Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 7 (18.2.1898)
- Date
- 1898-02-18
- Page
- Seite 74 (sequence 2)
- Language
- German
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man zu berufen gedachte, und welchen Wirkungskreis man ihm hier einzuräumen beabsichtigte. Ueber alle diese Fragen herrschte aber eine geradezu rührende Unklarheit, und deshalb mußte die ganze Angelegenheit in eine Sackgasse sich verlaufen, aus der herauszukommen jetzt sehr schwer sein wird. Hört man die Herren von ihrem Ideal eines Rabbiners sprechen, hört man die verschiedenartigen und sehr weitgehenden Forderungen, die sie an einen solchen stellen, so muß man erstannt mit dem Dichter fragen: „Red'st du von Einem, der da lebet?" Einen solchen Rabbiner giebt es eben nicht, und darum kann Berlin einen solchen auch nicht bekommen. Aber die ganze Angelegenheit erscheint uns im höchsten Grade symptomatisch für die gegenwärtigen Verhältnisse in unserer Gemeinde. Und darum haben wir sie auch zum Gegenstände einer besondern Besprechung gemacht. Auf allen Gebieten die größte Unklarheit und Zerfahrenheit! Das ist das Charakteristikum der Periode, die durch den Wahlsieg der Bequemlichkeitsorthodoxie eingeleitet wurde. Genau dieselbe Unklarheit herrscht auch in allen andern Fragen und deshalb kann ein gedeihliches Wirken nicht erzielt werden. Man hört in den Verhandlungen nur immer große Worte und sieht nur immer kleine oder gar keine Thaten, man hört nur immer vollkommenen Widerspruch, „gleich geheimnißvoll für Kluge wie für Thoren", aber man hört niemals einen positiven Vorschlag, ein entschiedenes Programm. Aber hier vor allem gilt des Dichters Wort: „Recht hat jeder eigene Charakter, der übereinstimmt mit sich selbst; es giebt kein andres Unrecht als den Widerspruch." Darum aber wird die Frage der Rabbinerwahl in Berlin, wie jede andere in den letzten drei Jahren, wahrscheinlich ungefähr ebenso verlaufen, wie das bekannte Hornberger Schießen. Man wird schließlich des langen Suchens müde, irgend einen unbekannten jungen Herrn, hierher berufen, vielleicht gerade einen solchen, der hier einen Vetter oder Onkel besitzt, welcher die Agitation am rührigsten zu betreiben versteht, und damit die Frage gelöst zu haben glauben. Dies aber wäre in der That ein mehr als verhängnißvoller Jrrthum. Die Angelegenheit wäre damit nicht beendet, sondern die Frage würde durch einen solchen Ausgang erst recht zu einer brennenden werden, was sie bisher nicht gewesen ist. Es ist wahrlich keine Schadenfreude über diesen Mißerfolg einer Agitation, die mit so vieler Emphase eingeleitet wurde, sondern es ist die aufrichtige Betrübniß über die immer mehr zunehmende Verwirrung der religiösen Verhältnisse in Berlin, die uns dazu gezwungen, diese Frage einmal im Lichte der Oeffentlichkeit zu erörtern. Are Msche. ö Berlin, 15. Februar. tvjr auch an Nachrichten aus unserem Vaterlande heute nrittheilen könnten, es würde doch alles weit zurücktreten hinter dem mächtigen Eindruck, den die Nachrichten aus Frankreich über den Prozeß Zola Hervorrufen. Welch ein Abgrund öffnet sich da vor unseren Blicken, welch ein Chaos von Leidenschaften, welch eine entsetzliche Perspektive für die nächste Zukunft! Frankreich, das Land der Freiheit und der Kultur, Paris, das einst seine Dichter in freilich fast überschwenglicher Weise „das Herz der Civilisation" genannt, eine Brutstätte des Glaubenshasses, ein Tummelplatz wüster Judenhetzen. Drei große Männer: Voltaire, Longfellow und Schopenhauer, haben es übereinstimmend ausgesprochen, daß die Franzosen halb Tiger, halb Affen seien- Unwillkürlich wird man an diesen Ausspruch erinnert, wenn