Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 8 (25.2.1898)
- Date
- 1898-02-25
- Page
- Seite 87 (sequence 3)
- Language
- German
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WWWWWWDWMWWWWW«!WWW«W»WM«WW?W»W»WWWWMffW 87 in den Zeiten der Romantik im Schwange waren. Gerade darum aber werden wir nicht aufhören, diese falsche Orthodoxie, diese kokette Romantik nach wie vor mit aller Entschiedenheit zu bekämpfen. Die Behauptung, daß sie „überhaupt keine jüdischen Zeitungen lese", soll uns hierin um so weniger behindern, als sich die Herren gleichwohl über den Inhalt jener Zeitungen sehr wohl unterrichtet erwiesen haben, wie aus ihren nichts weniger als „taktvollen" Angriffen auf diese klar zu ersehen ist. Wie sehr berechtigt und zeitgemäß die Forderung war, einem jüdischen Abgeordneten im Landtag so gut wie im Reichstag Gelegenheit zur Vertheidigung und zur Fürsprache für Juden und Judenthum zu geben, beweisen die Parlamentsverhandlungen fast an jedem Tage der Session. Die Thatsache, daß in den letzten Sitzungen wiederholt sozialdemokratische Abgeordnete in derartigen Fragen intervenirt haben, gereicht unserer Sache unter den gegenwärtigen Verhältniffen gerade nicht zum Nutzen. Und zwar war es Bebel, der in dieser Woche zweimal Gelegenheit nahm, diese Frage anzuschneiden. Das erste Mal in der Budgetkommission, wo er meinte, ob die ungemein großen Manquements unter den Assistenzärzten nicht zu einem starken Theil darauf zurückzuführen sind, daß man jüdische Aerzte nicht zu Assistenzärzten heranziehe. Die Juden stellten heute ein großes Kontingent zu den Aerzten; blieben diese bei der Heranziehung zur militärischen Stellung außer Betracht, so sei ihm das Manquement erklärlich. Die Armee brauche aber recht viel Aerzte, die bezüglichen Einrichtungen seien für den Ernstfall durchaus unzulänglich. General- Major v. d. Boeck erwiederte sofort darauf: Es bestehe keinerlei Bestimmung, wonach jüdische Aerzte nicht Militärärzte werden könnten, bis vor Kurzem hätte es auch noch solche in der Armee gegeben. Wir fügen dem noch hinzu, daß im letzten deutsch-französischen Krieg 139 jüdische Militärärzte mit dem Eisernen Kreuz oder gleichwerthigen Orden dekorirt worden sind, und daß Beförderungen zu Stabs- und Oberstabsärzten auch in letzter Zeit wiederholt vorgekommen sind. Ebenso zufriedenstellend und korrekt war die Antwort, die der sozialdemokratische Abgeordnete in der Parlamentssitzung vom 18. d. seitens der Regierung erhielt. Er sagte u. a.: „Ein Hauptmann ruft einem jüdischen Soldaten zu: „Sie verfluchter Judenitzig, halten Sie das Maul, sonst sperre ich Sie drei Tage ein", und ein andermal: „Jude und Sozialdemokrat ist Eins." Dürfen sich so gebildete Vorgesetzte aussprechen?" Hierauf antwortete der Kriegsminister Goßler sehr richtig: „Wenn in einer Jnstruktionsstunde das Wort „Judenitzig" gebraucht worden ist, so liegt darin ein Hineintragen der Politik nicht, sondern das ist eine einfache Beleidigung, die bestraft werden muß. Ebensoll liegt der Fall, wo in Neubreisach das Wort „Jude und Sozialdemokrat ist dasselbe" gefallen ist; der Mann ist einfach wegen Beleidigung bestraft. Auf die religiöse Erziehung in der Armee legen wir erheblichen Werth. Wenn christliche Soldaten beider Konfessionen zu einer Feierlichkeit versammelt sind, wenn keine Juden dabei sind, dann ist es wohl berechtigt, ans den Werth der christlichen Religion hinzuweisen." Die letzten Ausführungen decken sich völlig mit den Anschauungen, die wir bei jener Gelegenheit ausgesprochen haben. Es ist ohne Zweifel sehr anerkeunenswerth, daß die sozialdemokratischen Abgeordneten sich der Sache einzelner Juden angenommen — aber wir meinen, daß dies doch in erster Reihedie Pflicht der liberalen Volksvertreter sein müßte. Auch wiffen wir nicht ganz genau, ob diese sozialistische Parteinahme blos aus „Liebe zu Mordechai" hervorge * Die Vorgänge in Frankreich nehmen noch immer das allgemeine Interesse mehr als alles Andere in Anspruch. Man erstaunt, wenn man die französischen Blätter liest, über die Fülle von Haß und Gift, die dort alltäglich gegen die Juden ausgespritzt werden. Und was das Betrübendste ist: Die Freunde der Juden und ihre berufenen Vertheidiger sind scheu und stumm gegenüber dieser Volkswuth. Sie sind entweder furchtsam oder ohnmächtig. Aus Rußland, aus Spanien, aus den judenfeindlichsten Ländern kommen einflußreiche Stimmen, die die Franzosen mahnen und warnen — nur in Frankreich selbst hört man nichts als das Gejohle der Straße- „A bas les juifs!