Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 6 (11.2.1898)
- Date
- 1898-02-11
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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62. Jahrgang. Nr. 6. Berlin, 11. Fedrnar 1898. Weilcrge zur „Allgemeinen Zeitung des DuöenLHuws". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 8. Berlin, 6. Februar. Die starke Besetzung -er Tribüne bei der heutigen Repräsentantenversammlung, und zwar mit Herren, die im Mittelpunkte -es Gemeindelebens stehen, ließ auf eine „große Sitzung" schließen, und ein Blick auf die Tagesordnung lehrte, daß allda die Petition betr. die Einrichtung von Sonntags-Gottesdienst, welche die Gemüther so sehr pro et contra, erregt hatte, verzeichnet stand. Die gespannten Erwartungen sollten sich nicht erfüllen infolge eines dringlichen Antrages des Herrn Prof. Lew in, welcher das Büreau zu beauftragen ersuchte, ein stenographisches Protokoll der Sitzungen aufzunehmen und obige Position, welche ihm den Anlaß zu seinem Anträge gegeben, bis zur Anstellung eines Stenographen von der Tagesordnung abzusetzen. Der Vorsitzende, Herr Landsberger, bestreitet nicht die Berechtigung des Antrages und sieht den Erfolg des Antrages darin, daß die Berichte, falls sie anders wiedergegeben sein sollten, nachträglich eine Berichtigung auf Grund des Protokolls erfahren könnten. Herr Rechtsanwalt Apolant erklärt sich nur für den vorliegenden Fall mit dem Anträge einverstanden. Er habe schon das eine Bedenken, daß damit die Position vertagt werden müsse. Es werde damit die Meinung verbreitet, als wollte man sich um die Sache drücken. Er wolle nur für den Antrag stimmen, wenn der veranlassende Titel auf die Tagesordnung gesetzt würde. Der Antragsteller ist mit diesen Modifikationen seines Antrages einverstanden, der damit zur Annahme gelangt. Einen großen Theil der zweistündigen Sitzung nahm noch die Petition betreffs der Errichtung von Synagogen in Anspruch. Der Referent, Herr Oppenheim, rekapitulirte, zunächst die unseren Lesern ja bereits bekannten Daten der Petition, welche am 28. März vorigen Jahres eingereicht worden sei, und die Beschlüsse des Ausschusses III, wonach ad I die Repräsentantenversammlung das Bedürfniß anerkenne und beschließe, daß der Bau mindestens einer Synagoge in Angriff genommen werde; ad II die Wahl geeigneter Bauplätze getroffen und ad III der zweite Punkt in geheimer Sitzung verhandelt werde. Der Punkt I sei in der Sitzung vom 16. Mai v. I. nicht zur Berathung gelangt, nachdem der Kommissar um Absetzung des Titels gebeten, da erst eine Enquete über die Vertheilung der Juden in den einzelnen Bezirken zwecks Bestimmung des Platzes für die Synagoge angestellt werden sollte. Seitdem seien neun Monate ohne jeden Bescheid verflossen. Der Ausschuß III habe nunmehr wieder die Beschlüsse zu den seinigen gemacht und ersuche die Versammlung, ihnen beizutreten. Namens des Vorstandes erklärt Herr Martin Simon die Uebereinstimmung mit diesen Beschlüssen, bittet jedoch die Versammlung, die Angelegenheit bis zur Eröffnung der Lützowstraßen-Synagoge zu vertagen, um erst die hierdurch eintretende Verschiebung abzuwarten. Er sei nicht in der Lage, die Zahlen der Enquete, welche Herr Dr. Lach mann geleitet, zu geben. Während es Herr Oppenheim nicht im Einklang mit den Interessen der jüdischen Gemeinde hält, die Angelegenheit wieder bis zum Oktober zu vertagen, betont Herr Sanitätsrath Jastrowitz, daß die Verschiebung der Plätze durch die Errichtung der Synagoge in der Lützowstraße gar keinen Einfluß haben könne auf die in der Petition gewünschten Synagogen. Es wäre sehr gut, wenn seitens des Vorstandes ein rascherer Geschäftsgang beliebt würde, und es dürfe nicht Vorkommen, daß ganze Beschlüsse vergessen werden können. Herr Leonhard Sachs schließt sich diesen Ausführungen an; es handele sich hauptsächlich um die Errichtung von Synagogen in N., NO. und auch NW., Gegenden, die gar nicht mit der Lützowstraße in Berührung ständen. Der Saal im Friedrichshain reiche nicht annähernd für die Besucher aus, die Kaiserstraße sei überbürdet. Bei der Fortsetzung der Enquete könne noch sicher ein Jahr vergehen. Herr Rechtsanwalt