Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 6 (11.2.1898)
- Date
- 1898-02-11
- Page
- Seite 71 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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71 Tage hatte fast seinen Sinn verwirrt und ließ ihn jetzt auf allen Schritten Gefahren fürchten. Wie.war seine Wanderung doch mühevoll gewesen, wie hatte er gebangt und sich geängstigt. entdeckt zu werden. Stets war er darauf bedacht gewesen, sich verborgen zu halten und die belebte Heerstraße zu meiden. Und auf dem Schiffe, was hatte es ihm für unsägliche Qualen verursacht, den rohen Unterhaltungen betrunkener Seeleute beiwohnen zu müssen; wahrlich, da erging's ihm noch in den wilden Klüften und den einsamen, menschenleeren Wäldern besser, da war er doch allein und mußte keinen erzwungenen Frohsinn zur Schau tragen, konnte seinen Schmerz ausweinen, die ganze Qual seines zerriffenen Herzens der schweigenden Natur anvertrauen und in heißen Gebeien dem Schöpfer nahen, auf daß er sich seines unglücklichen Volkes erbarme. Endlich aber blinkten von fern die Kuppeln der Stadt, endlich sollte sein Fuß die Stätte betreten, wo jene frommen, auserwählten Männer lehrten, von deren hoher Weisheit sein schlichter Sinn sich Raths erhoffte in der großen Bedrängniß. Die Aufregung beflügelte seine Schritte. Staubbedeckt, in eiliger Hast begab er sich denn ungesäumt auf den Platz zu dem Gebäude hin, in dessen Mauern das hohe Synhedrion tagte. Bescheiden trat er ein und mischte sich unter die Zuhörer. An einem langen Tische saßen die Häupter des Synhedrions, in ihrer Mitte auf erhöhtem Stuhle der Patriarch, Rabbi Gamaliel. Hinter dem Tische hatten die Jünger ihre Plätze eingenommen, und ringsum an den Wänden der riesigen Halle lagerte das Volk. Eben hatte Rabbi Gamaliel eine Diskussion über eine Stelle der heiligen Schrift eröffnet, und Rabbi Akiba hatte sich erhoben, um in beredten Worten seine Meinung kundzugeben, da trat einer der Jünger, an den sich Josua gewendet hatte, an ihn heran und sprach: „Verzieh, weiser Rabban, wenn ich Dich bitte, die gelehrte Disputation zu verschieben und einem Manne Gehör zu schenken, der, von weit hergekommen, Dich in wichtiger Sache zu sprechen wünscht." Der Patriarch neigte zustimmend das Haupt, und seine Blicke sowie die übrigen Gesetzeslehrer wandten sich der Richtung zu, wo jetzt aus der Mitte des umhergruppirten Volkes ein Jüngling trat. „Tritt näher!" gebot Gamaliel, „und künde mir Dein Begehr. Wer bist Du, und woher kommst Du?" Mit einer ehrfürchtigen Verneigung war der junge Mann herzugetreten, und mit leiser, vor Erregung zitternder Stimme begann er seine Rede. „Fern von hier, von der Stätte, die durch Eueren hohen Wohnsitz und durch den Sitz des heiligen Synhedrion für alle Stämme Israels ein Ort der Verehrung ist, von den Ufern des Tiber, dort, wo unser Volk in der Unterdrückung der Heiden schmachtet, herrscht, wie Du weißt, o Rabbi, Domitianus, der Sohn Vespasians, der Bruder jenes Gottlosen, dessen Name Dein heiliges Ohr nicht vernehmen soll. Ein wüster, zügelloser Tyrann, unterdrückt er sein Volk und verfolgt mit harten Steuern und bösen Strafen unsere Glaubensbrüder. War unser Loos bisher unter seiner grausamen Herrschaft ein unerträgliches, so naht uns jetzt das Härteste, die Vernichtung! Aufgestachelt durch böse, uns feindlich gesinnte Angeber, gierig nach unserem sauer erworbenen Eigenthum, in thierischer Sinnenlust entbrannt nach den Töchtern Judäas — laß mich, o weiser Mann, mein Haupt verhüllen und meine Schmach verbergen — nach meiner Schwester Jobäa, die der Allmächtige vordem Tyrannen schützte, hat Domitian beschlossen, unser Volk dem Tode zu weihen. In der nächsten Senatssitzung soll der Beschluß gefaßt werden, der die Juden vertilgen soll. Sie stellen dem Cäsar nach dem Leben, so künden es die Sterne aus dein Munde eines verruchten Baalspriesters — und darum sollen sie es mit dem Tode büßen, Alle, Alle sind dem grausamen