Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 8 (25.2.1898)
- Date
- 1898-02-25
- Page
- Seite 94 (sequence 10)
- Language
- German
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04 aus der Volksiuitiative hervorgegangen sind. Dieses Volksfest fiel aber nicht auf einen bestimmten Tag, wurde auch nicht von der Gesammtheit Israels gleichzeitig begangen. Vielmehr hatte je nach der verschieden eintretenden Fruchtreife jeder Bezirk seine besonders hierfür bestinimte Fefleszeit. Soweit es nun die biblische Vorschrift betrifft, daß nämlich jeder Landmann die Erstlingsfriichte seines Feldes, Obstgartens, Oel- und Weinberges in das Heiligthum bringe, sie dort in besonders feierlicher Weise unter eigens hierfür festgesetzten Dankes- und Bekenntnißformeln dem Priester übergebe, kann die Ausübung derselben als einer religiöse» Cerenwnie hier nicht Gegenstand unserer Betrachtung sein. Jedoch die Vorbereitungen hierzu, die ja auf ein biblisches Gebot sich nicht zurückführeu lasten, bilden den eigentlichen Kern der Festlichkeiten, deren Schilderung uns hier vergönnt sei. — Nachdem der Ackerbesitzer die zuerst reifenden Früchte jeder der folgenden sieben Gattungen: Weizen, Gerste, Feigen, Granatäpfel, Weintraube, Olive und Dattel sich genau gemerkt und dieselben nach voüendeter Reife gepflückt hatte, wurden diese Erstlingsfrüchte wohlgeordnet und in ein Körbchen gethan. Die in der Nähe Jerusalems Wohnenden nahmen dann die Feigen, Weintrauben und Oliven in frischem, die entfernter Wohnenden in getrocknetem Zustande mit. Dann sammelten sich die Bewohner eines Bezirkes an dem dazu bestimmten Tage in der Bezirkshauptstadt, übernachteten dort im Freien (es war ja im Sommer!), und am folgenden Morgen weckte sie der Anführer mit dem Rufe: „Auf, lastet uns hiuaufziehen nach Zion, der Stadt unseres Gottes!" Hierauf setzte sich der Zug in Bewegung. Vorallf ging als gemeinsames Festopfer sämmtlicher Theilnehmer ein mit Oleasterzweigen bekränzter Stier, besten Hörner vergoldet waren. — Wohl das Vorbild des noch heute in manchen Gegenden gebräuchlichen Umzuges des Pfingstochsen! — Ihm folgten zunächst die Spielleute, welche Flöten und Pfeifen bliesen, hierauf die Wallfahrer in sroheni Zuge. Wenn dieser sich dann der heiligen Stadt näherte, ließen die Festtheilnehmer dort ihre Ankunft melden und warteten, bis ihnen aus Jerusalem die Aeltesten der Stadt und der Priesterschaft entgegenkanien, um sie in festlicher Weise in die Stadt einzuholen. Je nach der Bedeutung des Bezirkes war auch die Zahl und Vornehmheit der Beamten, die zum Empfange entgegenkamen. Die Zeit, während welcher diese erwartet wurden, benutzten die Wallfahrer dazu, die Körbe mit Erstlingsfrüchten zu ordnen und zu schmücken. Diese Körbe selbst waren entweder zierliche Weidengeflechte oder, je nach dem Vermögen des Darbringenden, aus Silber- oder Golddraht angefertigt. Um die eigentlichen Ersttinge herum lagen schön aussehende Früchte als Schmuck; waren auch schmucke Täubchen mit langen Bändern an die Körbchen gebunden, die um sie heruinflatterten, während die Wallfahrer andere Taubenküchlein als Geschenk für die Priester auf der Hand trugen. Bei ihrem Einzuge wurden sie nunmehr von den Häuptern der Stadt und der Priesterschaft, begrüßt. In allen Straßen, durch die sie zogen, standen ihnen zu Ehren die Handwerker, die — wie noch heutzutage im Morgenlaude — ihre Verrichtungen auf der Straße vor ihren Hausthüren betrieben, auf und blieben stehen, bis der Zug an ihnen vorübergezogen war. Waren sie nun am Tempelberge angelangt, so nahm Jeder seinen Korb auf die Schulter, während vom Berge herab die Leviten den 30. Psalm anstimmten. Unter ferneren 'Liedern der droben stehenden Priester und Leviten zogen die Wallfahrer den Tempelberg hinan. Die zweite Hälfte des 118. Psalms