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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-03-04 · Heft 9 (4.3.1898) · p. Seite 100

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 9 (4.3.1898)
Date
1898-03-04
Page
Seite 100 (sequence 4)
Language
German
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die Läden der Juden plündern dürften. Als die während der Exzesse verhafteten Individuen dem Untersuchungsrichter vorgesührt wurden, haben viele von ihnen ausgesagt, daß sie durch Geheimagenten der Polizei gemiethet wurden, um Schaufenster einzuschlagen, Thüren und Fenster zu zerbrechen und die Juden niederzuschlagen, die sich vertheidigen oder der Plünderung widersetzen würden. An die Spitze dieser Banden stellte man Studenten, denen mau dafür Stipendien und kleine Aemter von Regierungswegen versprach, während man Denjenigen, die sich weigerten, solche schmähliche' Aufträge zu iibernehmen, mit der Entziehung ihrer Stipendien drohte. Mit allen diesen Mittelil erreichte man dann freilich einen großen Erfolg. 500 jüdische Häliser und 150 Läden wurden geplündert, arlch der große Tempel, die große Synagoge und die Synagoge der Strada Namulari. Der gesummte Schaden beläuft sich auf iy.3 Millionen Francs, der bekanntlich nach dem Versprechen des Königs den Geschädigten voll ersetzt werden sollte. Aber die Regierung hat dieses Versprechen nicht gehalten. Unter 170 jüdischen Familien, die rumänische Unterthanen sind, ist eine Summe von im Ganzen 10000 Francs vertheilt worden, noch nicht ein Prozent des Schadens, und als die Ruinirten unr ihre Verluste jammerten, gab ihnen der Generalsekretär im Ministerium des Innern, Moscüna, den höhnischen Rath, sich an die Alliance nach Paris zu wenden, die ja Milliarden Geldes in ihrem Keller habe. Die geschädigten Synagogen haben nicht den geringsten Ersatz haben können, dagegen sind die christlichen Hausbesitzer für ihre Verluste vollkommen schadlos gehalten worden. Von den Juden, welche fremde Unterthanen sind, haben die Deutschen, Oesterreicher und Engländer, Dank der energischen Intervention ihrer Gesandten, vollen Ersatz erhalten, dagegen sind die französischen Unterthanen überhaupt nicht entschädigt worden, weil es die französische Gesandtschaft an der nöthigen Energie hat mangeln lassen. Diese Intervention der Großmächte hat aber freilich den Zaren der rumänischen Minister aufs Aeußerste erregt, und der Minister des Innern, M. Phorökydes, hat öffentlich erklärt, daß, so lange er Minister sei, er sich bemühen werde, an den rumänischen Juden Rache zu nehmen für diesen Eingriff der Großmächte. In der Kammer liegt gegenwärtig ein neues Gesetz über den mittleren und höheren Unterricht vor. Die Bestrebungen der Juden, eine Ablehnung dieser Bestimmung herbeizufllhren, werden unter diesen Umständen vergeblich sein. Briefe aus Gallien. fie galjzischen Juden verzeichnen mit sehr charakteristischer Apathie die Thatsache, daß das Jahr 1898 ihnen auf einmal zwei neue antisemitische Zeitungen gebracht hat: ’„Haslo" (Losung) und „Gazeta Krakowska“ (KrakauerZeitung). Beide haben ihren Sitz und ihren offenen Anhangjii Krakau, der Hochburg des polnischen Konservativismus. Was diese neuen Zeitungen wollen? Nun, dasselbe, was die alten: die Juden verfolgen, —'die Tobten todtschlagen. Konkretes wollen sie auch, nämlich Geld verdienen. Und das ist gerade das Betrübende an dieser ganzen Sache, daß der Antisemitismus in seinen wüstesten Ausläufern ein so vorzüglicher Artikel geworden ist. Das Angebot wächst bekanntlich in gerader Proportion zur Nachfrage. Das Volk will gegen die Juden verhetzt werden, das Volk will Antisemitismus in seiner ausschweifendsten Form. Das ist das Erschreckende an diesem sozialen Unglück, ganz gleich, ob dieser Volkswille künstlich gezüchtet wurde durch systematische Verhetzung, oder ob er ein Widerhall