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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-03-04 · Heft 9 (4.3.1898) · p. Seite 101

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 9 (4.3.1898)
Date
1898-03-04
Page
Seite 101 (sequence 5)
Language
German
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mmm WWsWMWWWWMWW WWWWWWWW Dahin bringt eine Schwenkung ins Antisemitische. Dafür wird aber Pater Stojalowski nicht mehr gegen Regierung und Szlachta Hetzen, sondern blos gegen — die Juden. Und doch hört man es immer hoch und heilig versichern, daß die Polen keinen Antisemitismus (buchstäblich) nicht kennen. So versichern die jüdischen Abgeordneten, so auch die mächtigen Beherrscher des Polenklnbs. Man braucht aber blos eine Nummer des Krakauer „Czas" in die Hand zu nehmen, um sich vom Gegentheil, von der ganzen plumpen Heuchelei dieser Bersicherung zu überzeugen. Das genannte Tageblatt ist das leitende Organ der herrschenden Partei im Polenkub. Von welch häßlicher und niederträchtiger Hypokryfie ist z. B. die Stellung dieses Blattes zur Dreyfus-Affäre! Gehorsam gegen die Autorität der Republik! Das ist der beständige Refrain dieses monarchisch-ultrakirchlichen Aristokratenorgans. Man hat aber dieses Blatt immerhin nicht für geschmacklos gehalten. Aber auch in dieser Beziehung ist es gesunken. Da erscheint darin neulich eine Annonce: Ein Gut soll verkauft werden, christliche Käufer sollen sich doch melden, denn es handele sich wesentlich darum, christlichen Boden nicht in jüdische Hände gelangen zu lassen. Soweit ist alles schön und konsequent. Nun kommt ein Schlußpassus: „Jüdische Reflektanten sind nicht ausgeschlossen". Was soll man sich da wundern, wenn gleichzeitig irgend ein offen-antisemitisches Winkelblättchen den Kneipenhumor hat, einen Konkurs auf ein dramatisches Werk auszuschreiben, in dem sich eine Jndenhetze und Musik finden müssen! Judenhetzen mit Musikbegleitung! So sieht es bei uns aus. Man spielt uns schöne Weisen, während man uns Schritt für Schritt zu Grunde richtet. Und wir schlafen dabei so ruhig, raffen uns nicht auf zu selbständigem Handeln und stellen uns nicht auf eigene Füße! Wann wird das anders und besser werden? Und doch sind wir von unverwüstlicher Kraft. Man läßt uns nirgends recht emporkommen, und doch verlieren »vir den Muth nicht. In den Schulen kennt man den jüdischen Fleiß und die jüdische Lernbegier. In der Fachzeitschrift für Schulrvesen („Muzeum") berichtet ein Lehrer über die galizischen Mittelschulverhältniffe. Er erzählt — ich weiß nicht, ob ihm das Geständniß sehr angenehm war —, daß die Juden die fleißigsten und begabtesten Schüler sind. Dabei giebt er auch interessante statistische Daten an. Das Interessanteste für uns ist, daß die Juden 18,5 pCt. in den Mittelschulen bilden, während sie in der Bevölkerungszahl nur 11,6 pCt. allsmachen. Und das ist — wohlgemerkt! — im Lande der starren Orthodoxie und der abgesagten Feindschaft gegen jede „profane" Bildung. Und was wird aus diesen jüdischen Jünglingen »verden, wenn sie die Schulbank verlassen? Die Beamtenkarriere ist für sie verschlossen. Die jüdischen Gerichtspraktikanten werden systematisch übergangen. Sogar beim letzten, infolge der neuen Civil-Prozeßordnung herabgelassenen Avancements-Regen wurden die Juden bis auf einige sehr, sehr Wenige präterirt. Unsere Abgeordneten schweigen zu dieser himmelschreienden Verletzung der Staatsgrundgesetze. Der Polenklub hat ihnen das Reden verboten, und sie sind gehorsam. Jüngstens begab sich eine Deputation, geführt vom Krakauer Kultuspräsidenten Dr. Leon Horowitz, zu dem neu ernannten Präsidenten des Krakauer Gerichtssprengels, Czyszczan, um ihm die Beschwerden der jüdischen Gerichtspraktikanten zu über- »nitteln. Er hörte sich die