scheint als ein Wettgesang eigens für diesen Zweck gedichtet zu sein. Wir hätten uns die Eintheilung folgendermaßen zu denken: Wallfahrer: Dies ist der Tag, den Gott gemacht, lasset uns an ihm frohlocken und uns freuen! Hosianna, Hosianna! Leviten: Gelobt sei, wer da kommt im Namen des Herrn, wir grüßen Euch vom Berge des Herrn! Wallfahrer: Der Herr ist Gott, er hat uns erleuchtet, bindet das Festopfer mit Seilen an die Hörner des Altars. Leviten: Mein Gott bist Du, den ich preise, mein Gott, den ich erhebe! Alle: Danket dem Herrn, denn er ist freundlich, denn ewig währet seine Gnade! Hierauf begann die religiöse Cerenwnie in der vom Gesetze vorgeschriebene» Weise, auf die hier nicht näher einzugehen ist. So mögen denn an jedem Tage der hierfür bestimmten Zeit — zwischen Pfingsten und dem Ende des Sommers — andere Wallfahrtszüge mit Erstlingsfrüchten in Jerusalem angekommen sein und den Bewohnern dieser heiligen Stadt neben festlichen Aufzügen auch gute Nahrung gebracht haben. Wurde mm dieses Fest je an verschiedenen Tagen des Jahres im kleinen Kreise der dazu Gehörigen gefeiert, so fand am Ende aller Erntearbeiten ein großes und gemeinsames Volksfest statt, an welchem der Jubel und die Freude den höchsten Grad erreichten, ja sogar sich bis zur Ausgelaffenheit steigerten. Es war dies am letzten Werktage des Hüttenfestes. Bekanntlich ist es für den ersten Tag dieses Festes, den eigentlichen Feiertag, biblische Vorschrift, als Zeichen der Dankesfreude für die verschiedenen Gaben der Pflanzenwelt mit dein Pflanzenbunde in der Hand vor dem Ewigen zu erscheine». Diese Vorschrift wurde später auf alle sieben Tage des Festes ausgedehnt. Dem Gefühl der höchsten Lust und Freude wurde an diesen Tagen bei dem Gottesdienst dadurch Ausdruck gegeben, daß man am Schluffe des Gottesdienstes mit langen Weidenzweigen um den Altar zog, den Freudengesang: Hosianna! anstimmeud. Mit diesem Wort Hosianna und seiner Bedeutung hat es nämlich eine ganz eigenthümliche Bewaudtniß. Wenn Israel seiner höchsten Begeisterung, seiner Freude über die Erfüllung lang gehegter Hoffnungen, dem Dank für erstandene Hilfe Ausdruck verleihen wollte, so sang es Hosianna! welches Wort wörtlich übersetzt nichts anderes bedeutet als: Hilf doch! Aehnlich ist es ja auch bei uns Deutschen der Fall, daß, weuu wir so recht froh und heiter beisammen sind und dann in der frohen Laune Lieder anstimmen, unfehlbar eines der ersten dieser Lieder ist: „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, daß ich so traurig bin." So war auch hier dieses „Hosianna" der Ausdruck freudigster Begeisterung, die sich von Tag zu Tag steigerte. Dabei mag man sich wohl nicht immer der Würde des Ortes bewußt geblieben sein, da das wie an keinem anderen Feste in großer Menge zusammengeströmte Volk die Festesfreude öfters zu politischen Demonstrationen benutzte. Ueber eine solche berichtet uns Josephus folgendermaßen: Als der König und Hohepriester Janai nach glücklich beendetem längeren Kriege nach Jerusalem zurückgekehrt war und am Hüttenfeste seine priesterlichen Funktionen auf dem Altar verrichten wollte, gab das von den Pharisäern aufgestachelte Volk seinem Unmuthe über diese Profanation dadurch Ausdruck, daß es ihn mit den Etrogim des Pflanzenbundes bewarf. Die Folge davon war ein grausames Blutbad, das die Söldner des Königs anrichteten, und bei dem an 6000 Menschen umgekommen sein sollen. Auch von anderen politischen Demonstrationen, die bei Gelegenheit des Festgottesdienstes am Suckot stattfanden, wird uns berichtet. Am siebenten und letzten-Tage dieses Festes fand die oben geschilderte Weidenprozession siebenmal statt; der Jubel steigerte sich in fortschreitender Klimax, jedesmal erschallte das Hosianna freudiger und lauter, und zuletzt bedeckte man den Altar mit den Weiden-