Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 9 (4.3.1898)
- Date
- 1898-03-04
- Page
- Seite 98 (sequence 2)
- Language
- German
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-- 98 -- Minister wer weiß woher sich erworben. Ist es eilte Ehre, sich mit einem Gegner zu messen, der, wie Haman, vom blödesten Aberglauben erfüllt ist, der es von irgend einem aberwitzigen Verfahren des Loosens abhängig macht, wann er seine bösen Pläne ins Werk setzen soll? Wie gemein und feig benimmt Haman sich bei seinem Sturze! Von Ehre, Charakter, persönlicher Würde hat er offenbar keine Ahnung; selbst wo er seinen Untergang vor Augen sieht, hat er nicht den Muth, zu sterben, und ist nur ein neues Zeugniß dafür, daß die Könige schlecht und die Opfer ihrer despotischen Launen werden durch die haltlosen und charakterlosen Menschen, mit denen sie verkehren. So geistlos dieser Haman ist, das Sprüchlein, mit dem einst Haman die Juden vor dem Ahasverus und den Persern angeklagt hat, wird noch heute von den Judenfeinden mit geringen Aenderungen nachgeplandert: „Da ist ein einig Volk, sagt er, zerstreut und doch von den anderen Völkern getrennt, und ihre Satzungen sind verschieden von denen aller Völker, und die Gesetze des Königs üben sie nicht, und der König hat gar keinen Vortheil, sie zu dulden." Unser Schicksal soll unsere Schuld sein; zerstreut unter den Völkern sind wir, aber wären wir nicht lieber auf der heimischen Scholle geblieben, haben wir die Stürme gerufen, die uns nach allen Enden der Erde getragen haben? Und wir sind trotz alledem ein einig Volk; wer wollte, es wäre wahr! Daß eine religiöse Gemeinschaft, die ihre tausendjährigen Traditionen hat, einig ist, ist wahrlich keine Schande; leider existirt diese Solidarität nur in den Träumen unserer Feinde, wir spalten uns häufig um ein Nichts und bieten den Gegnern das unerfreuliche Schauspiel öder Zänkereien. „Unsere Gesetze sind verschieden von denen anderer Völker", dadurch sind wir getrennt: wir haben unsere Feste an Tagen, welche für die Anderen Werktage sind; wir haben uralte eigenthümliche Ordnmigen für den Gottesdienst wie für das Haus; aber was haben nur die Anderen für Schaden, wenn wir diese alten Satzungen beobachten! Es ist doch nicht uöthig, daß alle Bewohner des Landes gleichsam dieselbe Uniform tragen, wenn sie nur sonst in der Förderung des Volkswohls einig sind; eine Verleumdung aber ist es, daß wir „die Gesetze des Königs nicht befolgen", jeder gute Israelit weiß es. daß der Prophet Jeremias uns die Förderung des Wohles der Länder, in welche die Stürme der Weltgeschichte uns gebracht haben, anbefohlen hat, und nur Haman und seine zahllosen Nachfolger verfolgen uns mit dieser verleumderischen Lüge. Und bringt es dem Könige, dem Staate, wie Haman sagt, wirklich keinen Gewinn, uns zu dulden? Sind die Israeliten nicht meist rührige, ehrliche, sparsame Bürger? Zugegeben, daß der Handel keine Güter schafft, aber erstens sind nicht alle Juden Kaufleute, und sodann ist der Handel die Macht, die so vielen Erzeugniffen des Bodens und der menschlichen Geschicklichkeit erst Werth verleiht, gewiffermaßen sie erst zu Gütern emporhebt. So verlogen die Anklagen Hamans waren, sie haben dennoch Anklang gesunden, und noch heute finden die Hamans Beifall, weil sie den Volksleidenschasten schmeicheln. Wir lesen nirgendwo, daß Mordechai sich Mühe gegeben hat, Haman zu widerlegen. Aber wir lesen im Talmud: Als Mordechai von den Anschlägen Hamans hörte, rief er auf der Straße einen jüdischen Knaben zu sich heran und sagte zu ihm: Auf, sag' mir ein Bibelwort, das dir besonders vertraut ist. Und der Knabe sprach: Sinnet Pläne, sie sind zerstört, sprechet Worte, sie bestehen nicht, denn mit uns ist Gott. Dies schlichte Gottvertrauen erhob den Mordechai und erhebt uns über die Noth der Zeit, über Haman und seine Sprossen. Nie Woche. Berlin, 1. März. mmer von Neuem zeigt