eines vererbten, nicht auszurottenden Raffenhasses ist. Ein in Lemberg erscheinendes Tageblatt, das durch eine Reihe von Jahren an der Spitze des Liberalismus marschirte, sah eines Tages in sein Abonnentenbuch und erkannte mit Schrecken, daß cs von dem vollständigen Untergange nicht gar zu entfernt ist. Die Herren Redakteure — lauter Journalisten vom elendesten geistigen und moralischen Kaliber — wendeten sich zuerst an die Juden, und da sie hier keine Hilfe fanden, wurden sie über Nacht Antisemiten. Und — das Blatt geht wieder gut, trotzdem es anerkanntermaßen ganz gottverlaffen bornirt ist, ein geradezu polizeiwidriges Polnisch schreibt und einen so merkwürdigen Berichterstatterdienst hat, daß seine neuesten Nachrichten nie jünger als acht Tage sind. Im Talmud wird einmal gesagt: Wer die Juden peinigt, wird erhöht. Wenn die Antisemiten den ganzen Talmud auch verpönen, an die Wahrheit dieses Satzes müssen sie doch wohl glauben. Diese für uns so bittere Wahrheit hat wieder einmal Einer an seinem Leibe empfunden, Einer, dem man nicht ganz mit Unrecht das Wiederaufleben des schon todtgeglaubten galjzischen Antisemitismus zuschreibt, der Pfarrer Stojalowski. Dieser geistliche Herr ist eine Zeit lang in der Tagespreffe lebhaft behandelt worden. Man glaubte, einen zweiten Luther vor sich zu haben. Und es ist nicht zu leugnen, der Mau» hatte eine kurze Zeit Anwandlungen von Ehrlichkeit. Er nahm sich des Volkes an, predigte von der Kanzel herab grimmigen Haß gegen die Szlachta, die das Volk ausbeutet, er war eine Zeit lang ein regelrechter Revolutionär. Man hielt ihn für einen Sozialisten reinsten Waffers, denn er stand mit dieser Partei stets in freundschaftlicher Verbindung, unterstützte sie, wo und wie er nur konnte. Kurz, ein Rother in der schwarzen Soutane. Und kühn und ungehorsam war er, ganz, wie wenn er ein Mann von Charakter wäre. Seine geistlichen Vorgesetzten drohten ihm mit Versetzung und sonstigen kirchlichen Strafen; er gehorchte nicht. Sie versetzten ihn, er ging nicht. Und da kam über ihn — direkt bestellt aus Rom! — die große Exkommunikation. Der Mann war in Acht und Bann gethan. Von den geistlichen Behörden geächtet, von den weltlichen strafgerichtlich verfolgt, flüchtete er nach Ungarn. Die österreichische Regierung forderte die Auslieferung, aber die „juden-liberalen" Magyaren verweigerten sie, und Pater Stojalowski weiß oder wußte es damals, wie viel er dabei gerade den Juden zu verdanken hat. So lebte er eine Zeit in freiwilliger Verbannung, galt als Märtyrer und war nahe daran, ein welterschütternder Schismatiker zu werden. Aber da gerade machte er „kehrt!" Er ging nach Rom, machte tiefe Bücklinge bei allen möglichen Großen der Erde und des Himmels, zeigte tiefe Reue und widerrief. Und der Exkommunizirte ward wieder in Amt und Würden eingesetzt. Blos die Reue hat gewirkt. Blos die Reue? Nein, es waren noch andere Dinge im Spiele, weniger geistliche, weniger moralische. Während seiner Verbannung nämlich siegten einige seiner Mannen bei den Reichsrathswahlen. Sie marschirten fünf Mann hoch ins österreichische Parlament — eine Rumpfpartei, der Führer fehlte. Der Polenklub — lies: Szlachzitzen-Clique! — war ganz verzweifelt. Denn da begann sich ja zusehends die Einheit der polnischen Delegation in Wien zu zerbröckeln: eine kleine polnische Volkspartei, zwei in Krakau'und Lemberg gewählte polnische Sozialdemokraten und nun noch die Stojalowskigruppe. Diese mußte man gewinnen. Und sie ließ mit sich reden. Der Führer kommandirte Ruhe, ließ seine Leute bei den Luegers, Schneiders und Verganis antichambriren, und die wiesen ihn auf den oben erwähnten Weg des Ruhmes und der Ehre. Heute ist Pater Stojalowski, wie gesagt, wieder in Amt und Würden und — erwählter Vertreter des Volkes für den Reichsrath.

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