Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 7 (18.2.1898)
- Date
- 1898-02-18
- Page
- Seite 73 (sequence 1)
- Language
- German
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62. Jahrgang. Ar. 7. Berlin» 18. Februar 1898. Mn unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Nedaeteur: Gustav Karpeles. Begründet von Nadbiner SK- Ludwig Philippson-Konn Verlags-Crpedition: löerlin, Äerusalemerstr. 48 /49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin 8^V., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mofse, Berlin. Inhalt. Leitartikelr Die Rabbinerwahl in Berlin. — Die Woche. — Bezirkskonferenz der jüdischen Lehrer des unteren Ruhrgebietes. — Aus Ostpreußen. Von Moritz Scherbel. — Th. Herzl: Das neue Ghetto. Von Prof. Dr. Ludwig Geiger. — Volks- und Familienfeste in Alt-Israel. II. Bon A. Levh. — Aeuilletonr Aus bangen Tagen. Von Carl Griot. Fortsetzung.) — Litterarische Mittheilirngerr. — Sprechsaal. — Briefkasten der Redaktion. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten r Berlin, Lissa, Breslau, Stadtoldendorf, Kassel, Nürnberg, Wien, Odessa. — Bon Nah und Kern. — Miseellen. Me Nabbinerwahl in Berlin. Berlin, 15. Februar. eit fast drei Jahren wird in Berlin ein konservativer Rabbiner gesucht. Mit welchem Erfolge, ist bekannt. Die Partei innerhalb der Repräsentantenversammlung, welche einen solchen Rabbiner wünscht, hat selbst dafür gesorgt, daß ihre Mißerfolge bekannt wurden. In ganz Deutschland, ja selbst in Holland hat man diesen Wundermann gesucht, der den Ansprüchen einer Orthodoxie genügen soll, die mit einem Liberalismus ohne Gleichen sich selbst jede Einanzipation vom Gesetze gestattet, während sie mit einem Terrorismus ohne Gleichen allen Anderen das schwere Joch desselben Gesetzes aufbürden möchte. Natürlich war ein solcher Rabbiner nicht zu finden, und ebenso natürlich ist es, daß alle wirklich orthodoxen Rabbiner, bei denen Lehre und Leben im Einklang steht, eine Berufung abgelehnt haben. In jedem einzelnen Falle aber hat man das, was hinter den Kulissen der sogenannten Rabbinerwahlkommission vorging, wenige Tage nachher in allen Gemeinde - Konventikeln, die sich für diese Dinge interessiren, gewußt und auch ohne Rücksicht weitererzghlt. Die Spatzen auf den Dächern der betreffenden Häuser in der Oranienburgerstraße Pfiffen schon die Namen der Männer, an die man sich gewendet und die abgelehnt hatten. Man könnte Bücher über diese Wahlgeschichte schreiben. Nicht blos die Mitglieder der betreffenden Kommission, in welcher, nebenbei gesagt, nur Konservative saßen, da die Liberalen aus sehr berechtigten Motiven jede Wahl abgelehnt hatten, sondern Jeder, der sich für die Angelegenheit aus irgend einem Grunde interessirte, mischte sich in die Sache hinein und ging sogar selbständig darin vor. Wer einen Bruder, einen Schwager oder einen Freund besitzt, der in irgend einer auswärtigen Gemeinde Rabbiner ist, schrieb einfach an diesen, ohne das geringste Mandat hierfür zu besitzen, ob er nicht geneigt sei, als Rabbiner nach Berlin zu kommen. Es. wäre ein ergötzliches Unternehmen, die Namen der Männer zusammenznstellen, die hier in den letzten drei Jahren als Kandidaten genannt wurden. Aber wir verzichten darauf. Unsere. Leser werden uns auch das Zeugniß geben, daß wir während der ganzen Zeit die Angelegenheit nicht berührt, sondern ruhig abgewartet haben, was aus der Sache sich entwickeln werde. Und wenn wir heute das Wort ergreifen, so geschieht es auch nur deshalb, weil die Angelegenheit fast zu einem öffentlichen Aergerniß zu werden droht. Es ist von anderer Seite bereits sehr richtig hervorgehoben worden, daß das Verlangen nach einem konservativen Rabbiner innerhalb der Gemeinde selbst eigentlich gar nicht existire. Ja, diese ganze Frage ist von einer Partei innerhalb unserer Repräsentantenversammlung nur deshalb aufgerollt worden, um durch die Berufung eines notorisch orthodoxen Rabbiners gewissermaßen die allgemeine Bekehrung der Berliner Gemeinde zur Neuorthodoxie öffentlich und feierlich zu dokumentiren. Die Ausführung dieser rettenden Thal ist ihr aber versagt geblieben, weil sie die Rechnung ohne die Herren Wirthe gemacht hat. Ein wirklich orthodoxer Rabbiner, d. h. ein solcher, der zuvörderst alle Reformen im Gottesdienst von seinem Standpunkt aus verurtheilen muß, konnte und kann ja gar nicht nach Berlin kommen, wo diese Reformen bereits seit Jahrzehnten praktisch durchgeführt sind, es sei denn, er begnügte sich mit dem engen Wirkungskreis in einer einzigen Gemeindesynagoge. Es kommt dazu, daß Berlin gerade kein verlockender Boden für Rabbiner ist, und schließlich, daß es verschiedene Stellen in Deutschland giebt, die in jeder, auch in materieller Beziehung bester sind als die Stellung eines Berliner Rabbiners. Nach vielerlei Mißerfolgen wendete man sich endlich anch an solche Rabbiner, die seit Jahrzehnten in Gemeinden fungiren, welche die Orgel, ein reformirtes Gebetbuch und andere Neuerungen eingeführt haben, die aber trotzdem, der liebe Himmel weiß wieso, als konservative Rabbiner gelten. Gerade in diesem Augenblicke pfeifen die Spatzen in der Oranienburgerstraße wieder den Namen eines Kandidaten, der sehr friedlich und vergnügt und auch heilsam in einer Gemeinde wirkt, die die Ehre für sich in Anspruch nehmen darf, eine der ersten von denen zu sein, die schon zu Anfang dieses Jahrhunderts ziemlich weitgehende gottesdienstliche Reformen eingeführt hüben. Nun könnte diese Wendung der Dinge uns eigentlich sehr angenehm sein, da wir ja kein Bedürfniß nach einem orthodoxen Rabbiner haben, sondern blos den Wunsch hegen, daß das Berliner Rabbinat noch um eine oder zwei tüchtige Kräfte verstärkt werde. Aber wir wären objektiv genug, den Kreisen, welche einer anderen Richtung huldigen, die Berufung eines orthodoxen Rabbiners gern zuzugestehen. Man hätte sich nur — und hier liegt der Kernpunkt der Frage, hier auch der Grund der bisherigen Mißerfolge — man hätte sich nur vorher klar machen müssen, was man eigentlich wolle und verlange, welchen Standpunkt der Rabbiner haben solle, den