Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 7 (18.2.1898)
- Date
- 1898-02-18
- Page
- Seite 81 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228257-3228265--54384-3290510- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
WWWWMM 81 wirklich spielt, auf uns passen sie nicht. Wir sind Deutsche, fühlen und handeln deutsch und werden, wenn wir auch in unserem Fortkommen durch ungerechte Zurücksetzungen gehindert, in unseren Privatbeziehungen durch Vorurtheil gekränkt werden, in unserer wissenschaftlichen und geschäftlichen, in unserer amtlichen und bürgerlichen Thätigkeit nicht gehemmt und beschränkt. Wir streben in Sprache und Gewohnheit, in Sitte und Lebensführung nach dem Ziel, alle Absonderlichkeiten und Unarten, Gebrechen und Fehler des alten Ghetto los zu werden. Wir streiten einen ehrlichen Streit, wir hoffen, weil wir der Geschichte vertrauen, auf einen Sieg der Gerechtigkeit — und darum fühlen wir uns von Wahngebilden zurückgestoßen und verabscheuen in ehrlichem Haffe das „neue Ghetto". UolKs- und Familienfeste in Alt-Israel. Bon 31. Levy, Berlin. II. ach dem Berichte des Rabban Simon ben Gamliel galt bis zum Untergange des jüdischen Reiches der 15. Ab nächst dem Versöhnungstage als höchster Feiertag der Israeliten. Die Nachrichten über die Feier dieses Tages zeigen uns ein rechtes und echtes Volksfest. An ihm herrschte in der Umgebung Jerusalems und anderer jüdischer Städte eitel Freude. Da waren die Jungfrauen der Stadt ins Freie hinausgezogen, um zwischen den Weinbergen an Spiel und Reigen sich zu ergötzen; fröhliche und neckische Lieder erklangen, Gejauchze und Frohlocken. Alle waren sie gleichmäßig in Weiß gekleidet, jedoch bestand die eigenthümliche Vorschrift, daß Jede nur in geliehenen Gewändern erscheinen durfte — so brauchten, wie die späteren Erklärer treffend bemerken, die Aermeren gegen die Reicheren nicht znrückzustehen, und Diejenigen, welche kein Festgewand ihr eigen nennen konnten, sondern auf das Entleihen angewiesen waren, brauchten sich nicht zu schämen. Daß dieses seltene und seltsame Schauspiel eine zahlreiche Zuschauerkorona von Jünglingen heranzog, läßt sich wohl denken, und manche der von den Jungfrauen gesungenen Lieder waren an diese direkt gerichtet. So eines: „Jüngling, überlege wohl, ehe du wählest, siehe nicht auf Schönheit, denn „trügerisch ist die Anmuth, vergänglich die Schönheit, ein gottesfürchtiges Weib, das allein wird gelobt."" „So werden wohl nur die minder schönen Töchter gesungen haben,", fügt eine Relation im jerusalemischen Talmud hinzu. Aehnliche Lieder paraphrasirten das Frauenlob in dem bereits erwähnten 31. Kapitel der Sprüche- Nach talmudischer Ansicht soll dieses Fest einer geschichtlichen Thatsache und einem religiösen Gebrauche sein Entstehen verdanken; cs soll ferner eine Demonstration gegen die Sadduzäer gewesen sein. Der Ursprung dieses Festes würde daher in eine verhältnißmäßig späte Zeit fallen, da das geschichtliche Ereigniß, welches der Talmud als Grund anführt, frühestens in die Zeit der Syrerherrschaft zu setzen ist, und als Demonstration gegen die Sadduzäer das Fest in noch späterer Zeit erst entstanden sein kann. Jedoch sprechen gewichtige Gründe gegen die späte Entstehungszeit dieses Festes, wenn auch andererseits nicht zu leugnen ist, daß dieses, unserer Ueberzeugung nach, uralte Fest zur Zeit der Kämpfe zwischen Sadduzäern und Pharisäern von den Letzteren, der volksthümlichen Partei, ganz besonders begünstigt wurde und infolge dessen erst zum höchsten Freudenfeste der jerusalemischen Bevölkerung sich entwickelt haben mag- Schon zur Zeit der Richter