Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 8 (25.2.1898)
- Date
- 1898-02-25
- Page
- Seite 92 (sequence 8)
- Language
- German
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—-— 92 - Judenthums besteht deshalb darin, den inneren Zusammenhang aller zerstreuten sittlichen Gedanken erkennen zu lasten, also das objektive und immanente System in der mannigfaltigen ethischen Schöpfungsthätigkeit nachzuweisen. Die große Maste der zerstreuten und vereinzelten ethischen Gedanken soll durch die subjektive Arbeit des systembildenden Denkers zu einer harmonischen Einheit gestaltet werden. Diese subjektive That aber muß auf dem objektiven Grunde deS iy der Sache selbst gegebenen Zusammenhangs aller ethischen Forderungen; Lebensformen und Bildungsweisen vollzogen werden. Die subjektive Thätigkeit muß sich gänzlich in den Dienst des einheitlichen Inhalts stellen, in denselben versenken. Und je genauer die objektive Erforschung des ethischen Jdealgehalts, der in den einzelnen Begriffen ausgeprägt ist, desto sicherer stellt sich auch die systematische Einheit in den Erfolgen derselben ein. — Der objektive Zusammenhang des ethischen Kosmos braucht nicht geschaffen, sondern, weil er thatsächlich gegeben ist, nur erkannt und dargestellt zu werden. Aber eben deshalb ist auch der Inhalt lediglich und in allen Theilen aus den überlieferten eigenen Quellen zu schöpfen und nur die systematische Form durch eine logische Ordnung und Verflechtung herzustellen. Dieses immanente System, der innere, durchgehende Zusammenhang aller ethischen Gedanken, welche in ihrer Gesammtheit die sittliche Weltanschauung des Judenthums ausmachen, hat nicht blos den früheren, sondern auch allen späteren Zeiten produktiver Thätigkeit als eine stillschweigende Voraussetzung gegolten. In der naiven Form der Ansicht, daß an irgend einem Gebot „alle übrigen hängen" (ro nvibnn), ist diese Voraussetzung oft zum Ausdruck gelangt. 8 11. Die Kontinuität der Sittenlehre, d. h. die Zurückführung auch später hervortretender ethischer Gedanken auf frühere und schließlich auf biblische Quellen ist ein Lieblingsthema der talmudischen Schriften, wenngleich die Hineindeutung der späteren Entwickelung in die älteren Quellenworte oft nur durch künstliche Auslegung zu Stande kommt. Ein schönes Beispiel dafür bietet die Vorschrift peinlichster Sorge, Niemand öffentlich zu beschämen oder auch durch Andere beschämen zu lasten. Ergreifend sind die Beispiele großer Männer, welche mit Selbstaufopferung sogar Unbekannte vor der Schmach decken; in Traktat Sanhedrin Fol. 11a sind die vorbildlichen Anekdoten und die Deutungen der Bibelverse alle gleich rührend; vorbildliches Thun wird da von R. Msir auf Samuel den Kleinen, von diesem auf Hillel, ferner auf Schachanjah ben Jechiel (ESra 10). auf Josua und schließlich auf Moses selbst zurückgeführt. § 12. Man muß sich ausschließlich in die wirklichen und eigenen Quellen der jüdischen Sittenlehre vertiefen, um das innere System derselben zu entdecken und darzustellen. Abgesehen von der allgemeinen Schulung des Geistes durch die Philosophie und ihre Geschichte, darf man weder den Grundriß noch den Aufbau der jüdischen Ethik fremden Mustern nachbilden. Von Maimonides bis in neueren Zeiten zu Faffel hat es an Versuchen nicht gefehlt, die zerstreuten Lehren der jüdischen Sittlichkeit dadurch zu einem geschloffenen Ganzen zu gestalten, daß man die systematische Form sammt der Aufstellung von Prinzipien und der Ableitung des Einzelnen aus denselben von fremden Philosophen entlehnte. Das kann aber unmöglich zu einer wahren Erkenntnis des. spezifischen Gehaltes und des ureigenen inneren Zusanimenhanges der sittlichen Weltanschauung des Judenthums führen. — Maimonides trägt im Grunde genommen die Ethik des Aristoteles vor und Faffel die von W. T. Krug, nur daß einzelne Gedanken aus diesen fremden Systemen mit Bibelversen und Talmudstellen zugleich als jüdische Lehren nachgewiesen werden. 