Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 8 (25.2.1898)
- Date
- 1898-02-25
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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62. Jahrgang. Nr. 8. Lerlin, 25. Februar 1898. Der Gemeindebote Weikage zur „Ackgemeinen DeiLung öes IuöenLHurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. Sß Berlin, 20. Februar. Der Vorstand des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus hat den Jahresbericht pro 1897 erstattet. Wir entnehmen demselben Folgendes: Die Einnahmen an Mitgliederbeiträgen haben im Jahre 1897 betragen: von den Mitgliedern in Nord-, Nordostdeutschland und einem Theil von Mitteldeutschland 19 722 Mark, welche von dem Hauptbüreau in Berlin verwaltet und für die allgemeinen Aufgaben des Vereins und für spezielle Zwecke der genannten Landestheile verwendet worden sind. Außerdem sind von dem Büreau in Frankfurt a. M. die Beiträge von Mitgliedern in Südwestdeutschland und einem Theil von Mitteldeutschland im Gesammtbetrage von 17 621 Mark für Zwecke der genannten Gegenden verwendet worden. Das Berliner Hauptbüreau hat ausgegeben: 4412 Mark an Gehältern und Büreauarbeiten, 3343 Mark für Miethe, Telephon, Porto, Heizung, Büreaumaterialien rc., 6225 Mark für Verbreitung von Broschüren, Kalendern, Flugblättern (in Summa 352 500 Exemplare), 6194 Mark Zuschuß zur Herstellung des Wochenblattes „Mittheilungen" und der an 300 Zeitungen wöchentlich abgehenden „Wochenkorrespondenz" (Auszug aus den „Mittheilungen"), 1580 Mark für verschiedene einmalige Ausgaben, denen verschiedene einmalige Einnahmen gegenüberstehen. Die Jahresrechnung schließt mit einem Defizit von 880 Mark, das aus dem Ueberschuß der früheren Jahre gedeckt wurde. Die Rechnung der „Mittheilungen" stellt stch wie folgt: Einnahmen von ca. 8000 festen Abonnenten 9014 Mark, Ausgaben an Gehältern, Druckkosten, Porti rc. 15 208 Mark. Es ist also ein Zuschuß erforderlich von 6194 Mark. Mit Rücksicht auf die Nothwendigkeit einer fortdauernden Beobachtung der antisemitischen Bewegung, insbesondere der antisemitischen Presse und mit Rücksicht ferner auf die Nothwendigkeit der fortgesetzten Klarstellung der Behauptungen derselben hat der Vorstand die Redaktion ermächtigt, für die reichhaltigere Ausgestaltung des Blattes noch einen Mehrbetrag bis zu 1000 Mark zu verwenden. LZ Berlin, 22. Februar. In der Reihe der Montags-Vorlesungen zum Besten des Stipendien-Fonds der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums sprach am 21. d. M. Herr Rabbiner Dr. Tobias Cohn über „Die Frauen im Talmud". Eine zwiefache Strömung lasse fich im Talmud verfolgen: die eine, welche in den biblischen Urkunden ihre Quelle hat und deren humane Auffassung von der Stellung der Frau überall widerfpiegelt; die andere, welche sich im Zusammenleben Israels mit den fremden Völkern gebildet hat und den Einfluß ihrer Sitten und Gesetze erkennen läßt. Diese letztere sei überall nachweisbar, wo der Talmud zu abfälliger Anschauung betreffs der Stellung des weiblichen Geschlechts neigt; immer jedoch erweist sich die Kraft der biblischen Anschauung im Talmud siegreich. Unter solchem Gesichtspunkte umspannte der höchst interessante Bortrag das Leben der Frau durch alle Stadien ihrer Entwickelung von der Wiege bis zum Grabe. Schon der erste Gruß, mit welchem die Tochter beim Eintritt in die Welt empfangen wurde, zeigt den Fortschritt der talmudischen Auffassung gegen die heidnische. Dasselbe war der Fall hinsichtlich des Unterhalts der Tochter und ebenso auch in Bezug auf ihren Unterricht in Glauben und Wissen. Das Eheleben wurde durch den Talmud auf Religion und Moral gegründet; es sicherte der Frau eine würdige und geachtete Stellung im Hause, übertrug ihr die große und wichtige Aufgabe der Erziehung, anerkannte einerseits die Tiefe und Reinheit ihres Gemüthes und andererseits die Fähigkeiten ihres Geistes, so daß ihr Gelehrsamkeit und Bildung nicht verschlossen waren. Dem Luxus und der Toilette der Frau trug der Talmud in vollem Maaße Rechnung. Am Kultus war sie betheiligt, und an ihrem Grabe noch zeigte sich durch kulturelle Formen die geachtete Stellung, welche