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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-03-04 · Heft 9 (4.3.1898) · p. Seite 99

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 9 (4.3.1898)
Date
1898-03-04
Page
Seite 99 (sequence 3)
Language
German
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SS allein tote Judenflinten zu suchen wären, sind überhaupt noch nicht zerlegt worden, sondern befinden sich sämmtlich in brauchbarem Zustande in unseren Beständen; unter den Gewehren A. 88 haben sich die Löwe'sche» Fabrikate ebenso bewährt wie die Gewehre aus anderen Fabriken. (Hört!) Abg. Richter: Danach steht es mit dieser Behauptung des Abg. Ahlwardt ebenso wie mit seinen anderen Behauptungen. (Heiterkeit.) Es ist wirklich schade, daß Eugen Richter das von dem „Komitee zur Abwehr antisemitischer Angriffe" herausgegebene Werk „Die Juden als Soldaten" nicht gekannt hat, welches auf Grund neuerer Feststellungen doppelt so hohe Ziffern, als er angegeben, enthält. Es werden nahezu 5000 jüdische Soldaten, welche den Feldzug 1870/71 niitgemacht haben, und 360, welche das eiserne Kreuz erhielten, darunter 129 Militärärzte, mit Namen atifgeführt. Die Thatsache, daß diese ungleich beredteren Ziffern dem Reichstage vorenthalten blieben, muß, bei voller Anerkennung für den Abgeordneten Richter, abermals das Bedauern wecken und die Lücke empfinden lassen, daß ein sachkundiger Abgeordneter innerhalb der deutschen Volksvertretung fehlt. * In zwei sehr bemerkenswerthen Erlaffen hat sich die österreichische Regierung mit der antisemitischen Frage beschäftigt. Die ernsten Mahnungen, welche in den erwähnten Schriftstücken zum Ausdruck kommen, richten sich an die Beamten und die Lehrer, an die berufenen Vertreter der staatlichen Gewalt sowie die berufenen Erzieher des Volkes. Den Beamten wird nahe gelegt, aus allen Vereinen, die eine antisemitische Tendenz zur Schau tragen oder dessen verdächtig sind, „selbst wenn sich solches aus dem Wortlaute der Statuten nicht schließen läßt", auszntreten. Die Mahnung, welche den Lehrern zugeht, befleißigt sich einer noch deutlicheren und festeren Sprache. Es wird betont, daß die in letzter Zeit in einzelnen Orten des Landes vorgekommenen judenfeindlichen Exzeffe, welche zum größten Theil sogar in Beschädigung des Eigenthums von Personen israelitischer Konfession ausarteten, es nothwendig erscheinen laffcn, der antisemitischen Bewegung besondere Beachtung zu schenken. Die Schule habe in dieser Beziehung dahin zu wirken, daß die Jugend von allem ferngehalten werde, was der in der Schule zu pflegenden Menschenfreundlichkeit widerspricht. Den Leitern der öffentlichen und privaten allgemeinen Volks- und Bürgerschulen wird ausgetragen, den unterstehenden Lehrkräften die Forderung der nationalen und konfessionellen Duldsamkeit an den Schulen in Erinnerung zu bringen mit dem nachdrücklichen Bemerken, daß es die erziehliche Pflicht jeder Lehrpersoit ist, die Schrtlkinder zu einer verträglichen Gesinnung auch gegenüber den Angehörigen der israelitischen Konfession anzuleiten, und daß eine jede Lehrperson der Schuljugend in dieser Beziehung nicht nur selbst ein gutes Beispiel zu geben, sondern auch das Verhalten der Schulkinder innerhalb und außerhalb der Schule eifrigst zu überwachen habe. Es ist seit langer Zeit das erste Mal, daß eine österreichische Regierung aus ihrer wohlwollenden Reserve dem Antisemitismus gegenüber hervortritt. Eigentlich sind es selbstverständliche Dinge, welche den Beamten und den Lehrern nahe gelegt werden, aber der schärfste Beweis dafür, daß das Selbstverständliche in Oesterreich nicht immer praktisch geübt wird, liegt wohl in der Thatsache, daß sich die Regierung bemüßigt sieht, in so auffallender Form die Beamten und Lehrer an ihre Pflichten zu erinnern. Die Befriedigung darüber, daß endlich ein Ministerium den Muth gefunden hat, das