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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-02-18 · Heft 7 (18.2.1898) · p. Seite 82

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 7 (18.2.1898)
Date
1898-02-18
Page
Seite 82 (sequence 10)
Language
German
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w 82 EUILLETON Aus bangen Tagen. historische Erzählung aus der römischen Naiserzeit. Bon Carl Griot. (Fortsetzung.) rschöpft war Josua zurückgetreten, und unfehlbar wäre er zu Boden (gy gesunken, hätte ihn nicht auf einen Wink des Rabbi Josua (©^5? den Chananja, eines der hohen Räthe, ein Diener zu einem Sitze geleitet. Minutenlang herrschte Todtenstille in dem Gemache. Voll bebender Spannung hingen die Blicke Aller an der Gestalt des Patriarchen, der während Josuas Erzählung wie in sich zusammengesunken verharrte, und aus dessen Zügen alles Leben gewichen schien. Jetzt aber, als Josua geendet, erhob sich mächtig und ehrfurchtgebietend seine hohe Gestalt, die alle um die Tafel Versammelten weit überragte, und indem er sich mit der Rechten an der Lehne seines Sitzes hielt, faßte seine Linke die Gesetzesrolle, die vor ihm lag, und seine Stimme erhob sich erst leise, dann immer anschwellend und zuletzt wie Donnergrollen die große Halle erfüllend und die Brust der Versammelten mit Leben durchdringend. „Welch entsetzliche Kunde entfloh Deinem Munde, o Jüngling! Unser Volk, unsere Glaubensbrüder dem Untergange geweiht, die Söhne Israels, von deren kriegerischem Ruhme die Welt erfüllt war, ehe die entmenschten Römer unser Heiligthnm zerstört und uns Palästina geraubt, die tapferen Söhne unseres Volkes einem schimpflichen Tode preisgegeben, wilden Thieren znm Fräße vorgeworfen, den verderbten Römern und ihrem zügellosen Herrscher zur Augenweide! Und ist dieser barbarische Kaiser nicht auch ein Sproß aus dem entarteten Geschlechte der Flavier, dieses sittenlosen, entmenschten, grausamen Geschlechts, ein Bruder jenes Verhaßten, der mit verruchter Hand das Heiligthum entweiht? Sehet hin auf diesen mächtigen Kaiser, sehet, wie die Menschen im Staube vor ihm liegen und die Erde mit ihren Lippen berühren, die sein Fuß beschritt, blickt hin gen Rom nach dem Throne von Purpur und Gold, vor dem die Welt erzittert, nach jenem Rom, das sich in Lastern wälzt und an der Sünde sich berauscht, und das dennoch versinken wird vor dem Auge des Herrn. Ich sehe diesen goldenen Thron wanken, ich sehe dieses feile Rom in seinen Lastern untergehen und den gotteslästerlichen Domitian unter seinen Trümmern begraben! Ich sehe sie untergehen, Alle, Alle, die Feinde unseres Volkes sind. Die Hand des Allmächtigen wird sie zerschmettern, und sie werden vergehen wie Spreu vor dem Winde, Israel aber wird auferstehen aus ihren Trümmern, wird sein Haupt erheben und dankerfüllt seine Blicke nach dem Throne des Ewigen richten, der ewig ist und unvergänglich, der seine Kinder nie verläßt. An den Stufen des göttlichen Throne^ flehen in heißer Inbrunst unsere Väter Abraham, Isaak und Jakob, und der Allerbarmer leiht ihnen gnädig sein Ohr, und sein Antlitz lächelt wieder seinem Volke. Jene aber, und vor allem Dich, blutdürstender Kaiser, Euch treffe der Zorn des Ewigen, und die Hand Gottes strafe Euch mit gerechter Strafe, denn Du bist der Ewige, unser Gott, und züchtigest die Frevler und vernichtest die Feinde Israels!" Er hatte geendet, und der Ton seiner Stimme hallte noch im aale wieder. Minutenlang verharrte er in dumpfem Schweigen, dann erhob