8 13. Wenn auch der jüdische Geist und seine hervorragenden Vertreter oft genug durch die Kenntniß der Geistesarbeit anderer Nationen befruchtet worden sind, so ist es doch gerade die sittliche Weltanschauung, in welcher sich die Eigenart der jüdischen Seele am deutlichsten bekundet und in ihrer Selbständigkeit am kräftigsten: erhalten hat. Man kann zeigen, daß auch Maimonides, obwohl er seine Aufgabe verkennt und in der Anlehnung an die Wissenschaftliche Form und die Prinzipien des Aristoteles ein Heil sucht,, dennoch keine Ausnahme davon macht, daß neben aller Belehrung und Führung der Form durch einen fremden Geist auch bei ihm der wesentliche Gehalt der jüdischen Weltanschauung erhalten und selbstständig bleibt. 8 14. Es dürfen also in einer Ethik des Judenthnms durchaus nur Gedanken vorgetragen werden, die wirklich aus jüdischem Geiste geboren, also aus lebendigen Thatsachen geschöpft (s. oben 8 2 und weiter unten) oder in überlieferten Allssprüchen niedergelegt sind. Allein nicht blos die Redeweise, sondern auch die Denkform der Urheber dieser Sprüche war eine andere als die unsere; aus der bloßen wörtlichen Uebertragilng in uilsere Sprache ist der wirkliche Gehalt des vom Urheber gedachten Gedankens unmittelbar oft — (sehr oft!) — noch nicht zu erkennen. Wir müffen nicht blos seine Worte in unsere Sprache, sondern auch seine Denkform in die unsere übertragen. Die psychischen Gebilde, in denen der gleiche Inhalt dargestellt wird, können sehr verschieden sein: eine plastische Vorstellung, ein sinnliches Gleichniß, ein allegorisches Bild, — der reine Begriff und die sprachliche Form können den gleichen Inhalt verschieden ausdrücken. Wir müffen für die wahre Erkenntniß eines überlieferten Gehaltes dasjenige geistige Gebilde wählen, welches denselben uns am deutlichsten vorstellt. 8 15. Den wahren Sinn und Inhalt der Gedanken also müffen wir mit redlicher Prüfung erst erforschen und müssen suchen, ihn so darzustellen, wie ihn der Autor nach unserem besten Wissen und Gewissen, wenn er unter uns lebte, etwa ausgedrückt haben würde. Nicht auf die Worte, auf die wahre und wirkliche Sache kommt es an; aus den Fesseln der uns oft fremden Denk- und Redeweise müssen wir den Gedanken erst erlösen und seinen wahrhaften Inhalt m der uns verständlichen Form neu gestalten. Bald ist es die (wie schon bei den Propheten, noch mehr bei den Rabbinen) durchaus eigenartige absichtsvolle Kürze, bald die phantasievolle oder auch phantastische Gestalt des Gedankens, welche ihn fast mehr verhüllt als offenbart. Aber eben diese Offenbarung müssen wir vollziehen; sie wird erleichtert durch die fortdauernde historische Ueberlieferung und Wandelung des Sinnes.') Die vollkommene Lösung dieser Aufgabe ist aber viel mehr die Sache des historischen Gewissens als der philologischen Kunst. Wir werden solcher Uebertragung insbesondere bei der Darstellung prinzipieller Gedanken auf Schritt und Tritt begegnen; hier will ich, um die Sache vorläufig zu erörtern, nur einige Beispiele anführen. Der Ausspruch: „Die Bundeslade trägt ihre Träger; nicht die Priester tragen die Bundeslade" (Exod. Rabbah, Kap. 36) bedeutet zweifellos nichts anderes als: die ethische Welt schöpft auch die physischen Kräfte, deren sie bedarf, aus der Quelle der Idee; aber nicht die physischen Bedürfnisse, Kräfte rmd Befriedigungen erzeugen die Gebilde der Idee; mit anderen Worten: das Ethische kann und soll nicht aus der Natur abgeleitet werden, sondern die Idee erst muß die Natur veredeln und dahin in Bewegung setzen, daß sie ihr diene. 0 Etwa so, wie wir die Identität eines Wortes der Tochtersprache oder der späteren Mundart durch den Wechsel der historischen Formen hindurch nach dem Gesetze der Lautverschiebung erkennen.