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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-02-18 · Heft 7 (18.2.1898) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 7 (18.2.1898)
Date
1898-02-18
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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WM WWWWWWW PP 62. Jahrgang. Nr. 7. Berlin. 18. Februar 1898. /Ueikage zur „Allgemeinen Zeitung des IuöentHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. L. Berlin, 16. Februar. Am 14. d. M. hielt im Saale der „Gesellschaft der Freunde", Potsdamerstraße 9, Herr Dr. M. Schreiner, Dozent an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums, vor einem auserlesenen Publikum einen Vortrag über die Frage: „Was lehrten die Pharisäers" In klarer, scharfsinniger Weise baute der Vortragende die bekannte Geiger'fche Anschauung über den Pharisäismus weiter aus; er wies an einer Fülle pharisäischer Aussprüche, die er besonders aus eigenen Spezialforschungen auf dem Gebiete der anonymen Aggada gewonnen, bis zur Evidenz nach, daß gerade die Pharisäers es waren, die eine naturgemäße Fortentwickelung prophetischer Ideen in theoretischer und praktischer Hinsicht anbahnten, daß ihnen „die Ueberordnung der Ethik über den Kultus" als Hauptaufgabe erschien, daß gerade sie „aus chaotischem Wüste das Wahre und Ewige herausempfunden und mit größtem Nachdruck hervorgehoben haben" (vergl. dag. Wellhausen, Israelitische und jüdische Geschichte, pag. 884). Ihre scharfe Ausprägung des Gottesbegriffes, die sie bis zur äußersten Abstraktion durchführten, die aber gleichwohl das Verhältniß zwischen Gott und dem Menschen nur um so inniger gestaltete, ihre hohen sittlichen Anschauungen von den Idealen der allumfassenden Liebe. Wahrheit und Gerechtigkeit, ihr Bestreben, den Kultus nicht als Selbstzweck, sondern als Erziehungs- und Erbauungsmittel aufgefaßt zu wissen — all diese Thatsachen zeugten auch heute noch von der Wahrheit des Geiger'schen Satzes, daß gerade die Pharisäer alle späteren ethischen Ideen schon ausgesprochen oder verwirklicht hatten. Dabei soll nicht geleugnet werden, daß der Pharisäismus auch manche Auswüchse zeitigte, bei denen leeres Formelwesen und Scheinheiligkeit vorherrschend war. Allein, wo gäbe es eine Gesellschaftsgruppe, die sich ausschließlich aus lauteren Charakteren zusammensetzte? Gerade diese Elemente aber werden von den wahren Pharisäern in scharfen Ausdrücken gebrandmarkt. Es ist nur die alte Dialektik des Vorurtheils,die eine ganze Gruppe für dieAusfchreitungeneinzelner Elemente verantwortlich machen will. Im großen Ganzen werden heute diese Ausführungen auch von hervorragenden christlichen Gelehrten getheilt. Die Abrogation des Gesetzes jedoch wurde erst durch die Paulinische Theologie durchgesetzt und somit viel später der Bruch zwischen Judenthum und Christenthum vollzogen. Insofern aber die Pharisäer die prophetischen Ideen vertieften und gerade durch des Gesetzes Hülle sie gegen heidnische Einflüsse schützten und so in ihrer ursprünglichen Reinheit der Nachwelt überlieferten, insofern ist ihnen nicht nur das Judenthum, sondern jede monotheistische Religion als „den Hütern der Thora" zum ewigen Danke verpflichtet. Reichlich gespendeter Beifall lohnte die Ausführungen des Redners. In der nächsten Vorlesung, die am 21. Februar stattfindet, wird Herr Rabbiner Dr. I. Cohn über „Die Frauen im Talmud" sprechen. r. Berlin, 14. Februar. Am 6. d. Mts. fand die zweite Generalversammlung des Vereins für Arbeitsnachweis, begründet von den Berliner Bnai-Briß-Logen, in den Räumen des Logenhauses, Wilhelmstraße 116, statt. Die Versammlung wurde in Vertretung des leider durch Unwohlsein am Erscheinen verhinderten Vorsitzenden Herrn Eugen Rosenstiel von dem Schriftführer Herrn D. Lichtenstein geleitet, der zunächst in warmen Worten dem aufrichtigen Bedauern der Versammlung darüber Ausdruck gab, daß der verehrte Vorsitzende verhindert sei, heute seines Amtes zu walten. Alsdann erstattete Herr Lichtenstein einen eingehenden Geschäftsbericht und verwies unter Bezugnahme auf den vorliegenden Jahresbericht auf die außerordentlich gedeihliche Entwickelung dieser Institution. Der Verein hat im abgelaufenen Geschäftsjahre etwa 600 Personen zumeist in Lebensstellungen untergebracht, und zwar nicht nur in der