Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 8 (25.2.1898)
- Date
- 1898-02-25
- Page
- Seite 91 (sequence 7)
- Language
- German
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—— . 91 und Handlungsweisen als Vorbilder dargestellt und ihre Gegentheile anschaulich gemacht und verworfen werden: so wird auf ähnliche Art in den rabbinischen Schriften unmittelbare Lehre, Beispiel, erweckkiche Ermahnung und erleuchtende Betrachtung dargeboten. Der sittliche Inhalt biblischer Thaten und Reden, Gedanken und Beweggründe wird erörtert, — dadurch bereichert und vertieft. 8 3. Je mannigfaltiger sich das Leben gestaltet, die Beziehungen der Menschen inniger, die Formen der Gesellschaft und ihre Zwecke vielfältiger ausgebildet werden, desto mehr findet die Anwendung der biblischen Grundgedanken auf dieselben statt; die Worte der Bibel werden durch die Fülle des Lebens und für dieselbe ausgedeutet; so wird einerseits das biblische Wort, im Großen und Ganzen als das Wort Gottes gedacht, in seiner Würde befestigt, in seinem Einfluß erhöht und erweitert und andererseits dem Leben eine führende Kraft, gestaltende Macht und schöpferischer Antrieb gesichert. 8 4. Die Regsamkeit des menschlichen Lebens mit seinen Beweggründen, seinen Bestrebungen und Zielpunkten entstammt ursprünglich den natürlichen Antrieben, den sinnlichen Bedürfnissen und den geistigen Ansprüchen, welche die Seele des Menschen erfüllen und in Bewegung setzen. Die Sittenlehre aber ist darauf gerichtet, zunächst all den drängenden, Befriedigung ersehnenden Antrieben ein bestimmtes Maß, den widerstreitenden Ansprüchen Ordnung zu geben und in die beim Zusammenleben der Menschen gegen einander kämpfenden Forderungen Harmonie und Frieden zu bringen. 8 5. Noch wichtiger aber als die Schöpfung von Maß, Ordnung und Frieden der natürlichen Antriebe ist die Aufgabe der Sittenlehre: neue, höhere und edlere Antriebe in der Menschenseele zu erzeugen, neue Bedürfnisse des Gemüthes und deren Befriedigung zu schaffen, dem Einzelnen und der Gesellschaft Beweggründe des Handelns, Formen des Wirkens, insbesondere Gestaltungen des Zusammenwirkens und Ziele der Lebensführung zu zeigen, welche sich weit über die Erfüllung blos natürlicher Bedürfnisse erheben; auf dem Untergrund der natürlichen Welt soll eine zweite, eine geistige, ideale, soll die sittliche Welt erbaut werden. 8 6. In den biblischen Schriften sehen wir den Grund zu dem Aufbau der sittlichen Welt im jüdischen Geiste gelegt. In den rabbinischen Schriften finden wir dann diesen Bau stetig weitergeführt; dies geschieht nach einer eigenartigen Methode, für welche man allmälig 32 Regeln aufgestellt hatte. Nach dieser findet eine freie, fast schrankenlose Anwendung des biblischen Wortes statt, um eigene fortbildende, sittliche Ideen aus demselben heraus oder in daffelbe hineinzndeuten. 8 7. Durch diese unausgesetzte und grenzenlose Verwendung des biblischen Wortes wird eine geistige Thatsache ganz eigener, wunderbarer Art erzeugt:*) infolge dieser Verflechtung älterer Worte und Gedanken mit jeder eigenen geistigen Arbeit wird eine l) Man hat diese merkwürdige Thatsache meines Wissens noch nicht beachtet und historisch gewürdigt, obwohl sie in der geistigen Schöpfungsweise anderer Völker kaum ihres Gleichen hat. (Die Anklänge daran, die sich im Alexandrinismus und später bei den Arabern finden, dürsten auf jüdischen Ursprung zurückgehen.) — Die Tragweite dieser Thatsache erkennt man erst dann, wenn man von der geistigen Arbeit des Einzelnen, von der litterarischen und litterargeschichtlichen Bedeutung derselben absieht und den Bestand des Gesammtgeistes in einem Volke und seine Entwickelung ins Auge faßt. Es ist durchaus Zweierlei, ob eine psychische Arbeit, etwa ein Gedankengang nach seiner isolirten Leistung und nach seiner litteraturgeschichtlichen Stellung, oder ob er als Beitrag zum Fortbestand und zur