Sache ruhig an, versprach, sein Möglichstes zu thun, und die jüdischen Rechtsprakttkanten dürfen nun auf die Einlösung dieses Versprechens — lange warten. t. Gin Irrdenstaat-Gründer. Bon Dr. M. Kayserling. fie verschiedenen Arten der Bedrückung, welche die Juden i» den letztverflossenen zwei Jahrzehnten wieder erfahren haben, die mittelalterlichen Verfolgungen im großen Zarenreiche, die neueste Judmfrage, Antisemitismus genannt, »velche ihnen in verschiedenen Staaten inehr oder weniger das Leben verleidet, haben in ihnen auch das Bewußtsein der Volkseinheit gehoben und den Gedanken einer großen Kolonisation in Palästina wieder mächtig angeregt. Es ist Thatsache, daß die antisemitischen Hetzereien die ganze zionistische Bewegung in der Gegenwart eigentlich in Schwung gebracht haben. Schon vor nahezu achtzig Jahren, als der größte Theil »inserer Glaubensgenossen noch unter schweren Bedrückungen seufzte, faßte ein amerikanischer Jude den Plan, eine große, abgeschlossene Landschaft zu erwerben und eine jüdische Kolonie, einen Judenstaat, zu gründen: es war dies Mordechai M. Noah. Mordechai Noah stammte mütterlicherseits von einer angesehenen portugiesischen Marannenfainilie, welche, um den Nachstellungen der Inquisition zu entgehen, von Lissabon aus sich nach London einschiffte und dann nach Amerika auswanderte. Er war der Sohn des Manuel Noah und der Rebekka Mendez Machado und »vurde 1786 in Philadelphia geboren. Im frühen Alter der Fürsorge der Mutter durch deren Tod und der väterlichen Stütze durch das unstäte Leben ,des Vaters beraubt, kam er zu seinem Großvater, der ihn mit großer Nachsicht erzog. Er wurde für ein Handwerk bestimint und verbrachte die Lehrjahre bei einem Bildschnitzer und Vergolder. Bei seine,n lebhaften Geist und seinem exzentrischen Wesen fand er an dem Handwerk keinen Gefallen; er »var ein passionirter Freund des Theaters, das er allabendlich besuchte, und so entwickelte sich schon in der Jugend in ihm die Liebe zur dramatischen Kunst. Im Jahre 1810 übernahm er in Charleston in Süd-Karolina die Redaktion eines politischen Journals und trieb nebenbei jllridische Studien. Ehe er noch das vierundzwauzigste Jahr vollendet hatte, versuchte er sich als draiuatischer Schriftsteller: er schrieb für eine in Charleston mehr wegen ihrer Schöi»heit als wegen ihrer künstlerischen Leistungen gefeierte Schauspielerin das Draina: „Die Waisen des Rheins", das in Charleston und zehn Jahre später unter dein veränderten Titel: „Die wandernden Knabe»»" in» Park-Theater zu New-Iork zur Aufführung gelangte und großen Erfolg erzielte. Der junge Dramatiker und Journalist war ein begeisterter Jude, voll schwärmerischer Liebe für den Stamm, dem er entsprossen. Er hegte den sehnlichen Wunsch, sich über die in Nordasrika in großer Zahl wohnenden Juden, welche seit Benjamin a»»s Tudela kein jüdischer Reisender besticht hatte, über ihren Charakter, ihre Lebensweise und ihre Gebräuche authentische Nachrichten zu verschaffen. Wie aber dies erinöglichen? Eine Reise in jenen unwirthlichen Gegenden »var ohne bewaffnete Begleit»n»g gefahrvoll, ganz unausführbar. Uin seinen Plan zur Ausführung bringen zu können, wünschte er Konsul zu werden, und da die Konsulate in Tunis u»»d Tripolis gerade zu besetzen waren, bewarb er sich um eins derselben. Durch seine journalistische Thätigkeit hatte er die Aufmerksainkeit Madisons, des damaligen Präsidenten der Nordamerikanischen Freistaaten, auf sich gezogen und daher auch Hoffn»mg, seinen Wurrsch, in den Staatsdienst zu treten, erfüllt zu sehen. Madison wollte ihn als Konsul nach Riga schicken; diese Stelle anzunehinen, konnte sich Noah nicht entschließen. Im Jahre 1813 wurde ihm das Konsulat in Tunis übertragen.

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