“ Sehr merkwürdig ist in dieser Beziehung ein Artikel Emilio Castelars, den uns ein Freund unseres Blattes aus Madrid zugesandt. Der greise Staatsmann sagt u. a.: „Die antisemitischen Manifestationen haben die Unruhe in die Straßen von Paris und hundert andere französische Städte geworfen. Ich begreife diese Manifestationen nicht. Wiewohl unser Vaterland im 15. Jahrhundert die Juden vertrieben hat, wiewohl das Fahrzeug, welches die heroischen Entdecker Amerikas an Bord hatte, das Schiff kreuzte, das die letzten Proskribirten nach Tanger führte, wiewohl wir Spanier weder einen Tropfen jüdischen Blutes in den Adern, noch auch nur eine einzige semitische Klasse zu vertheidigen haben, protestiren wir doch mit ganzem Herzen, mit der ganzen Fülle unseres Gewissens gegen diese barbarische Reaktion, welche die besten Früchte der französischen Revolution verdirbt und uns zu dem feudalen und theokratischen Chaos des entsetzlichen Mittelalters zurückführt. Ich glaube, der Antisemitismus sei eine Krankheit des Orients, der Moskowiter, der Kroaten, eine Krankheit der Rumänen, der Wiener, eine Krankheit, unmöglich zu bekommen in diesem Lande, wo immer Blut sich färbt und erwärmt durch das Oxygen der Freiheit. Ich begreife, daß Wien und Petersburg Paris nachahmen, aber die Athener können doch die Römer nicht imitiren. Dieser christliche Sozialismus des berühmten Wiener Bürgermeisters, bekannt durch seine Judenfresserei, der seine katholischen Uebertreibungen mit demagogischen Tendenzen vermengt, welcher die Zerstörung des Kapitals und auch die Zerstörung des Rechtes verlangt, welcher die Seelen fanatistrt, wie die zahlreichen Mordgesellen der Religionskriege, kann erscheinen in den germanischen und slavonischen Kämpfen als eine krankhafte Extravaganz, aber er kann die Hauptstadt des menschlichen Geistes nicht beschmutzen, er kann Paris nicht beschmutzen, ohne daß die Humanität ihren speziellen Charakter verlöre und unser Planet von Licht und Fortschritt in seiner jetzigen Grundlage erschüttert würde. Würde man die Denkmäler in Paris zerstören wollen, die Konstitution iu Fetzen zerreißen, das Recht aus den Herzen der Franzosen streichen, um all das durch ungeheure Prozessionen von Geißelbrüdern zu ersetzen, welche im Schein der Fackeln durch diese gesegneten Räume ziehen, wo die Konstituante und der Konvent keimte, gehüllt in mönchische Kutten mit dem Rosenkranz an der Seite und das Kruzifix in der Hand, welche zum Scheiterhaufen führen wollen Menschen, das Haupt bedeckt mit der phrygischen Mütze, daher Ketzer und Rückfällige, da sie kein Schweinefleisch essen wollen! Nein! die Welt kann niemals in diese Barbarei zurückschreiten!" Es scheint nach den nenesten Mittheilungen allerdings, als ob die Franzosen, wenigstens die Besseren unter ihnen, sich zu schämen anfangen und den-Eindruck des Geschehenen verwischen wollen. Die Verhandlungen der Deputirtenkammer vom 19. d. M. laffen darauf s ließen. Der Deputirte Samary interpellirte nämlich über die jüngsten in Algerien vorgekommenen Ruhestörungen und führte aus, die Judenfrage sei seit der Eroberung des Landes vorhanden, sie habe aber seit dem Jahre 1870 an Schärfe zugenommen, namentlich infolge des Dekretes Crömieux', wodurch alle Juden naturalisirt wurden. Der Redner gab einen historischen Ueberblick über die Unruhen seit dem Jahre 1881, verbreitete sich lange über die Gründe der letzten Unruhen in Algier und warf dem Präfekten vor, nicht im Einklang mit den städtischen Behörden gehandelt, vielmehr Zwangsmaßregeln ergriffen zu haben, welche die Gemüther erregten. Samary warf schließlich der Regierung vor, eine