Ende geweiht. Alle. Alle, die frommen Männer, die gottesfürchtigen Frauen, unsere reinen Jungfrauen, sie alle werden dem Flammentode preisgegeben oder den wilden Bestien in der Arena zum Fräße vorgeworfen. Der Cäsar aber und sein lasterhafter Hof, sie werden sich an dem blutigen Schauspiel ergötzen und sich an den Martern weiden, die das unschuldige Volk Israels erdulden wird. Darum, o hoher Patriarch, und Ihr, hochweise Rabbinen, bin ich Euch in Ehrfurcht genaht, um beim hohen Rathe des Synhedrion Schutz und Errettung zu suchen aus der Hand der Mörder!" (Fortsetzung folgt.) — Max Ring: Erinnerungen. Zwei Bände. Berlin, Concordia Deutsche Verlags-Anstalt. 1898. Ein höchst werthvoller Beitrag zur Memoiren-Litteratur, aber auch gleichzeitig eine sehr unterhaltende Lektüre. Der treffliche Dichter, dessen achtzigster Geburtstag im Sommer 1897 von Presse und Publikum so freudig mitgefeiert wurde, erzählt uns hier den Roman seines Lebens, eine Schilderung der eigenen Schicksale, der Zeiten und Menschen, in jedem Zuge wahr und eben darum wie eine spannende Dichtung anmuthend. Die Fülle der Begebenheiten, an denen Ring thätigen Antheil nahm, vermögen wir hier nicht zu verzeichnen und vollends hieße es fast alle berühmten Politiker, Dichter, Gelehrten und Künstler Deutschlands seit fünfzig Jahren auszählen, wenn wir jene bedeutenden Zeitgenossen nennen wollen, von denen er hier aus eigener Anschauung erschöpfende Charakterbilder, aber auch tausend kleine Züge giebt. Nur das Wichtigste sei hier heroorgehoben. Ring schildert zunächst seine Kinderjahre in einem jüdischen Hause in einem kleinen schlesischen Marktflecken, wo er 1817 geboren wurde, dann seine Gymnasialzeit in Ratibor und Gleiwitz. Es ist ein fremdes und seltsames Leben, in das wir blicken, ein Gemisch deutscher Halbkultur und slavischer Unkultur. Daneben wird uns eine Reihe interessanter Porträts vorgeführt. Unter dem gleichen Gesichtspunkte, als wichtiger Beitrag zur Kulturgeschichte des deutschen Ostens wie zur Charakteristik berühmter Persönlichkeiten, verdient der Abschnitt über die Breslauer Studentenjahre Hervorhebung. Besonders Neues und Interessantes bringt dieser Abschnitt über Ferdinand Lassalle. Ring brachte dann seine medizinischen Studien auf der Berliner Universität 1838—1840 zum Abschluß. Sein liebenswürdiges Naturell und sein poetisches Talent brachten ihn schon hier in die vornehmsten Kreise der preußischen Residenz. In anderer Weise vermag uns die Schilderung der Jahre zu interessiren, die Ring dann bis 1848 als Arzt in Oberschlesien verbracht hat. Land und Leute werden überaus lebendig geschildert; ein erschütterndes Kapitel erzählt uns die Katastrophe des oberschlesischen Hungertyphus. Sehr intensiv war der Antheil, den Ring an den Ereignissen von 1848 nahm. Dieser Antheil brachte ihn wiederholt in Lebensgefahr und zog ihm dann, nachdem der Sturm verbraust war, schwere polizeiliche Verfolgungen zu, so daß er schließlich, auch hiervon abgesehen, daß ihn sein Herz dazu zog, fast nothgedrungen neben der ärztlichen Thätigkeit die des Schriftstellers pflegen mußte. Auf beiden Gebieten war Ring in Berlin seit' 1850 thätig; gleichzeitig als Hausarzt Varnhagens und anderer Führer des litterarischen Berlin, daneben als ihr Kollege und selbst Dichter und Schriftsteller. Nur diese eigenthümliche Stellung macht die Fülle der intimen Beziehungen Rings zu fast allen berühmten Männern und Frauen, die in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts in Berlin eine Rolle gespielt, erklärlich. Varnhagen und sein Kreis, Alexander von Humboldt, die Führer der preußischen Freiheitsparteien, die Schriftsteller von Gutzkow und Auerbach bis herab zu den Dichtern, die heute wenig mehr genannt sind, Volkswirthe, Beamte und Militärs, Theaterdirektoren, Schauspieler und Schauspielerinnen, sie alle, alle hat Max Ring genau gekannt und weiß ihr Bild lebensvoll und anziehend vor uns hinznstellen. Litterarifthe Mittheilungen.