Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-02-25 · Heft 8 (25.2.1898) · p. Seite 95

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 8 (25.2.1898)
Date
1898-02-25
Page
Seite 95 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228257-3228266--54403-3290530
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

WW SWF«M«N»SSM 95 zweigen, ihm den Abschiedsgruß zurufend: Herrlichkeit dir, o Altar! Herrlichkeit dir, o Altar! Diese Feier des siebenten Tages nannte man das „große Hosianna" üosvdkrnn rabbab, welches der Name dieses Tages bis heute geblieben ist. Schon die Benennung dieses Tages und dieser Feier im aramäischen Dialekt — der damaligen Volkssprache, im Gegensatz zum Hebräischen, der heiligen und gottesdienstlichen Sprache — weist darauf hin, daß es ein Volksfest und ein aus der Initiative des Volkes hervorgegangenes gewesen ist, wenn nicht schon der Umstand, daß alle diese Gebräuche im biblischen Gesetz auch nicht die geringste Begründung haben, darauf hinwiese. (Forts, folgt.) EUILLETON Aus bangen Tagen. Historische Erzählung aus der römischen Uaiserzeit. Von Carl Griot. VH. O&m Hause des Senators Flavius Clemens herrschte lebhaftes TW Treiben. Um die Morgenstunde eines sonnig heiteren Tages (j!& hatten sich bereits zahlreiche Besucher eingefunden, die das riesige säulengetragene Atrium füllten. Ein Besuch bei Titus Flavius Clemens galt den Höflingen für äußerst wichtig, war er ja ein naher Verwandter des Kaisers, und schon deshalb war es geboten, sich auch seiner Gunst zu versichern. Was aber die Wichtigkeit seiner Stellung noch bei Weitem erhöhte, war der Umstand, daß die Welt in dem Vetter des Cäsar dessen Nachfolger sah, und darum galt es, sich neben der Gunst des herrschenden auch der Huld des kommenden Kaisers zu versichern, und die Meisten ließen sich direkt vom Palaste Domitians nach dem Hause des Senators tragen. Darum harrte vor dem Palaste schon in den Morgenstunden eine stattliche Anzahl reichgeschmückter Sänften, und darunr staute sich die Menge der Besucher im Vorsaale und suchte sich die Zeit bis zum Empfange durch Gespräche zu verkürzen. Die Stunde verrann jedoch, und der Senator, der ja sonst nicht als Langschläfer galt, ward noch nicht sichtbar. „Was mag nur der edle Flavius des Nachts geschafft haben?" wandte sich jetzt ein älterer Mann in langer blendend weißer Toga an seinen Nachbar, „daß er sich seinen Gästen nicht zeigt?" „Nichts Gutes," cntgegnete der Angeredete, Ascletarion der Wahrsager, „es gehen allerlei Gerüchte über des Senators heimliche Neigungen; Du bist ja auch kein Freund dieses Mannes," fügte er im Flüsterton hinzu, „wie viele von Denen hier, die sich in das Vorgemach des künftigen Kaisers drängen, und mit Dir kann man ja ein offen Wort sprechen, Flavius, sagt man," und er neigte seinen Mund dem Ohr seines Nachbars zu, „Flavius steht im geheimen Bund mit den Nazarenern." „Du willst sagen mit den Juden!" fiel hier der Andere ein. „Nein, nein, es ist, wie ich Dir sage," lautete die entschiedene Erklärung Ascletarions, „Flavius soll sich im Geheimen der Lehre der Christen hingegeben haben. Wie kannst Du denken, der Juden; Dies verfluchte Volk, das die Götter verderben mögen, hat auch an Flavius Clemens einen erbitterten Feind; er und kein Anderer soll das Gesetz zur Vertilgung der Juden dem Senat vorlegen." „Ich hörte bereits davon," lautete die in nachdenklichem Ton ertheilte Antwort, „und doch scheint's mir sonderbar, denn. . ." Da wurde plötzlich die