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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-02-18 · Heft 7 (18.2.1898) · p. Seite 80

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 7 (18.2.1898)
Date
1898-02-18
Page
Seite 80 (sequence 8)
Language
German
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daß er verachtet wird, sonnt sich aber in seiner Verachtung. Er ist ein Feigling und freut sich, daß er ein Feigling ist. Er verschafft dem Zuschauer manchmal ein Lächeln, und einmal habe ich herzhaft gelacht, als er vor dem Erscheinen des Rittmeisters den Diener aufforderte, in der Nähe zu bleiben und herbeizukommen, sobald es zu laut würde. Aber das Schlimmste an ihm — und auch dies ist gewiß ein der Wirklichkeit nachgeahmter Zug — ist sein Cynismus und sein angebliches Herz. Er ist gerührt, wenn er von Unglück hört, an dem er nicht schuldlos ist, er hat die leichte Thräne und vielleicht auch den leichten Griff in den Geldbeutel und murmelt Gebetworte, wenn er dem Unabwendbaren gegenüber steht. Daß auch dies letztere uns nicht erspart wird, daß dieser Auswürfling in dem Augenblick, wo sich das traurige Schicksal an der einzigen sogenannten idealen Person vollzogen hat, die ersten Worte—glücklicherweise nur die ersten — des Bekenntnisses „Höre Israel" in der Ursprache sagen muß, hat mich, der ich nicht übermäßig an Empfindlichkeit leide, in tiefster Seele empört. Eine solche Figur aus dem Leben zu zeichnen und die anderen gewöhnlichen Typen aus einzelnen jüdischen Kreisen: Halsabschneider, kokette oder unbedeutende Frauen, brave Philister — Dutzendfiguren, wie sie auch bei Christen Vorkommen — dazu gehörte Muth? Wahrlich dann ist es nur derselbe Muth, der die Berliner Possendichter aus den guten Zeiten der Berliner Poffe von Julius von Voß an bis zu David Kalisch beseelte, Typen aus dem Volksleben auf die Bühne zu bringen. Da erscheinen Hökerinnen, Dienstmänner, reich gewordene Schlächter, hungrige Litteraten, süßliche Backfische, lüsterne Jünglinge, protzenhaste Emporkömmlinge und speichelleckende Unglücksvögel. Die Berliner Possendichter wollten aber nicht sagen: so. seid Ihr alle, sondern sie wollten verkünden: solche Leute giebt es auch unter Euch. Sie wollten nicht schließen, daß die Berliner verderbt, dem Verfalle geweiht seien, sondern sie wollten — wenn sie überhaupt einen Kulturzweck verfolgten — ihren Stadtgenoffen rathen, sich von ihnen zu entfernen, und die Absonderlichkeiten, Fehler oder Verbrechen solcher Personen nicht bei sich zu dulden. Die breite Ausnialung einer solchen Figur in unserem Stück ist kein Zufall. Sie soll den Juden znrufen: das seid Ihr, das sind Die, welche Ihr nicht los werden könnt, und durch welche Ihr herabgezogen werdet. Solchem Beginnen gegenüber müffen wir — ich spreche das stolze Wort aus, weil ich mir bewußt bin, nicht in meinem Namen allein, sondern im Namen vieler Tausende zu sprechen — aufs Schärfste entgegengetreten. Wir haben mit Leuten wie Rheinberg und Wafferstein keine Gemeinschaft. Wir dulden nicht, daß gewiffenlose Spekulanten und protzenhafte Dümmlinge sich in unseren Gesellschaftszimmern breit machen. Wir jagen nicht einem verarmten und verlumpten Grafen nach und halten es für keine Ehre, wenn er an unserem Tische Platz nimmt und — vielleicht — auch sich auf der Straße neben uns zeigt. Wir wissen trotz aller Kränkungen, die wir erfahren, von „keinem moralischen Ghetto, das unser vorgeschriebener Aufenthaltsraum ist." Wir haben keine Gemeinsamkeit mit den Herren Rheinberg und Wasserstein, aber wir haben auch keine Sympathie mit Herrn Dr. Samuel. Herr Herzl will uns glauben machen, daß dieser ein Idealist und ein edler Schwärmer ist, der im Kampfe gegen die übermächtige Ungerechtigkeit zu Grunde gehen muß, wir aber halten ihn für einen Thoren, der ein Opfer seiner thörichten Verblendung werden muß. In einer hübschen Szene erzählt der Rabbiner Dr. Friedheimer eine Geschichte, wie im 14. Jahrhundert ein junger