man in den Blättern die ungeheuerlichsten Nachrichten über das Treiben des vornehmen und niederen Pöbels in Paris liest. Was Fürst Bismarck, den Karl Sedlatzek neuerdings zu einem Judengenoffen macht, einmal als das Unwahrscheinliche, ja Unmögliche selbst für Antisemiten erklärt hat, nämlich eine neue Bartholomäus - Nacht oder sizikianische Vesper, das wird heute von wahnwitzigen französischen Publizisten dem fanatisirten Pöbel ganz ohne jede Scheu und Scham nahegelegt. Die Idee einer Bartholomäus- Nacht, so schreibt Einer von ihnen, habe wie ein Blitz durch den französischen Volksgeist gezuckt. „Sollte ihr Appell an Deutschland Erfolg haben und zu einem Kriege führen, so würde am Tage nach der Kriegserklärung gewiß kein lebender Jude mehr in Frankreich sein; man würde sie bis zum Letzten erwürgen. Keiner werde übrig bleiben, möge er sich auch franzöfischer als der Herzog von Orleans und katholischer als der Papst geberden. Angesichts der Protestanten, Freimaurer, Freidenker, Sozialisten und Anarchisten, die den Juden sich anschlössen, sei auch der Gedanke eines Religionskrieges wieder erwacht, und es bedürfe nur wenig, um diesen zum Ausbruch zu bringen. Er sei ein Mann der Ordnung, aber auf die politischen und kirchlichen Sektirer sowie auf die Fremden, die mit Dreyfus gemeinsame Sache machen und zum Dreibund halten, würde er mit Vergnügen die Flinte anlegen und die Kerle niederschießen, die das Vaterland und die nationale Religion bedrohen." Ist es nun ein Wunder, wenn der Pariser Mob, durch solche und ähnliche Tiraden aufgehetzt, bereits zur „Propaganda der That" geschritten und jüdische Läden geplündert, jüdisch aussehende Männer geprügelt oder Revolverschüffe auf sie abgegeben hat? Für den Patriotismus unserer heimischen Antisemiten ist es aber charakteristisch, daß sie diese Hetze billigen, obwohl sie gegen Deutschland geht, blos weil Dreyfus ein Jude ist. In, Uebrigen stehen sie zum Theil genau auf demselben Standpunkt wie jener edle französische Publizist. Denn auch Karl Sedlatzek meint gegenüber den Worten Bismarcks, Maßregeln, wie die Bartholomäus- Nacht oder die sizilianischeVesper, hielten selbst die leidenschaftlichsten Antisemiten für kaum zulässig und möglich: „Oho! Gerade die besten und edelsten, die wissenschaftlichsten Antisemiten find es, welche der Ueberzeugung Ausdruck geben, daß nur die gänzliche Ausrottung und Unschädlichmachung der Hebräer das Endziel aller wahren Freiheitsapostel und Menschheitserlöser sein muß." * Bei Gelegenheit der Verhandlungen über den Staatszuschuß.zu den verschiedenen Kulten in der badischen Kammer ist nur von dem antisemitischen Abgeordneten Pfisterer die Bemerkung gemacht worden, daß er gegen den Zuschuß für den israelitischen Kultus stimme, man möge die betreffende Summe zu einer Uebersetzuug des Talmud verwenden. Weitere Debatten fanden — was den israelitischen Kultus betrifft — nicht statt. Alle Abgeordneten, mit Ausnahme der beiden antisemitischen sowie des konservativen v. Stockhorner, stimmten für die Bewilligung des Staatsbeitrages für den israelitischen Kultus und für Aufbefferung der minder besoldeten Rabbiner, und zwar stimmten die Nationalliberalen, das Centrum und die Demokraten, und Freisinnigen geschloffen für die Genehmigung. * Eine wahrhaft rettende That hat die Baronin Hirsch für die unglücklichen Juden in Rumänien unternommen. Da die Regierung die jüdischen Kinder von den öffentlichen Schulen so gut wie ausgeschloffen, will die hochherzige Frau ihnen eigene Schulen begründen. Es sollen zwei Regional-Komitees, eines für die Moldau, das andere für die Walachei und Dobrudscha, eingesetzt werden.