teppichbehaugene Thür geöffnet, die die Wohnränme des Senators vom Vorgemache trennte, und in derselben erschien der Nomenclator des Flavius und kündigte den Anwesenden im Ton des Bedauerns an, sein hoher Gebieter könne heute Niemand empfangen, er hoffe, sie nicht zu erzürnen, allein er fühle sich leidend und möchte seinen Gästen den Anblick eines mürrischen Kranken entziehen. Mit gemischten Empfindungen entfernten sich die Gäste, die Einen froh des lästigen Zwanges, dem verhaßten Manne mit dein verschlossenen Wesen schmeichlerisch zu nahen, für heute enthoben zu sein die Anderen wieder, die die mächtige Fürsprache des Senators suchten, in ihren Hoffnungen enttäuscht, Ascletarion, mit hämischen Bemerkungen über Flavius' Benehmen seinen Gästen gegenüber nicht geizend. Während das Atrium sich allgemach leerte, und in dem Vorraume wieder die gewohnte vornehme Ruhe herrschte, die das Haus des Senators stets auszeichnete, saß drinnen in seinem Arbeitsgemach der zukünftige Beherrscher Roms, und gramvolle Verzweiflung prägte sich in seinen Zügen. Das Haupt in beide Hände gestützt, vor sich ein aufgcschlagenes Buch, schien er7 zu lesen, allein die Buchstaben tanzten vor seinen Augen, in wirrem Reigen flössen die Lettern in einander, und aus jeder Zeile grinste ihni das Gespenst des Unheils entgegen. Jetzt erhob er den Blick, und sein thränemnnflortes Auge richtete sich nach Osten, wo strahlend und leuchtend das goldene Gestirn sich aus den Wolken erhob und mit seinem Glanze die Erde erfüllte. Der Glanz der Sonne schmerzte seine Lider, die der Schlaf geflohen in diesen langen bangen Nächten, seit ihm von seinem kaiserlichen Vetter der Beschluß gekündet ward, ein schuldloses Volk dem Martertode zu weihen. Welch ein Loos! Und welch namenloser Janimer, welch trostloses Bild bot sich seinen Blicken! Das Volk Gottes, jene Auserwählten des Herrn, jene Stämme uralten Geschlechts, ein frommes, gottesfürchtiges Volk hingemordet um der Laune eines Blutdürstenden willen! O, über die Qual, unthätig sein zu müssen, solche Gräuel geschehen zu lassen, mit anzusehen den Untergang eines Volkes, das von Uranfang der Welt gelebt und dessen Stämme nie gefrevelt gegen die Gesetze der Nächstenliebe, das in den Götzenandeteru nicht seine Feinde haßte, nein, sie nur betrachtete wie eine Heerde Verirrter, die sich selbst der göttlichen Gnade beraubten! Unthätig sein zu müssen, die Hände in den Schooß zu legen und ruhig mit anzusehen, wie sie hingeschlachtet würden, die unschuldigen, gottesfürchtigen Kinder Israels, als ob sie nicht Brüder wären, nicht Kinder eines Gottes, als ob der, der die Geschicke der Menschen leitet mit weiser Hand, nicht auch sein göttliches Angesicht den Verirrten leuchten ließe, als ob die Frevler sich nicht selbst ansschloffen aus dem Paradiese, da sie das Heil nicht suchten bei Gott, dem Allerbarmer, nein, in blindem Wahn verharrten und ihren Götzen Dankopfer brachten in rauchendem, die Welt mit Janimer erfüllendem Menschenblute! „Welch ein Geschick!" Und er verhüllte sein schmerzdurchzucktes Antlitz und stöhnte laut auf. Wie im Krampfe schüttelten sich seine Glieder, und kalte perlende Schweißtropfen rannen von seiner Stirn. In schweren, stoßweise vernehinbaren Athemzügen hob und senkte sich seine Brust, ein Schauer rüttelte seinen Körper und mit stierem, glanzlosem Ausdruck blickten seine Augen ins Leere. Welch ein Geschick! Ausersehen zu sein als Helfer zu solcher

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.