Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 8 (25.2.1898)
- Date
- 1898-02-25
- Page
- Seite 85 (sequence 1)
- Language
- German
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62. Jahrgang. Nr. 8. Allgemeine Berlin. 25. Februar 1898. ettung des Zudentbums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich.! Abonnements-Preis: Durch Buchhandel,! Post oder direkt von der Expedition in Berlin! unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. I Redacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner B*. Ludwig Philippson-Vonn Vertags-ErpeLMon: Gerlin, Lrrufnlemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und I Expedition sind an die Adresse: Verlag der I „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin! SW., Jerusalemer Straße 48/4S zu richten.! Verlag von Rudolf Moffe, Berlin. I Leitartikel: Getaufte Juden. — Die Woche. — Aus der Berliner Gemeinde. — Von den Quellen der jüdischen Sittenlehre. I. Von Prof. Dr. M. Lazarus. — Volks- und Familienfeste in Alt-Israel. III. Von A. Levh. — Feuilleton: Aus bangen Tagen. Von Carl Griot. (Fortsetzung.) — Sprechsaal. Der Gemeindevote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Kolberg, Posen, Jnowrazlaw, Militsch, Hamburg, Hildesheim, Aachen, Aus Baden, Wien, Budapest, New-York. — Bon Nah und Fern. — Miseellen. Getaufte Juden. Berlin, 23. Februar. ie Fahnenflüchtigen aus dem Lager Judas werden in unserer Zeit mit Recht viel härter getadelt als in früheren Tagen. Man konnte damals zur Entschuldigung, wenn auch nicht zur Rechtfertigung eines Glaubenswechsels ohne Ueberzeugung vielleicht Gründe anführen, von denen das Wort Gretchens gelten durfte: „Wenn man's so hört, möcht's leidlich scheinen." Heute fallen alle diese Gründe weg, und bei der Art und Weise, in welcher jetzt der Uebertritt vielfach vorgenommen wird, weiß man wirklich nicht, ob man mehr die Leichtfertigkeit des Taufenden oder des Täuflings beklagen soll. Nur selten erhebt sich deshalb noch in unserm Lager eine Stimme auch für Diejenigen, die unsere Gemeinschaft verlassen, ohne den Frieden oder das Glück gefunden zu haben, das sie dabei suchten. Es war die Stimme eines edlen Mannes, eines lauteren, goldenen Herzens, welche vor einiger Zeit den Mahnruf ertönen ließ, den glimmenden Docht nicht zu verlöschen und das letzte Band nicht zu zerreißen, das diese Unglücklichen noch mit ihrer früheren Gemeinschaft verbindet. Ader dieser Mahnruf kann doch kaum auf Zustimmung rechnen, wo die rein äußerlichen Gründe des Uebertritts klar und offen zu Tage liegen, und wo der doppelte Schaden, der der Religionsgemeinschaft daraus erwächst, stärker alslsonst hervortritt. Dieser Umstand ist es auch, der uns heute zu einer Betrachtung über getaufte Juden Veranlassung giebt. Aber nicht die Klage über den Mißbrauch des Heiligen, nicht der Schmerz über die großen Verluste, die wir hierdurch erleiden, giebt uns die Veranlassung, auf dieses oft besprochene Thema hellte noch einmal zurückzukommen, sondern vielmehr die Thatsache, daß gerade in der letzten Woche von drei getauften Juden viel die Rede war, die durch ihren Uebertritt es zu hohen Stellungrn gebracht haben. Im Mittelalter konnte man die getauften Juden in zwei Klassen eintheilen, in solche, die auch nach ihrem Uebertritt und oft in hoher Stellung sich ihrer ehemaligen Glaubensgenossen angenommen haben, und in solche, die nach der Taufe die größten Judenfeinde wurden. Bei dem Jndifferentismutz gegen alle Religion, der heute leider die herrschende Zeitkrankheit ist, fallen natürlich alle jene Motive weg, aber es ist doch eine Thatsache, daß die meisten Neophyten Gegner ihrer früheren Glaubensgemeinschaft werden. Es liegt dies ja auch in der Natur der Sache, da der „instinktive Widerwille" sich auch dem getauften Juden gegenüber nicht verwischen läßt, und " die meisten trotz des Opfers jene soziale Gleichstellung nicht erringen können, nach der ihr ganzes Sehnen ging. Manchem gelingt es aber doch, und gerade den drei Männern, die uns zu dieser Betrachtung Veranlassung gegeben, ist es in hohem Grade gelungen. Alle Drei stammten aus kleinen und engen Verhältnissen, alle Drei haben den Uebertritt in jungen Jahren um der Karriere willen vollzogen, und alle Drei haben denn auch in der That eine große Karriere gemacht. Sie sind zu hohen, verantwortlichen Stellungen im Staatsleben gelangt und haben so die Augen Vieler auf sich gezogen. Der Eine ist in der vergangenen Woche nach schweren Leiden gestorben, die beiden Anderen sind im rüstigsten Mannesalter pensionirt worden. Sie gelten, nebenbei gesagt, als die intellektuellen Urheber jener unglückseligen Politik der Sprachenverordnungen, welche Oesterreich in den letzten Jahren in solche Verwirrung gebracht hat. Nun kommen wir zu dem Zielpunkt unserer Betrachtung. Es ist gar keine Frage, daß jene drei Männer von großer Begabung, ungewöhnlicher Energie und seltener Ausdauer waren. Ihr Austritt aus dem Judenthum war also an sich ein unersetzlicher Verlust für unsere Glaubensgemeinde, er wurde aber zu einem großen Schaden, als jene Drei mit der Zeit zu verantwortungsvollen Stellungen gelangten. Für uns waren sie Christen, und zwar solche, die der Hetze gegen die Juden zum mindesten kalt und gleichgiltig gegenüberstanden oder gegenüberstehen mußten; für unsere Gegner aber blieben sie Juden, wenn auch getaufte, und aller Groll, der sie verfolgte, alle Angriffe, die sich gegen sie erhoben, fiel auch auf die Juden und das Judenthnm zurück, dem sie untren geworden waren, dessen Beistand und kräftige Stütze zu werden gerade sie vor Vielen befähigt und berufen gewesen wären. Und das ist es, was wir eigentlich hellte sagen wollen. Der Jude, der in dieser Zeit aus dem Religionsverbande scheidet, entzieht sich nicht nur der Mitarbeit und Theilnahme an dem Schicksal seiner früheren Glaubensgenossen, sondern er schadet diesen noch ganz empfindlich, wenn er den Preis, um deflentwillen er den Uebertritt vollzogen, errungen hat und alles Falsche oder Böse, was er fortan thut, trotzdem den Juden mit zur Last gelegt wird, während sie des Guten, das er thut, sich nicht mehr rühmen dürfen. Es scheint uns, als ob dieser Umstand bis jetzt noch nicht genügend hervorgehoben sei, aber die besondere Veranlassung, von der schon oben die Rede war, lenkt die Aufmerksamkeit vor» Neuem auf dieses