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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-02-18 · Heft 7 (18.2.1898) · p. Seite 79

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 7 (18.2.1898)
Date
1898-02-18
Page
Seite 79 (sequence 7)
Language
German
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WWW WSNWWWWWM 79 Arbeiter in jener Grube elend bezahlt, durch Strafgelder in ihrem winzigen Erwerb geschmälert werden, vor Allem, daß sie durch eine beabsichtigte Sprengung in jenem Bergwerk der größten Lebensgefahr ausgesetzt sind. Kaum hat er dies vernommen, so reist er nach jenem Jndustrieplatz ab. Trotz seines Eingreifens, durch den ein Streik der Bergleute ausgebrochen war, ist das Aktienunternehmen ins Leben getreten. Aber der Streik und eine nach Wiederaufnahme der Arbeit erfolgte schwere Wasserkatastrophe, die auch viele Menschenleben vernichtete, hat die rasch gestiegenen Aktien noch schneller sinken lassen. Der Einzige, der von dem Geschäft Nutzen gezogen hat, ist der schlaue Wasserstein: er ist durch glttckliche Spekulationen, rechtzeitigen Verkauf der Bergwerksaktien Millionär geworden und hat auch durch schlaue Kunstgriffe, die an dieser Stelle nicht auseinander gesetzt werden sollen, seinen ehemaligen Gönner Rheinberg in der Hand; Schromm ist ruinirt, da er seinen Aktienantheil bei einer Bank lombardirt hatte, und bei dem Kurssturz nicht im Stande, weitere Zahlung zu leisten, de» zwangsweise erfolgten Verkauf seines Antheils geschehen laffen mußte. In den Prachträumen Rheinbergs treffen Alle zusammen: Wafferstein, um sich seines Triumphes zu freuen, Samuel von dem Rabbiner geleitet, der vergeblich von übertriebenen Maßregeln zurückzuhalten sticht, später Schromm. Bevor dieser erscheint, hat Rheinberg Zeit, seinem Schwager auseinanderzusetzen, daß der edle Rittmeister gar nicht betrogen worden, sondern seinem Leichtsinn zum Opfer gefallen sei, und verschwindet vor dem Auftreten des in Wahrheit von ihm zu Grunde Gerichteten. Diesem sucht Dr. Samnel als gelehriger Schüler die eben gelernte Weisheit mundgerecht zu machen, erhält aber die eigentlich seinem Schwager zugedachte grobe Zurechtweisung und giebt nach heftigen Auseinandersetzungen seinem Gegner eine Ohrfeige. Die Schmach wird mit Blut abgewaschen. Diesmal hat sich Samuel der Forderung nicht entzogen. Während er auf dem Felde der Ehre — wie man mit blutigem Hohne den Platz nennt, auf dem häufig der frivole Beleidiger den Gekränkten niederschießt — sich befindet, wird in seinem Hause durch seiner Frau Vermittelung das Bündniß der zwei einander würdigen Gesellen.Rheinberg und Wafferstein neu befestigt. Samuel wird von seinen Freunden Bichler und Wurzlechner sterbend nach Haus gebracht, und hat nur noch Lebenskraft, um die Klagen der Seinen, auch seiner Eltern anzuhören lind die Litanei über sein verfehltes Streben herznsagen. Die Moral davon ist, daß er nicht vermocht habe, das Ghetto, in dem er lebte, zu öffnen.') r) Leider habe ich mir, trotz Nachfrage in verschiedenen Buchhandlungen, den Text des Stücks nicht verschaffen können. Ich muß daher aus dem Gedächtniß citiren, und kann wohl für den Sinn, nicht aber für den Wortlaut der von mir angeführten Stellen die Verantwortung übernehmen. Nach einer Notiz in der „Gegenwart" Nr. 6 wich manchmal der in Berlin gebotene Text von dem der Wiener Aufführung ab; wieweit solche Aenderungen der Berliner Regie zuzuschreiben oder mit Einwilligung des Verfassers — vielleicht geradezu mit Rücksicht auf das Berliner Publikum — vorgenommen worden sind, vermag ich gleichfalls nicht zu entscheiden. — Eine allgemeine Klage kann ich nicht unterdrücken, nämlich die, daß die Texte neuer Stücke erst oft Wochen nach der erstten Aufführung im Druck erscheinen. Eine solche Verschiebung war früher nothwendig, als die Theater ein gedrucktes Stück für frei betrachteten und dem Autor keine Entschädigung zubilligten; bei unseren geordneten Rechtsverhältnissen, in denen derartige Verletzungen gerechtfertigter Ansprüche unmöglich sind, sollte Derartiges nicht mehr Vorkommen. Der gewöhnliche Theaterreferent würde