sich die Berechtigung unserer Forderung, XI/ die eine entsprechende sachkundige Vertretung in den Parlamenten verlangt. Auch in der abgelaufenen Woche mußte dieser Wunsch wiederholt laut werden. Namentlich bei der Berathung des Militäretats, wo Bebel wieder dieselben Klagen wie in der Budgetkommission vorbrachte. Wir geben der Vollständigkeit wegen nochmals hier einen kurzen Bericht über die betreffende Verhandlung: Beim Kapitel Geldverpflegung, und zwar bei den Besoldungen der Militärärzte, sagt Abg. Bebel (Soz.): Die Gehälter der Militärärzte sind sehr niedrig, zumal sie eine Privatpraxis sich kaum erwerben können, da der Aerztestand ohnehin stark überfüllt ist. Es giebt in den großen Städten fast ein Aerzteproletariat. Die Stellen der Militärärzte sind daher durchaus nicht begehrt, und es ist auch eine große Zahl derselben unbesetzt, besonders weil bei der Besetzung ein gewisser Antisemitismus herrscht. Man will keine jüdischen Aerzte annehmen. Kriegsminister v. Goßler: Mir ist keine Bestimmung bekannt, wodurch die Annahme jüdischer Aerzte ausgeschlossen ist. Wir haben eine Reihe von Aerzten höheren Ranges, die jüdischen Glaubens sind. Abg. Bebel: Man gewinnt den Eindruck, als ob jüdische Aerzte systematisch der Armee ferngehalten werden. Ausdrückliche Bestimmungen werden weder beim Militär noch bei der Justiz noch bei der Verwaltung vorhanden sein, daß Juden nicht angenommen werden; ebenso wenig besteht eine Bestimmung, daß ein übergangener Offizier seinen Abschied nehmen soll. Thatsächlich richten sich aber die Offiziere nach dieser Regel. Kriegsminister v. Goßler: Ich kann dem Vorredner nur sagen: Militärärzte werden nicht nach der Religion, sondern nach der Fähigkeit ausgesucht. Abg. Jskraut (Antis.): Um seine Ausführungen interessant zu machen, hat Herr Bebel die Judenfrage natürlich in philosemitifchem Sinne angeschnitten. Daß so wenig jüdische Aerzte in der Armee sind, beruht darauf, daß der Geist unserer Armee wenig Aehnlichkeit mit dem jüdischen Geiste hat. Wenn die Gehälter der Militärärzte erhöht werden, werden sich auch mehr jüdische Aerzte für diese Stellen finden. Abg. Lieber (Centr.): Von einem Zudrange zu den Stellen der Militärärzte kann bei 1786 unbesetzten Stellen keine Rede sein. Der Kriegsminister hat schon richtig geantwortet, daß die Aerzte nach den Fähigkeiten aiisgewählt werden: das ist selbstverständlich, nachdem man die Juden emanzipirt hat. Abg. Bebel: Herr Jskraut glaubt ja, daß die Sozialdemokraten sammt und sonders dem Judenthum verschrieben sind. An dieser seiner Anschauung kann ich nichts ändern. Wenn die Aerzte lediglich nach der Fähigkeit angestellt werden, so ist das durchaus zu loben; aber es ist eine Thatsache, daß die Juden einen hohen Prozentsatz geschickter Aerzte stellen. Abg. Jskraut: Herr Bebel hat erst einmal mit mir diskutirt (Zuruf Bebels: Davon hatte ich gerade genug!) und fich dabei einen Ordnungsruf zugezogen. Der Gegensatz von jüdisch ist nicht christlich, sondern deutsch. Abg. Richter (Fr. Vp.): Das ist allgemeines Gerede. (Zuruf Jskrauts: Aber es ist interessant!) Wo zeigt sich der Geist der Armee mehr als im Kriege? 1870 haben über 2000 Juden am Kriege theilgenommen, darunter befanden sich auch Offiziere und Aerzte. Diese Juden haben 83 eiserne Kreuze erhalten, davon entfallen 36 auf jüdische Aerzte. Bei den Ausgaben für die Handfeuerwaffen weist Abg. Richter darauf hin, daß Abg. Ahlwardt behauptet habe, daß ganze Wagenladungen von zertrümmerten Löwe'schen Gewehren nach Hörde verkauft und dort eingeschmolzen worden seien. Generalmajor v. d. Bo eck: In Metz und Rastatt hat eine Zerlegung alter Waffen, darunter auch alter französtfcher Gewehre, stattgefunden. Die Metalltheile davon sind veräußert worden, und zwar an die Firma Herz in Metz. Von dort sind sie auch vielleicht nach Hörde verfrachtet und dort eingeschmolzen worden. Gewehre M. 88, bei denen