er wieder den Blick, und sich an die Mitglieder des hohen Rathes wendend, begann er von Neuem: „Er aber, dessen Name uns geheiligt sei, hat vielleicht uns schwache Werkzeuge seiner Hand dazu ausersehen, unseren bedrängten Glaubensbrüdern hilfreich beizustehen und sie durch die Gnade des Allerbarmers dem grausamen Schicksal zu entreißen, dem sie von verruchter Hand geweiht. Laßt uns berathen, ehrwürdige Häupter Israels, wie wir das drohende Verhängniß von unserem Volke abwenden." „Möge doch zuerst," wandte der Stellvertreter des Patriarchen, der Ab-bet-din Rabbi Eleasar ben Asarja, ein, „wenn Du gestattest, hochwürdiger. Naßi, dieser Jüngling im Einzelnen berichten, wie das Schreckliche gekommen, von wem er selbst die Kunde empfangen und wie es ihm gelang, hierher zu entrinnen." „Dein Wunsch ist berechtigt, Rabbi," entgegnete der Patriarch, „tritt heran, Jüngling, und berichte uns von dem, was Du erfahren und erlebt." Josua erhob sich und begann: „Hochwürdiger Naßi und erhabenes Synhedrion! Leiht Euer geneigtes Ohr dem Josua, Jsmaels Sohn ..." „Wie?" rief überrascht Rabbi Josua ben Chananja, „bist Du der Sohn des trefflichen Jsmael, der aus seinen reichen Mitteln so vieles für unsere bedrängten Glaubensgenossen gethan? Jenes Jsmael, zu deffen Verwandten zu zählen ich mir zur hohen) Ehre rechne?" „Dieses Jsmaels Sohn bin ich, ehrwürdiger Rabbi. Aber die Tage des Glücks sind für meinen Vater vorbei. War er einst in Rom der Angesehenste der Unseren, dem selbst Mächtige ihr Ohr liehen: jetzt schmachtet er in Ketten und mit ihm sein Weib, meine theuere Mutter." Er hielt bewegt inne. Dann fuhr er, sich wieder fassend, fort: „Die Freude und den Stolz meiner Eltern bildete meine Schwester Jobäa. In der ganzen Weltstadt gab es kein schöneres, kein besseres, kein tugendhafteres Mädchen als sie, und wie ein Augapfel ward sie von den Eltern gehütet, die sie bestimmt hatten, einst einem trefflichen Jüngling unseres Stammes zum Altar zu folgen. Da fügte es Gottes unerforschlicher Wille, daß wir einst, von Neugier getrieben, der Heerschau beiwohnten, die der Kaiser über die junge Ritterschaft abhält. Eben verließ Domitian das Marsfeld, hoch zu Roß, begleitet von einer unermeßlichen Schaar von Senatoren, Offizieren, Hofbeamten und Sklaven. Die Menge musternd, die sich zu beiden Seiten des Weges staute, erblickte er meine Schwester, und in dieser Stunde war unser Unglück beschlossen. Domitian wandte sich an seinen Oberkämmerer, zu dem er wenige Worte sprach, und wies dabei — ich sah es deutlich — nach der Stelle hin, an der wir uns befanden. Zu Tode erschreckt, wandte Jobäa ihr Antlitz zur Seite, allein es war zu spät! Wir versuchten, unbemerkt aus der Menge zu enteilen, die Angst beflügelte Jobäas Schritte. Aber es sollte uns nicht gelingen, dem Unheil zu entrinnen; ein kaiserlicher Diener folgte unseren Schritten und verließ uns nicht, bis wir in unser Haus eintraten. Tags darauf jedoch sandte der Cäsar Boten zu uns, mit kostbaren Geschenken für das Mädchen — und der Aufforderung, an den Hof zu kommen, sobald Domitian es erheische. Die höchsten Ehren, ließ er sagen, warteten dort des Mädchens. Die Geschenke sandten wir zurück, vielmals dankend für die hohe Gnade; aber die Jungfrau habe schon den Tag vorher Rom verlaffen. Ich hatte sie zuerst in einem unterirdischen Gemach verborgen; jetzt schaffte ich sie in Männerkleidern zu einem armen Glaubensgenossen nach Ostia, wo sie Niemand suchen

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