthum und ihren religiösen Gebräuchen die größte Sicherheit zugefagt wird, ein Zufluchtsort in einem Lande, das bemerkenswerth ist wegen seiner großen Hilfsquellen, Reichthums des Bodens, Gesundheit des Klimas, wo Gewerbefleiß Aufmunterung findet, Erziehung befördert und Treue belohnt wird; ein Land voll Milch und Honig, wo Israel in Frieden wohnen kann unter seinem Weinstock und Feigenbaum, und wo unser Volk sich vertraut machen kann mit der Regierungswissenschaft und der Civilisation, so daß sie befähigt werden zu jenem großen und endlichen Wiedereintritt in ihr altes Erbtheil, welchen die Zeit kräftig verkündet. Im Namen Dessen, der uns als sein Volk verkündete und stets uns vorangegangen ist in einer Wolke bei Tage und in einer Feuersäule bei Nacht, in seinem Namen belebe, erneuere und stelle ich wieder her die jüdische Nation, unter der Gunst und dem Schutze der Konstitution und des Gesetzes der Bereinigten Staaten von Amerika. Und ich lege es hiermit allen unseren frommen Rabbinern, Vorsitzern und Synagogenvorstehern, Schulmännern, allen Brüdern in der ganzen Welt ans Herz, diese Proklamation öffentlich beglaubt und wirksam zu machen. . . Diejenigen unseres Volkes, welche wegen hohen Alters, Liebe zur Heimath oder aus irgend einem Grunde vorziehen, in den verschiedenen Ländern zu verweilen, wo sie wohnen, sollen den Regierungen, welche ihnen Schutz verleihen, treu sein. Aber es wird erwartet, daß sie die Auswanderung der Jüngeren und Unternehmenden fördern und sich bemühen, solche nach unserem Lande zu senden, die unsere Kraft und unseren Charakter erhöhen durch Fleiß, Ehrbarkeit und Vaterlandsliebe. Ich befehle, daß eine strenge Neutralität bei dem Kriege zwischen Türken und Griechen behauptet werde, die sich auch aus Rücksichten für die Sicherheit der zahlreichen Juden unter der drückenden Herrschaft der Pforte empfiehlt. „Unsere Seminarien für Wissenschaft und Institute der Mildthätigkeit sollen überall vermehrt werden, damit Weisheit und Tugend