Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 8 (25.2.1898)
- Date
- 1898-02-25
- Page
- Seite 96 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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.1 . J-Jl ■>«' . i-JUlW 96 Gräuelthat, ja, mehr als das: AuS seinem Munde sollte das verhängnißvolle Wort kommen, seine Stimme sollte verdammt seip, das Gesetz im Senate vorzubringen, das den Tod bedeutete für eilt edles Volk, dessen ganze Schuld darin lag, daß sie sich rein erhalten bis auf den heutigen Tag, daß sie die besudelnde Gemeinschaft der lasterhaften Römer nicht gesucht, daß sie ihr Auge in gläubigem Sinne nach dem Höchsten richteten, daß sie die Freuden,hßs irdischen Daseins verschmähten, himmlischen Friedens willen. Und darum sollten sie sterben! Nein! nicht darum! Wäre es der Glaube an den einig einzigen Gott, durch den sie verdammt wurden, sie hätten nicht gezögert, ihr Leben dahin zu geben, gleich Abraham, dem Stammvater, hätteir sie ihre Kinder auf dem Altäre geopfert dem Ewigen zur Ehre; allein nicht des Glaubens wegen verfolgte sie der Imperator. Nein, schmähliche Gewinnsucht, schändliche Begierde allein bildeten die Triebfeder seiner grausamen Verordiumg. O. daß er ausersehen war, das Werkzeuge in den Händen des feilen Domitian zu sein! Gerade er, dessen Herz sich bei dem bloßen Gedanken an das Bevorstehende in wildem Weh zusamn: .impfte, er sollte in aller Form dem Senate jenen Antrag vorlegen. Ob sich wohl eine Stimme erheben würde, die dagegen Einspruch erhob, die den Antrag verwarf, die zur Milde rieth, vielleicht auch nur zu leichten Strafen, zu entwürdigenden Züchtigungen, die ja in Rom täglich und stündlich oft an den Unschuldigsten vollzogen wurden, nur zu dem Gräßlichsten nicht rathen wollte, zum Schlachten unschuldiger Menschen. Nein, es war unnütz, das zu glauben! Wozu mit trügerischen Hoffnungen die Seele einlullen, wo doch die trostlose Gewißheit vor Augen stand; wo und wann hätte Jemand in Rom gewagt, seine Stimme gegen die des Imperators zu erheben! Duckten sie sich nicht und krochen sie nicht vor ihm im Staube, und beugteil sie nicht ihren Nacken seinem Fußtritte, und ertrugen sie selbst. Alle, nicht die ärgsten Demüthigungen, wenn es ihm gefiel, sie seinen Zorn fühlen zu lassen? Nein! Er wußte es; von dieser Seite war keine Rettung möglich. Nie würde sich eine Stimme gegen das Gebot des Kaisers auflehnen — und daß es ein Gebot des Kaisers war, trotzdem Flavius es beantragte, das wußten sie ja alle. Nein, keine Rettung! Keine, keine! Es wird dunkel vor meinen Augen, ein gähnender Abgrund droht mich zu verschlingen! Weh' mir! „Weh' Deinem Volke, Jehova!" Und laut aufstöhnend sank er zur Erde hin. Sein Antlitz berührte den Boden, und aus seiner Brust drang schmerzliches Stöhnen. Da, nach einigen Minuten banger Verzweiflung, richtete er sich empor. Wie verklärt blickte sein Auge nach oben, und in seinem Antlitz leuchtete der Abglanz höchster Glückseligkeit. Seine Brust weitete sich, und seine Lippen umspielte ein strahlendes Lächeln. „Dank Dir, o Herr!" entrang es sich seiner gepreßten Brust, „daß Du Deinen Knecht erleuchtet hast mit Deiner Gnade!" Wie neu belebt, erhob er sich von der Erde. Sein Antlitz strahlte von innerem Glücke, nichts deutete auf die Seelenkämpfe hin, die noch vor einigen Augenblicken sein Innerstes zerwühlt hatten. Voll freudiger Zuversicht wandte er den Blick der Sonne zu, die ihn mit ihrem Glanze hinauszulocken schien ins Freie. Wie von innerer Eingebung getrieben, ließ er sich zum Ausgehen ankleiden. Es drängte ihn Hinalls in Gottes freie Natur, dem