nämlich fand in der Nähe des damaligen ephraimitischen Nationalheiligthums zu Silo ein ähnliches Fest statt. Es wird uns ans dieser Zeit berichtet, daß alljährlich an einem bestimmten Tage die Töchter Silos hinauszogen zwischen die Weinberge, um am Reigentänze sich zu ergötzen. Ein solches Fest benutzten einst die unbeweibten Männer aus dem Stamme Benjamin, um diese Jungfrauen zu rauben und sich zu Weibern zu nehmen. Die Folgen dieses Frauenraubes waren aber nicht so blutige wie die beim Raube der Sabinerinnen. Auch an eine andere Erzählung aus der Richterzeit werden wir unwillkürlich bei Betrachtung dieses Jungfrauenfestes erinnert, nämlich an die von der Tochter Jephtas, deren mystisch-verhülltem Ende und der ^merkwürdigen Feier, die zur Ehre ihres Andenkens von den Töchtern Israels alljährlich begangen wurde. Bekanntlich hatte Jephta vor der Schlacht das Gelübde gethan, im Falle er als Sieger heimkehre, dasjenige, was ihm zuerst aus den Thoren seines Hauses entgegenkomme, seinem Gotte zu opfern. Nach errungenem Siege in seine Heimath zurückgekehrt, sieht er seine Tochter, sein einziges Kind, ihm entgegenkommen, um mit Paukenschlag und Siegessang den Vater zu begrüßen. Dieser erschrickt und kann kaum die Worte Hervorbringen: „Mein Kind, wie hast Du mich so sehr betrübt! Ich habe ja meinen Mund aufgethan zu dem Ewigen und kann es nicht zurücknehmen." Sie antwortet ihm: „Mein Vater, hast Du Deinen Mund aufgethan zu Gott, so thue mir, wie aus Deinem Munde gegangen; nur gönne mir zwei Monate Zeit, daß ich zwischen den Bergen wandele und weine über meine Jungfräulichkeit, ich und meine Gespielinnen." Nachdem er ihr dieses zugestanden, kehrt sie nach Ablauf der zwei Monate heim, „und er that an ihr sein Gelübde, und sie ist keinem Manne zutheil geworden." (Wörtlich!) Sie beschloß also ihr Leben, ohne durch Liebe zu beglücken oder beglückt zu werden, deshalb erschien ihr Loos zunächst so beklagenswerth. Ein ähnlicher Gedanke, wie Rückert ihn ausdrückt in dem Verse: Weh' dem, der zu sterben geht und keinem Liebe geschenkt hat. Dem Becher, der zu Scherben geht und keinen Durst'gen getränkt hat. Und so wurde es Sitte in Israel, heißt es in der Erzählung weiter, daß alljährlich an vier Tagen im Jahre die Töchter Israels auszogen, zu preisen die Tochter Jephtas des Gileaditen. Wohlgemerkt! Später wurde sie nicht beweint, sondern die in keuscher Jungfräulichkeit Dahingegangene selig gepriesen. Ihr zu Ehren wurde also ein Freudenfest der Jungfrauen zum Preise der Jungfräulichkeit gefeiert, gleichwie es bei den Griechen zu Ehren der Artemis stattfand, welche von den Jungfrauen durch Reigen und Tanz gefeiert wurde. Diesem Volksfeste im Hochsommer entsprechend, wurde auch im tiefsten Winter, am 15. Schwat (ungefähr Ende Januar), ein Volksfest als „Neujahr der Bäume" gefeiert. Jedoch sind uns über die Art und Weise der Feier dieses letzteren Festes keinerlei Nachrichten überkommen. Hatten wir es bei der beschriebenen Feier des 15. Ab mit einem Feste zu thun, für das im Gesetze jede Spur und Andentung fehlt, das sich aber hauptsächlich dadurch in seiner Selbständigkeit erhalten hat, daß es von den religionsgesetzlicheit Fei'ertagen zeitlich zu weit entfernt war, um mit einem derselben verschmolzen werden, oder an eines derselben sich anlehnen zu können, so wenden wir uns jetzt den Volksfesten zu, die in die Nähe der vorgeschciebenen religiösen Feste fielen und später an einem der Zwischenfeiertage dieser Feste gefeiert wurden, meist bei Gelegenheit der Ausübung einer religionsgesetzlichen Vorschrift oder eines alten kultuellen Brauches. (Forts, folgt.)