Jude, Moses den Abraham, in Mainz einen Klageruf in der Nacht zu hören meint, dem angeblich Unglücklichen zu Hilfe eilt unb ermordet wird. Mit diesem schwärmerischen Jüngling, der ein Opfer seiner edlen Schwärmerei ist, vergleicht sich Dr. Samuel auf seinem Todtenbette. Aber hat er zu einem solchen Vergleich das Recht? Nicht im Geringsten. Das Ideale, das er in seinem Leben gethan, kann und wird ihm nur zum Vortheil gereichen. Er hat die Arbeiter (notabene die christlichen) vertheidigt, er wird keinen Vorwurf dafür enipfangen, sondern würde, falls er leben bliebe, seine Klientel und seinen Ruf wachsen sehen. Er will von seinem reichen Schwager kein Almosen annehmen, weil er sich dadurch nicht zur Beförderung des Unrechts verpflichten will, er hat die Genugthuung, zu erleben, daß dieser Reiche verarmt und er wird, sobald seine That ruchbar geworden, die Anerkennung aller Anständigen erlangen, die sich leicht auch in Ausbreitung seiner Praxis äußerlich zeigen kann. Aber was durchaus nicht ideal ist, das ist sein Ehrenhandel mit dem Grafen und sein Benehmen ihm gegenüber in der Knall-Effekt-Szene. Er hatte sich mehrere Jahre vor den Vorhälten unseres Stückes im Kaffeehause vom gesellschaftlichen Standpunkt aus höchst inkorrekt benommen. Er nimmt eine neben dem Grafen liegende Zeitung, ohne darum zu bitten und wird auf dessen hochfahrenden Verweis grob, nimmt dessen dargebotene Karte an, schlägt sich aber nicht, sondern bittet um Entschuldigung — weil sein Vater krank ist. All das ist von unglaublicher Kindlichkeit der Erfindung. Entweder steht Dr. Samuel auf dem mittelalterlichen Standpunkt des Ehrenhandels, dann hat er sich trotz des kranken Vaters zu schlagen oder, wenn der Vater gesundet, eine Gelegenheit, z. B. bei seinem Hochzeitstage, zu ergreifen, dem Herrn Grafen die Beleidigung heimzugeben. Oder er benimmt sich von Anfang an wie ein wohlerzogener Mann, dem solche Wirthshausgeschichten nicht passiren, lehnt die angebotene Karte ab und verweist den Raufbold, wenn kein anderes Mittel bleibt, vor die Gerichte. In keinem Falle kann für einen anständigen Menschen, ob Jude oder Christ, ein moralisches Manko übrig bleiben. Dr. Samuel, der aber weder das Eine noch das Andere thnt, hat dem Grafen gegenüber gar kein Recht; dieser ist vollkommen berechtigt, den Advokaten als einen Feigling zu betrachten und ihm dies bei erster Gelegenheit zu sagen, nachdem er ihn lange genug, wie es auch sein Recht war, mit schweigender Verachtung bestraft hat. Er, der ruinirke Graf, und nicht der jüdische Advokat hat unsere Sympathie, wenn er Rheinberg zwingen will, ihm sein Geld wieder zu schaffen, und wenn er den Dr. Samuel, der dem Grafen die vielleicht juristisch richtige, aber oralisch ganzm unhaltbare Theorie auseinandersetzt, daß Jener gar nicht übervortheilt worden, sondern nur allein an seinem Unglück schuld sei, als Mitschuldigen erklärt Gewiß sind feine höhnischen Reden brutal, aber sie sind durch Samuels früheres Benehmen völlig gerechtfertigt. Wenn dieser sich Hinreißen läßt, den Grafen zu ohrfeigen, so begeht er schreiendes Unrecht, und wir empfinden den Schlag, den er austheilt, als einen Schlag ins eigene Gesicht. Sein Fallen im Duell betrachten wir als seine gerechte Strafe, nicht als tragisches Geschick des idealen Helden. So wenig wie in Rheinberg und Wafferstein, so wenig können wir in Dr. Samuel den Repräsentanten unserer Gefühle erblicken. Franzos hat einmal das Wort gebraucht: „Jedes Land hat die Juden, die es verdient", ein Wort, das ich übrigens für falsch halte, da es manches Land giebt, das viel bessere Juden hat, als es augenblicklich verdient. Man könnte dies Wort variiren und sagen: Nur der Jude hat ein Ghetto — ein innerlich aufgerichtetes, denn äußere hängen nicht von uns ab —, der es verdient. Vielleicht passen die von Herzl geschilderten Verhältnisse auf Wien, besonders auf das Wien des Jahres 1893, wo das Stück

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