Handelsbranche, sondern einen integrirenden Theil auch als Hausdiener, Arbeiter, Handwerker und dergl. Zum besonderen Verdienst rechnet es sich der Verein, daß es ihm gelungen ist, auch einer großen Anzahl älterer Personen, die mit ihren Familien dem Untergänge nahe waren, Stellungen zu verschaffen, welche sie befähigen, ihre Familien wieder anständig zu ernähren. Der Vorsitzende hob in seinem Berichte weiter hervor, daß die guten Resultate hauptsächlich dem Umstande zu verdanken sind, daß einerseits die Stellen nach der Befähigung der Bewerber besetzt und andererseits das Interesse der Arbeitgeber dadurch ganz energisch gewahrt wird, daß denselben nur gut empfohlene Leute zugewiesen werden. Herr Lichtenstein giebt ferner der Versammlung Kenntniß von den in jüngster Zeit neugeschaffenen Institutionen, und zwar eines Damenkomitees, welches sich die Fürsorge für die weiblichen Arbeitnehmer zur Aufgabe macht, und ferner eines Pflegerkomitees, welches für die geistige und körperliche Entwickelung der von dem Verein untergebrachten Lehrlinge sorgt. Ein überaus wichtiges und förderliches Moment wird darin erblickt, daß der Vorstand der jüdischen Gemeinde sein Interesse für die Bestrebungen dadurch zum Ausdruck bringt, daß er zwei Mitglieder in unseren Vorstand delegiren wird. Der Vorsitzende schließt seinen Geschäftsbericht mit der Mittheilung, daß Herr Oberamtmann Cohn in den Vorstand eingetreten und daß es dessen bedeutender Arbeitskraft zu verdanken ist, wenn die Lücke, die durch das unfreiwillige Fernbleiben unseres ersten Vorsitzenden von den Arbeiten eingetreten ist, weniger schwer empfunden wird. Der Schatzmeister erstattete den Kassenbericht, worauf ihm die Versammlung Decharge ertheilte. Bei der darauf folgenden Statutenberathung wurde der vorgelegte Entwurf nach längerer Debatte einstimmig genehmigt und nunmehr zur Wahl des Vorstandes und der Revisoren geschritten, bei welcher zu Vorstandsmitgliedern die Herren: Eugen Rosenstiel, D. Lichtenstein, A. Ehrenberg, Otto Haber, S. Steinthal, Julius Bodenstein, Albert Bloch, Jlia Beer, Th. Bernheim, Ludwig Cohn, H. Davidsohn, Adolf Ginsberg, I. Gutmann, Dr. Hirsch Hildesheimer, Dr. Max Leichtentritt, S. Weile, und zu Revisoren die Herren: Heß, Hirschberg und Lazarus gewählt wurden. Berlin, 15. Februar. Dr. med. Julius Pagel, Privatdozent für Geschichte der Medizin an der Universität, ist zum Professor ernannt worden. Er ist der Einzige dieses Wissenszweiges, den es in Preußen giebt. Die ordentlichen Professuren für Geschichte der Medizin in Berlin und Breslau sind seit Jahren eingegangen. Pagel wurde als Medizin-Historiker in weiteren ärztlichen Kreisen zuerst durch seinen Antheil am „Biographischen Lexikon berühmter Aerzte" bekannt. Mit der Arbeit für das „Biographische Lexikon" hängt zusammen, daß Pagel für die „Allgemeine deutsche Biographie" angeworben wurde. Für die Geschichte der Medizin hatte Pagel schon in seinen Studienjahren Interesse an den Tag gelegt. Zu seiner Sonderausgabe machte Pagel die Erforschung der Quellen zur Geschichte der Medizin im Mittelalter. Julius Leopold Pagel, 1851 zu Pollnow in Pommern geboren, studirte in Berlin und promovirte 1875 zum Doktor. Seit 1876 ist er hier Arzt. Universitätslehrer ist er seit 1891. Er hat, wie die verhältnißmäßig große Zahl medizin-geschichtlicher Doktorschriften beweist. Schule zu machen verstanden. Seine Studien erstrecken sich natürlich auch auf das Gebiet der Geschichte der jüdischen Aerzte. Und erst in der vorigen Woche hielt Professor Pagel im „Verein für jüdische Geschichte und Litteratur" einen Vortrag über dieses Thema, der seine eindringende Gelehrsamkeit von Neuem erkennen ließ. Auch unsere Leser werden nächstens eine interessante Probe derselben kennen lernen. F. Berlin, 15. Februar. Die „Wissenschaftlich e Vereinigung jüdischer Schulmänner zu Berlin" hielt ihre Monatsversammlung am 6. d. Mts. im Vereinslokal, Königstraße 29, ab. Der Vorsitzende, Herr Rektor Dr. Adler, eröffnet dieselbe mit einer Anzahl geschäftlicher Mittheilungen. Nach Aufnahme dreier neuer Mitglieder erklärt der Vorsitzende, daß sich die Feier des Stiftungsfestes am 2. April nicht empfehlen werde, und ersucht im Namen des Vorstandes, das Fest auf den 19. März zu verlegen. Die Versammlung

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