Fortbewegung des inneren Gesammtgehaltes einer Schule, einer Religion, eines Staates oder eines Stammes betrachtet wird. erstaunliche Einheit im Gehalt des nationalen Geistes, eine einheitliche Ausbildung und Fortbewegung überlieferter Ideen, eine gegenseitige Durchdringung sittlicher Lehren, Gesinnungen und Willensrichtungen herbeigeführt; genau erwogen und richtig verstanden, darf man den Ausdruck wagen: die sittliche Substanz des Volksgeistes wird zugleich beides in der Einheit ihres Bestandes und in der Freiheit ihrer Fortentwickelung erhalten. Die Verschiedenheit der Zeiten, die Besonderheit der Umstände und die Trennung der individuellen Personen tritt weit zurück hinter der siegreichen, gestaltungskräftigen, einheitlichen Fortbildung des Gesammtgeistes, welche auf der ureigenen inneren Fortbewegung der Grundgedanken selbst beruht; aus der innersten Quelle der Ideen selbst schöpft sie ihre Kraft. 8 8. Zwar wird alle Arbeit und auch diese von den Individuen geleistet; wir besitzen nur Aussprüche von bestimmten (bekannten oder unbekannten) Personen; die geistigen Gebilde werden zu gewiffen Zeiten und unter gegebenen Umständen geschaffen. Aber alles Zeitliche und Zufällige und Individuelle hat im ganzen Bereiche jüdischer Weisheit und Gedankenschöpfung*) nur geringen Theil an der Macht und Würde jener schöpferischen Fortbildung, welche dem innersten Triebe des Volksgemüthes und seiner ältesten, ursprünglichen Offenbarungen folgt. Auch was der Einzelne vorträgt, ist Erfolg des Gesammtgeistes, der nur im Individuum persönliche Gestalt gewinnt; und was in der Gesammtheit lebt, prägt sich in Worten oder Werken aus, welche Einzelne geschaffen haben. Denn wie verschieden auch bei all den Denkern und Lehrern ihr Charakter und ihre Lebensweise: die Luft, die sie athmen, ist dieselbe, das Blut, das in ihren Adern rinnt, ist das gleiche. Ein Herzschlag pulsirt im Leben Aller. Nirgends werden die letzten Grundgedanken die Gesinnungen, die Prinzipien, die wir nach der strengsten Prüfung in Bibel und Talmud entdecken, von ihnen verleugnet oder bestritten oder auch nur wesentlich verändert. Mag daher z. B. ein Maimonides durch die arabische und griechische Bildung, die er mit der hebräischen verbindet, zu einer eigenen Individualität sich gestalten: nur seine minder hochgesinnten und minder hochgebildeten Feinde konnten verkennen, daß er zwar eine individuelle Erscheinung, aber eine wahrhaft jüdische Individualität ist. Wie es int Leben einer Pflanze oder irgend eines anderen Organismus gleichgiltig ist, ob diese faktische (identisch-bestimmte) Masse von materiellen Molekülen oder eine andere gleichartige im Prozeß des Stoffwechsels die Erhaltung und Fortbildung bewirkt, also, vom Entwickelungsgesetz völlig beherrscht, seiner Erscheinung in der Wirklichkeit dient: so verschwindet auch die Bedeutung des Individuums und seiner zeitlichen Bestimmtheit vor der treibenden Macht der dem Gesammtgeist angehörigen Ideen und den Gesetzen ihrer inneren Entwickelung.* 2) 8 9. Dieser Kontinuität in der ethischen Schöpfungsthätigkeit des jüdischen Geistes ist es zu verdanken, daß es möglich ist, ein vollständiges und in sich geschlossenes System der Sittenlehre des Judenthums zu entwerfen, obgleich der Inhalt derselben in ihren Quellen, also in Bibel und Talmud, niemals in systematischer Forni, sondern immer nur in vereinzelten Aussprüchen zur Erscheinung gekommen ist. 8 10. Die wesentliche Aufgabe einer Darstellung der Ethik des 1) Darin von der geistigen Schaffensart und Entwickelungsform anderer Völker wesentlich verschieden! — 2) Nur daß freilich hier wie bei allem Menschlichen wegen der nothwendigen Mitwirkung des Individuellen und wegen seiner naturgemäßen Beschränktheit auch die Fortbewegung der Gedanken der idealen Vollkommenheit zustreben, sie aber nur in verschiedenen Graden, zu verschiedenen Zeiten, aber niemals ganz erreichen kann.