Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 9 (4.3.1898)
- Date
- 1898-03-04
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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WWW DM 62. Jahrgang. Nr. 9 rne Krrtrn» 4. Mär; 1898. eitung öes Audenthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Redacteirr: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner 39r- Ludwig Philippson-Äonn. Vertags-Erpe-rtion: Gerlin, Jerusalemerstr. 48/49. IAlle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse-. Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlas von Rudolf Moste, Berlin. Leitartikel: Purim. — Die Woche. — Briefe aus Galizien. — Ein Judenftaatgründer. Von Dr. M. Katzserling.—Volks-und Familienfeste in Alt-Israel. Von A. Levtz (Schluß). — Noch einmal Salomon Pleßner. Von Dr. B. Ziemlich. — KeirMetonr Aus bangen Tagen. Von Carl Griot. (Fortsetzung.) — Litterarische Mittheilrmgeir. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen nnd Nachrichten r Berlin, Königsberg, Posen, Wollin, Wattenscheid, Dresden, Weimar, Wiesbaden, Wien, Budapest, London. — Bon Nab und Fern. — Geschäftliche Notizen. Purim. Berlin, 2. März. ■4j2|P§ gehört wenig Verstand und nur viel Charakterlosigkeit dazu, JOy) die Volksleidenschaften aufzuwühlen. Wer fort und fort dieselbe Lüge vorbringt, unbekümmert darum, daß sie längst widerlegt ist, der findet bei Tausenden von harmlosen Menschen Glauben, weil einfache Leute sich dieses bewußte und kecke Verleugnen der Wahrheit gar nicht vorstellen können. Ja, wir erleben den wunderlichen Prozeß, daß die Verlogenheit sich an dem Urheber der Lügen rächt, daß dieser allgemach seine eigenen Märchen glaubt; freilich ist dieser Glaube sehr verschieden von dem, den wirklich wahrheitstreue Menschen für ihre Ueberzeugungen hegen; aber so Viele, die darauf Tag um Tag ausgehen, ihre Genoffen zu blenden, zu bethören, zu berauschen und dann im Rausch zu thörichten Streichen fortzureißen, verlieren, da ihnen stets nur das Ziel vorschwebt, die Leidenschaften aufzuregen, fast ganz die Fassungskraft für den Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge; was schön klingt, was für den Augenblick wirkungsvoll ist, das scheint ihnen begehrenswerth, dem jagen sie nach; die glänzende Pose gilt ihnen alles; es ist ihnen gleichgiltig, daß sie Gifte dem Volke reichen, wenn nur diese Gifte dem Gaumen der Menge munden und mit Gier von ihr verschlungen werden, und sie wissen dann schon gar nicht mehr durch die lange böse Gewöhnung, daß sie das Volksgewiffen verwirren und krank und elend machen. Die große Masse hat soviel Ursache, unzufrieden zu sein; trotz schwerer Arbeit weicht oft die Sorge nicht von ihren Häupten; aller Fleiß, aller Eifer reicht oft nicht aus, das Nothwendigste zu schaffen; von Denen, bei welchen sie Hilfe heischen, werden sie mit Worten statt mit Werken abgespeist; überdies ist es so menschlich, zu meinen, daß die Früchte der Freude und des Vergnügens, von denen die Erde voll ist, für Alle blühen, und um so härter ist dann die Wahrnehmung, daß die Einen mühelos danach langen, während die Meisten davon ausgeschloffen sind. Da kommen denn die Verführet und sagen: diese oder jene Menschenklaffe ist an allem Unheil schuld; wie leicht glauben dann die Gequälten, was sie so gern glauben möchten, daß nicht an ihnen selbst, die doch wohl vollauf ihre Schuldigkeit thun, oder in einer harten, schwer zu ändernden Weltordnung die Ursache ihrer Leiden liege, sondern daß diese von einer lügnerischen Rotte denunzirte Menschenklaffe das Uebel hervorgebracht habe. Neuerdings ist vielleicht nur, weil es so hübsch zusammen klingt, der Kampf gegen „Juden und Junker" proklamirt worden. An sich ist Loos und Lebensführung von Juden und Junkern unähnlich genug; denn nach den Traditionen unseres Landes sind die Junker die Führer, die an allen Ehren und Vortheilen dieses Ftthreramtes Antheil haben, und man hat die Behauptung gewagt, daß Preußen von dreihundert Familien regiert werde. Die Juden verdanken nichts der Gunst, sondern alles der Arbeit; es würden nicht so viele Juden ihr Judenthuin verbergen nnd verstecken, wenn es nicht große Nachtheile brächte, sich zu dieser von jeher verfolgten und zurückgedrängten Minderheit zu bekennen. Juden und Junker haben nur das eine gemeinsam, daß sie eine kleine Schaar darstellen gegenüber der großen Volksmaffe; das genügt, daß man sie beide ohne jeden vernünftigen Grund für die wirklichen oder vermeintlichen Schäden des Landes verantwortlich macht, und daß die läppischen Anklagen Glauben finden. Die Heilige Schrift zeigt uns an Haman das Modell eines Judenfeindes, der eine ungeheure Bewegung gegen die Juden entfacht und der doch eine durchaus untergeordnete Persönlichkeit war, deffen ganze Kraft zum Schaden in seiner Charakterlosigkeit bestand. Das ist ja das Aergerliche an diesen Kämpfen mit Judenfeinden in alter und neuer Zeit, daß auch der Triumph über diese verlorenen Gesellen gar keine Freude macht, weil es sich gar nicht lohnt, über sie zu siegen, weil sie weder durch Geist noch durch Thatkraft sich auszeichnen. Auf unsere Gegner und auf ihre Macht im Lande paßt freilich das Wort: „Uebers Niederträchtige nimmer Dich beklage, denn es ist das Mächtige, was man Dir auch sage." Es giebt in der Geschichte große Bösewichte, die, wenn sie durch ihre schlechten Ziele uns Abscheu einflößen, doch durch die Energie, durch die stürmische Leidenschaftlichkeit ihres Wollens, durch die Gewalt ihrer Persönlichkeit unseren Respekt erzwingen; solche Gegner hatte das Judenthuni wohl nie. Haman ist für Alle das Vorbild, ein geistig beschränkter, verlumpter Sklave, dem die Höhe der Macht keine Spur von hoher Gesinnung verliehen hat. Der Talmud sagt: Haman war der oberste der Schacherer, der für zehntausend Talente die Juden vom Könige kaufen wollte, daß er mit ihnen thue, wie es ihm beliebe. Welch eine niedrige Gesinnung, die Existenz eines Volkes wie den Gegenstand eines Geldgeschäftes zu beurtheilen, Glück und Leben einer großen Gemeinschaft nach dem Maßstabe zu messen, ob es dem Könige Gewinn bringt, sie zu dulden, und die etwaigenGewiffensbedenken des Ahasverus mit zehntausend Talenten beschwichtigen zu wollen, die der allmächtige