Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 7 (18.2.1898)
- Date
- 1898-02-18
- Page
- Seite 83 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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83 würde. Ich empfahl sie der Hut des Herrn und kehrte zu den greisen Eltern zurück, die ich jetzt nicht allein lassen konnte, der Wuth des Tyrannen anheimgegeben. Und diese, wahrlich, war grenzenlos. Unser Haus wurde untersucht, die theneren Eltern in den Kerker geschleppt, mir aber gelang es, mich den Augen der Schergen zu entziehen; ich wagte mich nicht auf die Straße, ich forschte nicht, um dadurch keinen Argwohn zu erwecken, nach dem Geschicke der Eltern, und so vermochte ich die kaiserlichen Bluthunde in dem Glauben zu erhalten, ich hätte gleichfalls Rom verlassen. Da geschah das Schreckliche: Ein Sklave des Stephanus, des Geheimschreibers der Kaiserin, der meinem Vater ergeben war, brachte mir die Botschaft, daß des Casars Grimm maßlos fei, und daß er beschloffen habe, im Senate die Hinrichtung aller Juden zu erheischen. Sein eigener Vetter, der künftige Kaiser Roms, Flavius Clemens, wird den Antrag vor den Senat bringen. Glücklicherweise ist die nächste Senatssitzung verschoben, bis die Feste vorüber sind, mit denen Domitian die fünfzehnte Wiederkehr seines Regierungsantrittes feiern will. So beschloß ich denn, zu Euch zu eilen, hochwürdige Rabbinen. Euch die Gefahr zu künden, von der auch Ihr bedroht seid, und gegen die Eure erhabene Weisheit ein Mittel finden möge. Unter tausend Gefahren, in allen möglichen Verkleidungen eilte ich hierher und lege nun getrost die Sache unseres Volkes in Eure Hände!" Als er geendet hatte, herrschte wieder längere Zeit tiefes Schweigen. Dann erhob sich ein stattlicher Mann mit tiefdunklem Barte und feurigen Augen: es war der gefeiertste Gesetzeslehrer seiner Zeit, Rabbi Akiba. „Ihr habt eben gehört, versammelte Rabbinen," begann er, „was uns von Rom droht. Man will uns vernichten, das Volk Israel soll von der Erde verschwinden. So wahr der Ewige ein einig einziger Gott ist, dazu soll und wird es niemals kommen! Nicht umsonst heißt Israel Gottes auserwähltes Volk. Gott wird uns beisteheu. wenn wir Widerstand leisten, wenn wir lins erheben gegen unsere Bedrücker. Laßt uns unsere Jünglige und Männer zu den Waffen rufen, die Fahne der Empörung aufpflanzen, soweit Juden wohnen, in West und Ost, in Süd und Nord! Mit Gottes Hilfe werden wir den übermächtigen Feind bezwingen, und Domitian wird mit Roß und Wagen untergehen wie einst der Pharao Aegyptens!" „Wo denkst Du hin, Rabbi Akiba," unterbrach den. Begeisterten der Ab-bet-din, Eleasar ben Asarja, ein junger Mann, der mit sechzehn Jahren zu seiner hohen Stellung gelangt war. „Muß ich, der Jüngling, den erfahrenen Mann an das erinnern, was geschehen ist? Haben wir uns nicht vor dreißig Jahren gegen die Römer erhoben, blos weil ihre Vögte uns drückten? Und was war die Folge? Daß Hunderttausende unseres Volkes dem Schwerte der Feinde zum Opfer fielen, daß unsere Glaubensbrüder zerstreut wurden in die ganze Welt, daß Salomos heiliger Tempel in Flammen aufging. Und wenn wir uns jetzt erheben, glaubt Ihr, es ginge uns bester? Fraget diesen Josua ben Jsmael, ob wir ringen können mit jenen eisengepanzerten Legionen, vor denen der ganze Erdkreis zittert, die wie ein Mann den Befehlen ihres Imperators gehorchen!" Jetzt erhob sich der Naßi, Rabbi Gamaliel, und wühlte in seinem langen, ergrauenden Bart. „Hohe Rabbinen," sprach er, „gewiß! Rabbi Eleasar hat Recht, wir sind den Legionen nicht gewachsen. Aber sind wir es allein, denen Roms Macht verhaßt ist? Herrscht nicht auch bei vielen anderen Völkern, die die unbändige Herrschsucht dieser Unersättlichen unterworfen hat, dumpfer, mühsam gebändigter Groll gegen