fich freilich kaum die Zeit zur Lektüre des gedruckten Textes nehmen; vielleicht wird er durch die beständige Uebung auch fähiger zur sofortigen Aufnahme alles Ich bin litterarischen Erscheinungen gegenüber durch Jahrzehnte lange Uebung und Gewöhnung immer in erster Linie Kritiker und Aesthetiker — denn zum reinen Genießen bringt's Unsereiner kaum mehr — und dann erst Jude. Und so habe ich auch hier als Kritiker die ersten schweren Bedenken. Wie roh sind die Effekte, wie kindlich die Szenenführung, auf wie niedriger Stufe der Bühnentechnik stehen die Aktschlüffe. Wenn am Ende des zweiten Akts z. B. der Held seiner Frau mit dem Brustton der Ueberzeugung zuschreit, er reise nach dem gefährdeten Bergwerk, so müßte er und mit ihm die paar Beifallsklatscher dieser Tirade bedenken, daß die kleine Frau von der ganzen Geschichte nichts weiß und seinen Heroismus schwerlich begreift. Wie ungeschickt ist die Art und Weise, wie im ersten Akt die alte Frau Samuel ihre Ermahnungen und Reden dem jungen Paar vorträgt, und durch diese für die Handlung ganz gleichgiltige Unterbrechung die übrigen Personen zum Stillschweigen verurtheilt. Wie unmotivirt ist das Erscheinen mancher Personen, z. B. das Wassersteins bei Samuels im vierten Akt. Denn, daß er dem Dienstmädchen, das ihn früher schnöde behandelt, fünf Gulden in die Hand drückt, ist doch wohl überflüssig, und daß er nun durch die junge Frau bewogen werden soll, seinen ehemaligen Herrn und jetzigen Gegner Rheinberg zu schonen, zeugt von einer fast unbegreiflichen Menschen- und Bühnenunkenntniß. Sollte der Verfasser es wirklich für möglich halten, daß ein jahrelang genährter Haß durch ein nicht übermäßig freundliches Wort der ehemaligen Geliebten getilgt werden könnte? Sollte er meinen,- die Rache, mit der sich der Getretene begnügte, bestände darin, daß er den Ausruf, den er von Rheinberg so oft gehört, nun diesem zurückgiebt: „Sie sind ein Esel!" Die Charaktere der meisten Personen sind durchaus konventionell, ohne jede Spur individueller Färbung. Der Rittmeister ist der adlige Lump, Lebemann, gewissenlos, kavaliermäßig nur im Aeußeren. So oft wie ihn hat man den christlichen Anwalt gesehen, einen Schwächling mit gutem Herzen, das, sobald es sich erproben soll, sich als widerstandsunfähig beweist. Die anderen Personen sind noch schattenhafter. Die alten Samuels sind wackere Philister, die nicht intereffanter dadurch werden, daß sie jüdische Philister sind. Die junge Frau Dr. Samuel ist ein Gänschen, um die, da ihre Federn nicht einmal stark vergoldet zu sein scheinen, kein Gatte zu beneiden ist. Ihre Schwester, Frau Rheinberg, ist die hundertmal gezeichnete Bankiersgattin, die sich alle Mühe giebt, korrekt zu sprechen, aber nicht immer mit glücklichem Erfolge, die durch tieferen Kleiderausschnitt, reicheren Schmuck und größere Koketterie ihre Nebenbuhlerinnen zu übertreffen sucht. Der saubere Gatte, ein Börsianer der schlimmsten Sorte, ohne Gewissen, ohne Gemüth, ohne Verstand. Er fällt, wie er steigt, kennt für seinen Hochmuth ebensowenig eine Grenze wie für seine Unterwürfigkeit, hat für Edelsinn kein Gefühl und hält Rechtschaffenheit für Schwärmerei. Während alle diese Figuren skizzenhaft oder konventionell gezeichnet sind, ist die einzig gut durchgeführte Person der galizische oder östliche Jude Herr Emanuel Wasserslein. Er ist der geschätzte Glaubensgenoffe, dem gegenüber wir jede Gemeinschaft ablehnen, und den nur die Verkehrtesten uns an unsere Rockschöße anhängen können. Roh und täppisch, ungebildet in Benehmen und Sprache, kriechend und furchtsam, unterwürfig, so lange er im Unglück ist, und protzig, sobald er durch Schlauheit, ohne Arbeit, reich geworden ist. Er ist ein absichtlicher und unabsichtlicher Humorist. Er erregt Gelächter durch seine Gespräche, Bewegungen, durch seine Tracht. Er ist ohne jeden Geschmack, muß aber die Mode mitmachen. Er merkt, Gebotenen. Für den nicht berufsmäßigen Kritiker ist das Fehlen der Vorlage, in der er mit Ruhe lesen und Einzelnes wiederholt nachschlagen kann, äußerst peinlich.

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