konziliante Stillschweigen über die staatsgesährlichen Umtriebe des Antisemitismus zu brechen, wird einigermaßeit dlirch die Erkenntniß getrübt, daß es dazu erst der Gewaltthätigkeiten bedurfte. welche in Böhmen gegen die Person und das Eigenthum jüdischer Bürger begangen wurden. Der Gedanke, daß die revolutionären Gelüste, welche sich bei dieser Gelegenheit gezeigt haben, in der Regel nicht gerade beim konfessionellen Moment stehen bleiben und im gegebenen Augenblick auch das christliche Eigenthnm begehrenswerth zu finden pflegen, mag mit dazu beigetragen haben, die Regierung wenigstens energische Worte finden zu lassen. Damit mag es auch zu erklären sein, daß beide Erlaffe nur an die böhmischen Beamteit und Lehrer ergangen sind, obgleich ihr beherzigenswerlher Inhalt sich auf Verhältnisse bezieht, welche so ziemlich in ganz Oesterreich bestehen. Daß sie in Böhmen besonders heftig zum Allsdruck gekommen. hängt mit dem Umstand zusammen, daß die Leidenschaften, welche auf der Gasse geboren werden und auch ans der Gasse zu enden pflegen, daselbst seit Langem sich einer besonders üppigen Entwickelung erfreuen. * Ob nach dem Urtheil im Prozeß Zola die Ruhe in Frankreich einkehren wird? Wir glauben es nicht. Für uns ist in diesem Prozeß das Wort des Verthcidigers Labor! maßgebend, daß die ganze Affäre von den Antisemiten und Klerikalen angezettelt worden sei. Damit ist auch der Zweck klar gelegt. Wo aber edle und selbstlose Herzen schlagen, wird Emile Zola bewundert werden. Die wärmsten Sympathien der Kultnrwelt werden ihn in den Kerker begleiten. Solche Märtyrer sind stets die Vorläufer einer Umwälzung, aus ihren Schmerzen und Qualen wird oft der Sieg geboren. Ist eine Idee stark genug, um Marterzeugen zu gewinnen, kann sie niemals untergehen. Eine mächtige Stimme wollten sie für ein ganzes Jahr im Kerker ersticken, hinter Schloß und Riegel soll sie verstummen, aber die Erinnerung an Zola im Gefängniß wird die Franzosen wie ein aufgescheuchtes Gewissen peinigen, und stets wird ihnen der leidenschaftliche Aufschrei des Herzens aus Ohr schlagen: Ich schwöre, daß Dreyfus unschuldig ist! Der eingesperrte Zola, der zum Sträfling gewordene Führer und Anreger der modernen europäischen Litteratur, schon die Vorstellung ist so widersinnig, daß die Franzosen sie nicht fassen und ertragen werden. Mögen sie ihn bis zur Ausstellung in der Zelle festhalten, und Millionen werden hinkommen, um mit eigenen Augen zu sehen, wo in Frankreich der Platz eines großen Schriftstellers ist, wo seine erlauchtesten Bürger zu finden sind, die sich nicht gegen menschliche und göttliche Urgesetze vergangen, sondern nur die Bürde auf sich geladen haben, gerührt von der Roth und dem Jammer eines gehetzten Offiziers, der seine Unschuld bethenerte, eine Ansicht vertheidigt zu haben, welche der herrschenden Richtung entgegentritt. Zola im Kerker wird eine größere Merkwürdigkeit für die Fremden sein als die Kirche von Notre-Dame und der Eiffelthurm, ein wahres Symbol zeitgenössischer Kultur ani Ende des Jahrhunderts in dem einst so schönen Frankreich. * Interessant ist der Nachweis, den der Abg. Marion gelegentlich einer Interpellation in der rumänischen Kammer geführt, daß bei den Exzessen vom 5. Dezember v. I. die Regierung direkt und indirekt die Ausschreitungen veranlaßt hat. Unter der Konvenienz der Polizei wurden am vorhergehenden Tage mehr als 20000 Exemplare eines Pamphletes vertheilt, dessen Titel, „Nieder mit den Juden", die rohen Instinkte der Massen aufreizen mußte. Alsdann sind Massen von Vagabunden und dem niedrigsten Pöbel gemiethet worden, und zwar von bekannten Agenten des Geheimfonds der Regierung. Jeder der Angeworbenen erhielt drei bis fünf Francs und freies Getränk, und es wurde ihnen in Aussicht gestellt, daß sie am Sonntag ungestraft und ohne Einschreiten der Polizei

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