Apolant ist ebenfalls der Ansicht, daß die Eröffnung der Lützowstraßen-Synagoge nichts ändern werde, die Wohnungsveränderungen dauern immer fort. Dann könne man bis zur Errichtung neuer Synagogen noch Jahre lang warten. Inzwischen ist ein Antrag Louis Sachs eingegangen, den Gemeindevorstand zu ersuchen, unverzüglich über die stattgehabte Enquete Bericht zu erstatten. Zur Begründung seines Antrages führt Herr Sachs aus, daß man nur eine Synagoge dorthin bauen dürfe, wo sie nothwendig sei. Die Enquete könne ja auch dahin führen, daß sofort zwei neue Synagogen erbaut werden müssen. Derartige Beschlüsse könnten nur auf Grund von Zahlen gefaßt werden. Nachdem noch Herr Manheimer den Sächsischen Antrag vertreten, bittet Herr Sanitätsrath Jastrowitz, statt des Wortes „unverzüglich" zu setzen „in 14 Tagen". Mit diesem Amendement wird dann der Antrag Sachs mit großer Majorität angenommen. — Den übrigen Theil der Sitzung füllten nur kleinere Vorlagen. Zum geschäftlichen Theil lag ein Schreiben des Vorstandes vor, wonach 6000 Mark eingegangen sind zur Begründung einer Adolf und Klara Jaroslawsky-Stiftung. Der Antrag betreffend Einsetzung eines besonderen, aus 7 Mitgliedern bestehenden Ausschusses zur Vorberathung des Gemeinde-Haushalts- Etats pro 1898/1901, über den Herr Geh.-Rath Blumenthal referirt, erlangte nicht die Genehmigung der Versammlung. Die Herren Manheimer und Leonhard Sachs bestritten dem Anträge jede Bedeutung, da man vollkommen mit dem bisherigen Finanzausschuß auskomme, Herr Rechtsanwalt Apolant ist der Ansicht, daß die Ausschüsse als stehende Einrichtungen der Gemeinde gar nicht in ihren Funktionen außer Kraft gesetzt werden können. Es gelangt zum Schluß ein Antrag Manheimer - Apolant zur Annahme, die Vorberathung des Haushaltungs-Etats dem Ausschuß für Steuer- und Rechnungswesen mit dem Rechte der Kooptation durch drei Mitglieder zu überweisen. Zu den bisherigen neun Mitgliedern des Finanzausschusses werden noch die Herren Rechtsanwalt Apolant, Neufeld und Bodenstein gewählt. — Die Zuwendung des Herrn Julius Grünwald zur Errichtung einer Stiftung bei der Armenkommission in Höhe von 4000 Mark, deren Zinsen am 26. April jeden Jahres Bedürftigen weiblichen Geschlechts überwiesen werden sollen, wird von der Versammlung angenommen. — Die Zinsen des Hertel'schen Legates, der Jeanette Lissauer-Stiftung, des Zerline Helfft'schen Legates sollen gemäß dem Referate des Herrn Isidor Sachs in der bisherigen Weise vertheilt werden. — Als Nachbewilligung werden 5696 Mark gefordert, welche an Mehrausgaben beim Umbau der Synagoge Kaiserstraße entstanden find. — Eine fernere Mehrausgabe ist bei Errichtung des Fahrstuhles im jüdischen Krankenhause entstanden. Bei diesem Titel erhebt Herr Prof. Baginsky Protest gegen das Extrahonorar der Architekten bei Reparaturen. Es wäre dann weit zweckmäßiger, stets einen besonderen Architekten heranzuziehen. Beide Positionen werden darauf von der Versammlung bewilligt. — Es folgt zum Schluß der öffentlichen Sitzung die Mittheilung des Gemeindevorstandes betr. die Kommission zur Vertheilung der Zinsen des Dr. Ep hraim'schen Nachlasses. Referent ist Herr Isidor Sachs. Die steigende Anzahl der Petenten habe die Wahl dreier neuer Gemeindemitglieder in das Kuratorium erforderlich gemacht, und zwar der Herren Theodor Pincus,Emanuel Wolf und Oskar Berlin. Die Studirenden, welche die Ephraimsstiftung in gehöriger Weise belasten, sollen in Zukunft nicht mehr so berücksichtigt werden. Er vermisse im Uebrigen einen Passus, der bei Eintritt einer günstigeren Vermögenslage die Rückzahlung der erhaltenen Summen zur Bedingung macht. Herr Manheimer wünscht, daß der Vorstand nicht so oft wechsele, Herr Prof. Lew in will noch die Zahl der Mitglieder des Kuratoriums wegen der großen Arbeitslast erhöht wissen. Herr Martin Simon ist mit der angeregten Verstärkung des Kuratoriums einverstanden, ist aber entgegengesetzter Ansicht wie Herr Manheimer, da in Wohlthätigkeitsbestrebungen niemals schematisirt werden dürfe, und durch die häufigere Besetzung der Aemter mehr Abwechslung in der Verwaltung statthaben könne. Die Versammlung hat von dieser Mittheilung nur Kenntniß zu nehmen.