Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 8 (25.2.1898)
- Date
- 1898-02-25
- Page
- Seite 93 (sequence 9)
- Language
- German
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WWW 93 Ferner: der Gedanke, welche» Kant mit den Worten ausdrückt: „Wenn die Gerechtigkeit untergcht, so hat es keinen Werth mehr, daß Menschen auf der Erde leben", wird von den Rabbinen in der Allegorie ausgesprochen: Gott wollte das Chaos wiederkehren lassen, wenn die Menschen das Gesetz nicht annehmen. Volks- und Familienfeste in Alt-Israel. Bon A. Levy, Berlin. tili. ör allem ist das Fest des Wasserschöpfens zu erwähne», daS zu Jerusalem gefeiert wurde, und an welchem sich alle Schichten der Bevölkerung gleichmäßig betheiligten. Es war dies neben der offiziellen, religionsgesetzlich vorgeschriebenen Feier des Hüttenfestes die volksthümliche Feier des Herbstes. Es bestand nämlich ein alter Brauch, am zweiten Tage des Hüttenfestes, der aber kein eigentlicher Feiertag mehr war, auf den Altar — in früheren Zeiten wohl vor den Altar — als Opferspende Wasser auszugießen. Die Sadduzäer, welche sich streng an den Buchstaben des Gesetzes hielten, dieses als erstarrt betrachteten und es einer Fortentwickelung weder für fähig' noch für bedürftig erachteten, eiferten anch gegen diese im Gesetz weder erwähnte noch durch dasselbe irgendwie begründete Libation. Desto feierlicher begingen diesen Brauch die Pharisäer, welche, als sie innerhalb der jüdischen Religionsgenieinschaft zur Herrschaft gelangt waren, ihm den höchstmöglichen ceremoniellen Pomp verliehen. So wurden ganz besonders die Vorbereitungen zu dieser Ceremonie festlich begangen unter der Betheiligung der gesammten Bevölkerung Jerusalems. Kaum hatte mit Hereinbrechen der Dunkelheit der gesetzliche Feiertag sein Ende erreicht, da sammelte sich auch schon alles Volk in dem äußeren Vorhofe des Tempels (dem Vorhofe der Frauen), welcher nun festlich und hell erleuchtet ward. Gleichzeitig wurden auch die Straßen Jerusalems festlich illuminirt. („Es war kein Hof, der nicht in hellem Lichterglanze strahlte.") Unter dem Vorantritt der Musik ging's nun in feierlich - fröhlichem Zuge zu der im Südosten der Stadt gelegenen Siloahquelle. Die sonst ernsten und würdigsten Männer: die Väter der Akademie, die obersten Richter, gefeierte Schriftgelehrte führten in dieser Prozession einen erheiternden Fackeltanz auf. Sie hüpften und sprangen, während sie mit der einen Hand brennende Fackeln in die Höhe warfen, welche sie mit der anderen Hand wieder auffingen. Lieder erklangen, Wechselgesänge ertönten. Die Alten priesen die Frömmigkeit der Heranwachsenden Jugend, welche eine Zierde der Allen zu werden verspreche; die Jungen priesen die Alten, welche ihnen Vorbild und Muster seien. An der Quelle angekommen, schöpften sie das zur Libation bestimmte Wasser in goldenen Krügen, unb dann ging es ebenso feierlich und heiter zum Heiligthum zurück. Das dauerte die ganze Nacht, und je weiter diese fortschritt, desto ungebundener wurde die Freude. Jedoch wurde dabei keinen Augenblick Anstand und Sitte, besonders den von einer Galerie des Tempelvorhofes zuschauenden Frauen gegenüber, außer Acht gelassen. Kaum aber graute der Morgen, da gaben zwei am Nikonorthore, welches vom äußeren nach dem mittleren Tempelvorhofe führte, aufgestellte Priester durch Trompeteutöne das Zeichen zum Beginn des Morgengottesdienstes. Die Gesänge draußen verstummten; das Volksfest war zu Ende. Es begann der Dienst des Tages am Altäre, wobei an diesem Morgen freilich die feierliche Handlung des Wafferopfers in den Augen der