die Herrscherin? Warten nicht die Germanen, die Parther, die Sarmaten auf eine günstige Gelegenheit, Roms Macht zu erschüttern? Darum laßt uns Boten aussenden in das ganze römische Weltreich, und nicht blos unsere Stammesbrüder, nein, alle unterdrückten Völker, alle freien Stämme der Grenze auffordern gegen Rom und seinen Tyrannen! Der Sieg wird unser sein und ein neuer Tempel sich zur Ehre Gottes in Jerusalem erheben!" In großer Erregung lauschte die Versammlung den enthusiastischen Worten des Patriarchen. Da erhob sich ein Greis von ungemein häßlichem Antlitz, gehüllt in ein ärmliches Gewand, und begann, indem er seinen langen, weißen Bart strich, langsam und gelassen zu reden. Alle horchten gespannt auf, denn Rabbi Josua ben Chananja war zwar ein sehr armer Mann — er erwarb sich seinen Lebensunterhalt durch Verfertigung von Nadeln — aber unter den Weisen war er ohne Zweifel der Weiseste. „Rabbi Akiba," begann er, „hat gesprochen wie ein Jüngling, Rabbi Eleasar wie ein Greis, Rabbi Gamaliel wie ein Fürst. Laßt mich sprechen, wie ein einfacher Mann spricht. Wenn wir uns allein erheben würden, wie Du räthst, Akiba, wärm wir unrettbar verloren. Aber nicht minder, wenn wir nichts zu unserem Schutze thäten, woran Du zu denken scheinst, Eleasar. Und Du erhabener Naßi, der Du, würdig Deines großen Ahnen, des Königs David, einen Krieg int großen Stile planst: bedenkst Du nicht, daß, bevor Germanen und Parther zu unserer Hilfe erscheinen, wir selbst längst vernichtet sind? Nein, keines dieser Mittel laßt uns beschließen." „So gieb ein anderes an, weiser Josua," warf Akiba ein, „wir sind bereit, Deinem bewährten Rathe zu folgen." „Ich bin kein Mann schöner Reden und vieler Worte," entgegnete Josua. „Drum höret gleich meinen Rath. Möge das hohe Synhedrion den Patriarchen und drei unserer Rabbinen wählen, die sich unverzüglich nach Rom begeben sollen. Will es Gottes unerforschlicher Rathschluß, so wird es diesen Männern gelingen, des Kaisers Sinn umzustimmen. Gelingt es ihnen nicht, nun, so sind wir wenigstens im Mittelpunkte der Bewegung und vermögen leichter Mittel und Wege zu unserer Rettung zu finden als im weltentlegenen Jabneh." Allgemeiner Beifall folgte diesen Worten, und einstimmig beschloß das Synhedrion, daß der Naßi, Rabbi Akiba, Rabbi Eleasar ben Asarja und Rabbi Josua ben Chananja noch an demselben Tag die Fahrt nach Rom und zum Kaiser autreten sollten. (Forts, folgt.) Litterarifche Mittheilungen. ----- Eine wahrhaft prächtige Gabe hat der Verband der Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur seinen Mitgliedern dargebracht in dem Jahrbuch für jüdische Geschichte und Litteratur (Berlin 1898, Albert Katz). Seit den Jahrbüchern von Busch, Wertheimer, Kompert und Philippson ist kein ähnliches Buch erschienen, und der erste Band dieses Jahrbuchs reiht sich ebenbürtig den besten Bänden der genannten Jahrbücher an. Die hervorragendsten Namen der jüdischen Litteratur der Gegenwart finden wir hier vereinigt, und alle Richtungen der Wissenschaft sind vertreten: Bibelexegese, Geschichte, Litteratur u. s. w. Dem ersteren Fach gehören die ausgezeichneten Arbeiten von Cornill und Steinthal über die Psalmen, von Brandes über Kohelet an. In das Gebiet der Geschichte gehören die hochinteressanten Beiträge von Ludwig Geiger, M. Güdemann, David Kaufmann, M. Kayserling, M. Lazarus, M. Levin. Das Gebiet der Litteratur ist durch werthvoüe Studien von A. Berliner und August Wünsche vertreten. Den politischen Jahresbericht hat Martin Philippson, den litterarischen der Redakteur dieses Blattes geliefert. Auch das belletristische Element ist in sehr interessanter Weise vertreten durch eine spannende Erzählung aus dem jüdischen Leben von Ulrich Frank und durch die wahrhaft klassische Uebersetzung einer be-