Schöpfer in heißeni Gebet ein Dankopfer zu bringen. Er mochte wohl, nur von seinem vertrauten Sklaven begleitet, eine Stunde gegangen sein. Die frische, würzige Luft hatte seine Wangen geröthet, und ein so siegesgewisses, erhaben heiteres Wesen er zur Schau, daß Alle, die ihm begegneten, überzeugt waren, der sonst so grüblerische FlaviuS Clemens müsse heute eine überaus freudige Nachricht empfangen Haben. Sein Weg führte ihn an dem am Fuße des aventinischen Hügels gelegenen Hafen vorüber, und angeregt durch das rege Treiben, das dort herrschte, blieb er im Anschauen versunken stehen. Es war aber auch ein ansprechendes Bild, das der Hafen mit seinen mannigfachen Gestalten den Blicken bot. Hier zogen in buntem Reigen die fremden Kaufleute herbei, die in Rom den größten Absatz für ihre Maaren fanden, die sie aus allen Himmelsstrichen der Welt hierher brachten. Da wurden die Ladungen ausgeschifft, um in den zahlreichen Magazinen geborgen zu werden, die den Platz umsäumten, da ganze Ballen wieder auf die Schiffe geladen, um sie nach fernen Weltgegenden zu versendeil. Beherrschte ja Rom den ganzen Welthandel, und nur dasjenige galt für vollkommen, was in der Hauptstadt der Welt erzeugt wurde. Buntbcwegt fluthete Üie Menge auf und nieder. Eine Fülle der mannigfachsten Gestalten feffelte das Auge, während ein unentwirrbares Stimmengewirr in den verschiedensten Sprachen ans Ohr schlug. Da feilschte ein Chaldäer in seiner Muttersprache, dort priesen die Söhne der Wüste in rauhen Kehllauten ihre Waare oder empfahlen sie angelegentlichst der Obhut der Magazinswächter. (Fortsetzung folgt.) Sprechfaul. Herr Redakteur! Än Nr. 2 Ihres geschätzten Blattes versucht ein Korrespondent, den Brauch, die Bitte uw Regen in das tägliche Gebet vom 4. Dezember an einzuschatten, aus einer Anlehnung an das christliche Barbarafest zu erklären. Es ist wohl an sich nicht unwahrscheinlich, daß solche christlichen Einflüsse im Judenthum sich geltend gemacht haben. In diesem Falle jedoch ist es kaum denkbar, denn die Sitte, die tägliche Bitte um Regen am 4. Dezember zu beginnen, wird von Babylonien aus bezeugt, wo Parsismus die herrschende Religion war, während gerade in Palästina, wo die Juden mit Christen in Berührung kamen, die Sitte unbekannt war. (Megilla 10 a.) Sollte nicht vielleicht der christliche Barbara-Mythus, der im Orient entstanden zu sein scheint, auf eine heidnische, Juden und Christen gemeinsame Quelle Hinweisen? Cincinnati, 7. Februar. G. Deutsch. * Sehr geehrter Herr Redakteur! tie ich aus dem Bericht der Monatsversammlung der „Bereinigung jüdischer Schulmänner zu Berlin" entnehme, wurde u. a. in der Generaldiskussion über die Einführung des Unterrichts im liturgischen Gesänge debattirt. Es wäre wünschenswerth, wenn dieses Fach in allen Religionsschulen eingeführt werden würde, da durch den liturgischen Gesang das Interesse der Kinder für den Gottesdienst in bedeutendem Maße erhöht wird. Da jedoch meines Wissens nach ein liturgisches Schul-Gesangbllch noch nicht vorhanden ist, und die existirenden liturgischen Chorwerke für den Schulgebrauch zu komplizirt sind, so wäre es von großem Nutzen, wenn einer der auf dem kantoralen Gebiete anerkannten Fachmänner ein derartiges Gesangbuch, das ein- und zweistimmige Piöeen in leichtfaßlicher Form enthält, herausgeben würde. Selbstverständlich müßten die traditionellen liturgischen Melodien auch darin enthalten sein. Fürstenwalde, 18. Februar. Hochachtungsvoll Magnus Davidsohn, Kantor und Religionslehrer. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redattion: Max Bauchwitz in Berlin.