dichtgedrängten zuschauenden Volksmenge die Hauptrolle spielte. Da die Gegner dieses Opfers, die Sadducäer, unter den Priestern ihren hauptsächlichsten Anhang hatten, verlangte die mißtrauische Menge stets, daß der dienstthuende Kohen die drei Log haltende goldene Kanne recht hoch hob. damit Alle sehen können, ob er das Wasser auch wirklich auf den Altar in die dazu bestimmten Röhren spende, oder ob er nicht etwa, wie einst ein sadducäischer Priester es gethan, es absichtlich nebenbei gieße. (Dieser Priester soll dann von der empörten Menge erschlagen worden sein.) Die Sitte des Wafferopfers, welche aus alten Zeiten bereits in der Geschichte Samuels, aber dort als Zeichen der Trauer, der Reue und Buße erwähnt wird, ist durch nichts im Gesetze begründet. Wir haben sie also als alte Volkssitte zu betrachten, welche dann von den Schriftgelehrten in den öffentlichen Gottesdienst eingeführt wurde. Sie erscheint ja auch bei dem geschilderten Feste eigentlich nur als nebensächlich, als eine willkommene Veranlassung zu einer nächtlichen Feier, bei der alle Standesunterschiede schwanden, alle Volksschichten der ungebundenen Freude sich hingeben konnten. Wie dieses im Herbst, so wurde in ähnlicher Weise im Frühling ein nächtliches Fest gefeiert, und zwar am Ausgange des ersten Passahfeiertages. Es galt die Feier dieses Mal aber den Vorbereitungen zur Ausführung eines biblischen Gebotes. Am Tage nach dem Feste sollte nämlich ein Omer neuer Gerste vor dem Altar geschwungen werden als Zeichen des Beginnes der Aehrenreife, wohl auch der Frühernte. Da anch in Bezug auf Auslegung dieses Gesetzes die Saddlicäer sich wesentlich von den Pharisäern schieden, haben diese, welche nicht nur die Klinke der Gesetzgebung in der Hand hatten, sondern auch die Volksgunst besaßen, die Vorbereitung für diese nach ihrer Auslegung stattfindende Ceremonie der Omerschwingung in besonders festlicher Weise begangen. Als der gebotene und gesetzliche Feiertag durch Eintritt der Nacht beendet war, da begaben sich die männlichen Bewohner- Jerusalems und der angrenzenden Ortschaften nach der Stelle hin, an welcher vorher zu diesem Zwecke ausgesandte Boten bereits reife oder fast gereifte Gerste entdeckt hatten, was übrigens in ungünstigen Jahren gar nicht so leicht war. An der Spitze der fröhlich singenden Schaar befanden sich die Vornehmsten des Volkes: der Präsident des obersten Gerichtshofes, die Lehrer der Akademie u. A. Diese vornehmen Männer nahmen auch alle Verrichtungen vor, welche nöthig waren, um die bestimmte Menge gegrützter Gerste zu gewinnen. Sie schnitten mit der Sichel, banden die Garbe, droschen sie aus, worfelten, stießen die noch grünen Körner im Mörser u. s. w. In feierlicher Prozession unter Musik und Gesängen begab man sich dann zurück nach Jerusalem, um mit Tagesanbruch den Tempelberg zu erreichen, wo dann im Anschluß an das Morgenopfer vom Priester die Ceremonie des Omerschwingens vorgenommen und dadurch die Ernte eingeleitet wurde- Diese Nacht, woran sich nicht nur eine große Volksmenge betheiligte, sondern wobei auch wiederum alle Standesunterschiede beiseite gesetzt wurden, zeichnete sich ebenfalls durch Lust und Frohsinn aus. Es war das Fest der Hoffnung, während jene des Wasserschöpfens am Schluffe der Gesammternte und der Lese das der Erfüllung war. Beides wahre Volksfeste, welche sich höchstens an die Ausübung eines biblischen Gebotes anlehnten. Anch das im Gesetze vorgeschriebene Darbringen der E r st l i n g s f r ü ch t e hat sich im Laufe der Zeit zu einem Volksfeste ausgestaltet, mit Gebräuchen, denen man es ansieht, daß sie