der Talmud der Frau einräumte. Mit einem Ausblick auf die Frauenfrage der Gegenwart schloß der Bortrag, der allgemeines Interesse erregt und wohlverdienten Beifall gefunden hat. — Am 28. d. M. wird Herr Prof. Dr. Geiger über das Thema: „Esther in der neueren Litteratur" sprechen. a. Berlin, 18. Februar. Bor den zahlreich erschienenen Mitgliedern und Gästen des Israelitischen Fortbildungsvereins Montefiore sprach in dessen Bereinslokal, Rosenstraße 2, am vergangenen Dienstag Herr Rabbiner Dr. Stier über „die Ehre des Gelehrten". In der Einleitung wies der Redner auf seine unlängst erschienene Schrift „die Ehre in der Bibel" hin und theilte mit, daß er gegenwärtig an einer Fortsetzung dieser Abhandlung, an einem Werke über „die Ehre im Talmud" arbeite, dessen einen Theil, der die Ehre des Schriftgelehrten behandelt, er vortrug. Der Redner entwickelte in ebenso sachlicher wie anregender Weise, welche Pflichten das Religionsgesetz dem Juden im Verkehr mit dem „Talmud chacham" auferlegt, und welche Rücksichten dieser wiederum stch selbst, seinem Stande und der Wissenschaft, die er vertritt, schuldet. Der Vortragende widerlegte schließlich die Behauptung, diese Bestimmungen entbehrten heute der Grundlage und hätten deshalb keine Geltung mehr. An den Ausdruck des aufrichtigen Dankes für den Redner schloß der Vorsitzende des Vereins, Herr I. Goldschmidt, die Aufforderung an die Mitglieder und Gäste, ebenso zahlreich wie zu diesem Vortrage zu den vom Verein Montefiore veranstalteten Lehrkursen zu erscheinen. Aus einem einzelnen Vortrage, so führte er aus, könne man wohl werthvolle Anregungen zu eigener geistiger Arbeit schöpfen, um gediegene Kenntnisse zu erwerben, sei ein intensiveres Studium erforderlich. Dies zu fördern, sei die Aufgabe des Vereins, und deshalb wolle er (Redner) den Schwerpunkt der Thätigkeit desselben auf die Einrichtung der Lehrkurse verlegen. In diesem Semester werden deren zwei veranstaltet, einer Montags (Talmud), ein anderer Donnerstags (Pentateuch). Sie finden von 9 bis 10 Uhr Abends im Bereinslokale statt. Die Theilnahme daran steht Jedermann frei und ist völlig unentgeltlich. LZ Berlin, 21. Februar. Aus Jerusalem erhalten wir heute die folgende Draht - Nachricht: „Strenger Winter. Masern - Epidemie. Armuth groß, bitten um schleunige Hilfe. Großrabbiner El ja schar Nissim Behar." Schon vorher hatten wir ähnliche traurige Nachrichten aus der heiligen Stadt empfangen. Es erscheint also dringend geboten, daß die geeigneten Männer zu einer schleunigen Hilfsaktion zusammentreten, um dem großen Elend nach Kräften zu steuern. LZ Berlin, 21. Februar. Gestern starb hier Dr. med. Gustav Kali sch er, der zu den bekanntesten Aerzten Berlins gehörte, nach vierzehntägiger Krankheit an Lungenentzündung. 1849 zu Rawitsch geboren, erhielt Kalischer seine Schulbildung auf der Realschule seiner Geburtsstadt. Nachdem er nachträglich die Gymnasialreifeprüfung abgelegt hatte, wandte er sich dem Studium der Heilkunde zu, dem er ausschließlich in Berlin oblag. Während des deutsch - französischen Krieges war er als freiwilliger Krankenpfleger thätig. 1876 wurde er Assistent am hiesigen städtischen Krankenhause zu Moabit. Nach seinem Ausscheiden aus dem Hospitaldienste ließ fich Kalischer im Norden Berlins nieder, wo er alsbald die Stelle eines Armenarztes erhielt. Er erlangte hier in verhältnißmäßig kurzer Zeit eine umfangreiche Praxis. In weiteren Kreisen wurde Kalischer durch sein eifriges und opferwilliges Eintreten für allgemeine und öffentliche Interessen bekannt. Insbesondere bemühte er sich viel um Verbesserungen im Bereiche der Armenpflege. Einen eifrigen Förderer hatten an Kalischer auch viele andere gemeinnützige Bestrebungen. Ihn interessirten auf das lebhafteste hygienische Fragen. Eindringliches Interesse bethätigte er auch für ärztliche Standesfragen. Für das Vertrauen, in dem Kalischer bei seinen Fachgenossen stand, spricht die große Zahl der Vertrauensstellungen, die ihm übertragen wurden. Er war Mitglied voll Sonderabordnungen der Berliner medizinischen Gesellschaft und der ärztlichen Standesvereine der Aerztekammer für Berlin - Brandenburg, des Vor-