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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-02-25 · Heft 8 (25.2.1898) · p. Seite 86

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 8 (25.2.1898)
Date
1898-02-25
Page
Seite 86 (sequence 2)
Language
German
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86 traurige Kapitel und mahnt uns alle immer wieder an unsere Pflicht, mit allen Mitteln, die uns zu Gebote stehen, gegen den Abfall zu kämpfen und 'zu predigen. Diejenigen freilich, die bereits auf der Grenze stehen, werden unsere Mahnungen nicht mehr hören, aber es giebt doch noch Manche in unserer Mitte, denen das Ideal einer so glänzenden Karriere, wie sie jene drei Männer zurückgelegt, als gar zu verlockendes Zukunftsbild für ihre eigenen Kinder erscheinen könnte, und diese möchten wir eindringlich davor warnen, solchen trügerischen Vorstellungen nachzujagen, die wie die Bilder der Fata Morgan« sich für die Meisten als Luftspiegelungen erweise». Die Genoffen einer geschichtlichen Gemeinschaft nicht zu verlaffen, bei ihnen auch in Leideil und Drangsalen aller Art männlich auszuharren, an ihren Bestrebungen und Kämpfen mit aller Hingebung theilzunehmen, ist, wie schon ein hervorragender Prediger mit Recht hervorhebt, als ein heiliges, unantastbares Gesetz für jede menschliche Gemeinschaft, als ein unabweisliches Gebot seiner sittlichen Würde jedem Menschen so tief ins Herz geschrieben, daß es fast als überflüssig erscheint, noch einmal all die großen und edlen Männer vorzuführen, von denen die Geschichte zeugt, daß sie selbst um den höchsten Preis irdischer Glücksgüter sich nicht von ihren ungerecht oder schimpflich behandelten Genossen trennen und noch weniger diesen ihren Beistand entziehen mochten, daß sie vielmehr jede Begünstigung verschmähten, die man nicht auch ihren Leidensgefährten zllgestand, und auf Ehre und Reichthum, auf das glänzendste Loos und die reichsten Schätze verzichteten, um in der Mitte ihrer vom Glaubenshaß oder vom Raffenantagonismus verfolgten Brüder und in inniger Gemeinschaft mit ihnen zu leben und zu leiden, zu kämpfen und zu bluten. Berlin, 22. Februar. fie Verhandlungen der Berliner Repräsentantenversammlung vom 20. d. Mts. über die Einführung eines Sonntagsgottesdienstes werden diesmal weit über den lokalen Kreis hinaus Jntereffe erregen. Wir haben unsere Ansicht über die Petition von 5800 Gemeindemitgliedern bereits wiederholt ausgesprochen und haben deshalb keine Veranlaffung, auf diese Frage heute noch einmal prinzipiell einzugehen. Aber unter dem Eindruck der letzten Verhandlungen erscheint es uns doch als ziemlich sicher, daß ein ehrlicher Jude, der vor die Wahl gestellt würde zwischen Denen, die mit großer Emphase für die „exklusive Heiligkeit" des Sabbaths eintreten selbst um den Preis des Besuchs der Synagoge, und Denen, die auf der anderen Seite über die Heiligung des Sabbaths nicht so laut deklamiren, dafür aber den Besuch der Synagoge an einem Wochentage doch ermöglichen wollen, mit seinen Sympathien sich unbedingt auf die Seite der Letzteren stellen müßte. Denn nicht zum religiösen Festtag wollten jene Petenten den Sonntag machen, sondern sie wünschten nur einen Wochentagsgottesdienst an dem Tage, an dem fie allein die Möglichkeit haben, das Gotteshaus zu besuchen. Die Debatte über diese Frage stand nun aber leider auch diesmal nicht auf dem Niveau, das der Bedeutung der Sache entsprechend gewesen wäre. Die Argumente, die von der rechten Seite gegen die Petition zu Felde geführt wurden, haben wohl Niemanden überzeugt, dagegen schienen sie viel eher geeignet, der Petitionssache neue Anhänger zuzuführen. Auch das Gutachten, das der Vorstand zu diesem Zweck vom Berliner Rabbinat einholen ließ, hat uns nur wenig befriedigt; es enthält überdies eine thatsächliche Ungenauigkeit, die in einem derartigen Gutachten nicht Vorkommen dürfte. Es heißt darin nämlich, daß auf einem amerikanischen Kongreß zu Pittsburg die Forderung des Sonntagsgottesdienstes von der einhelligen Entrüstung des gesamniten Laienelements fortgefegt wurde. Dieser Behauptung steht die folgende Erklärung des kompetentesten Mannes, des ehrwürdigen Rev. Dr. I. M. Wise in Cincinnati, diametral gegenüber. „Es fand kein Kongreß des amerikanischen Judenthums in Pittsburg statt seit vielen Jahren. Es war auf keinem solchen Kongreß je die Rede vom Sonntagsgottesdienst. Keine Laien waren entrüstet, und wurde nichts weggefegt. Es ist nicht ein einziges wahres Wort in dem ganzen Passus. Im November 1885, also vor dreizehn Jahren, fand eine engere Rabbinerversammlung in Pittsburg statt. Neunzehn amtirende Rabbiner, Prediger und Religionslehrer waren anwesend. (Das ist doch wohl kein Kongreß V) Damals und dort war vom Sonntagsgottesdienst die Rede. Es wurde demselben nicht opponirt, weil Arbeiter, Bedienstete und so weiter, die am Sabbath dem Gottesdienst nicht beiwohnen können, dieses als Hauptgrund für die Neuerung angaben. Seit der Zeit ist der Sonntagsgottesdienst in der Oeffentlichkeit nicht berührt worden, er wurde zu einer lokalen Frage, und da war nirgends die Rede von einer Laien- oder Rabbinerdemonstration gegen oder für einen solchen Gottesdienst. Es scheint zwar zur jüdischen Gelehrsamkeit in Deutschland zu gehören, über und von Amerika sehr wenig zu wissen; doch können wir uns nicht zu der Annahme entschließen, daß das Berliner Rabbinat für obigen Passus verantwortlich ist." Es ist außerdem bedauerlich, daß das Rabbinat auf eine wissenschaftliche Erörterung der Sache verzichtet hat, denn die „religionswiffenschaftlichen Studien", die gestern von der sogenannten Orthodoxie (wir werden bei diesem Ausdruck trotz des lebhaften Protestes von jener Seite bleiben, weil er uns als der einzig zutreffende erscheint) zum Besten gegeben wurden, konnten doch sicher Niemandem imponiren. Und auch die Erklärungen vom Vorstandstische werden, so glauben wir, die Petenten wenig befriedigen. Ebenso wenig wie die vorgeschlagene und angenommene Einrichtung eines besonderen Freitagabendgvttesdienstes den Bedürfnissen der Kreise genügen wird, von denen jene Petition ausgegangen ist. Der einzig richtige Standpunkt in der Behandlung dieser Frage ist nicht der religiöse und dogmatische, sondern nur der der Opportunität, der von liberaler Seite mit einer von dem Fanatismus und der Leidenschaftlichkeit der Rechten wohlthuend sich abhebenden Ruhe und Sachlichkeit vertreten wurde. Aber viel interessanter noch als diese Debatten über den Sonntagsgottesdienst werden sicher für unsere Leser die Enthüllungen sein, die gestern über das Programm der sogenannten Orthodoxie von dieser selbst gemacht wurden. Mit Staunen und Verwunderung wird man es überall vernehmen, daß man „orthodox denken und orthodox fühlen könne, ohne orthodox handeln zu müssen", daß man „orthodox sein und doch außerhalb der Synagoge und auch außerhalb des Ritualgesetzes stehen könne", oder gar, daß die Mission des Judenthums „eine unglückselige", daß „das Ceremonialgesetz ein Unglück für das Judenthum sei" und dergleichen schöne Dinge mehr. Nun, wir glauben nicht, daß diese funkelnagelneue Orthodoxie großen Beifall und viele Anhänger finden wird im deutschen Judenthum, denn sie ist — jeder Sachkenner wird uns dies zugeben — durch und durch unjüdisch. Und wenn jene Herren in der Forderung des Sonntagsgottesdienstes (wohlgemerkt! immer nur neben dem alten Sabbathgottesdienst) eine Nachahmung des Christenthums finden, so wird ihnen wiederum jeder Sachkenner sagen, daß ihre Orthodoxie und ihre religiöse Weltanschauung viel eher und viel mehr eine Nachbildung christlicher Jdeenkreise sei, die

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