Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 6 (11.2.1898)
- Date
- 1898-02-11
- Page
- Seite 70 (sequence 10)
- Language
- German
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70 EUILLETON -juif&L^L Aus bangen Tagen. historische Erzählung aus der römischen Uaiserzeit. Bon Carl Griot. (Fortsetzung.) nwillig wehrte Domitian mit der Hand ab. „Ich fürchte nicht," entgegnete er, „dieses Gefühl kenne ich nicht. Aber weißt Du nicht, daß selbst gegen Zeus, den Herrn der Götter, einst frevlerische Unholde die Faust erhoben, um ihn von seinem Göttersitze hinab in den Hades zu stürzen? Und was Zeus oben über den Wolken, das bin ich auf Erden. Und ich weiß es: auch mir stellen Frevler nach, Verworfene trachten nach meinem Leben —" „Herr," unterbrach ihn mit lebhafter Geberde Flavius Clemens, „glaube nicht, was Deine Höflinge in schurkischer Absicht —" „Schweig!" rief Domitian mit Donnerstimme. „Du irrst." " fügte er dann, Plötzlich milder werdend, hinzu. „Du irrst, wenn Du glaubst, meine Höflinge hätten irgend welchen Einfluß auf mich. Ich hole meine Entschlüsse aus der eigenen. Brust, und der Einzige dessen Rath ich befolge, bin ich selbst!" „Verzeihe, wenn ich Deinen Unwillen hervorries, Cäsar. Daß Du keinem fremden Einfluß unterliegst, weiß ich wohl selbst, und weiß alle Welt, aber wie kannst Du Kenntuiß davon haoen, daß Frevler Deiner erhabenen Person nach dem Leben trachten?" „Ich habe Kenntniß davon; und das genüge Dir. Freilich) bei den Zusammenkünften der Verschwörer war ich nicht. Aber ich kenne die Menschen. Die drohenden Augen des Einen, die zuckenden Mundwinkel des Anderen sagen mir mehr als die längsten Berichte meiner Spione. Draußen im Wartesaal stehen sie alle, die Träger erlauchter Namen, und warten, bis ich sie eines Grußes würdige und die Schwüre ihrer unendlichen Ergebenheit über mich ergehen lasse; und im Innern zürnen sie sich selbst ob ihrer Feigheit, daß Keiner von ihnen wagt, den Dolch gegen mich zu erheben! O unheilvolles Geschick der Fürsten, daß man an Verschwörungen gegen uns erst glmlbt, wenn wir ihnen erlegen sind!" Es trat eine Pause ein, während welcher der Kaiser, hochrothen Gesichts, mit starken Schritten im Gemache ans und abschritt. Dann wandte er sich mit ruhigerer Stimme wieder an seinen Vetter. „Es ist eine dringende Gefahr, wegen welcher ich mit Dir sprechen wollte, Flavius Clemens. Durch die Götter selbst, die mir und meinem Reiche gnädig sind, habe ich vernonimen, daß mein Leben von einem verruchten Volke bedroht wird, von den Juden." „Von den Juden!" schrie Clemens auf, und tödtlicher Schreck malte sich in seinen Zügen, „von den Juden?" „Ich begreife Deinen Schrecken," entgegnete Domitian, sichtlich gerührt von dem Eindruck, den die Nachricht auf Clemens geübt hatte. „Ja, lieber Vetter, mein Leben ist bedroht, und zwar von dem Volke, das mein nun Gott gewordener Vater in den Staub geworfen hat, von den Juden. Die Götter haben es mir durch ihren Priester, Ascletarion, kund gethan." „Ascletarion?" siel Clemens, der sich inztvischen gefaßt hatte, ein. „Vertraust Du ihni?" „Unbedingt. Du weißt, was ich ihm verdanke. Hätte er nicht als auserwähltes Werkzeug der Hinimlischeu mir einst das Leben gerettet, so weilte ich jetzt im Hades und nicht im kaiserlichen Palastc. Und auch später hat er mir den Willen der Götter stets richtig gedeutet." „Doch vergieb, Herr, wenn sich diesmal doch Zweifel an seiner prophetischen Gabe in meiner Brust regen. Wie? Von den Millionen Deiner Unterthanen sollen die Geringsten, die Schwächsten sich einer That vermessen, zu der, wie Du selbst sagst, die Vornehmsten und Tapfersten zu feige sind? Zeige mir das jüdische Heer, das uns gefährlich werden könnte! Oder glaubst Du, der Patriarch der Juden werde seine Gesetzesbücher ins Meer werfen und, ein zweiter Hannibal, mit Mannen und Rossen gegen Rom ziehen?" „Du spottest vergeblich, Clemens. Oft schon sind gerade die Verachtetsten den Mächtigen gefährlich geworden. Mögen die Juden noch so wenig zu scheuen sein: Ascletarion las in den Gestirnen, daß sie mir gefährlich sind, also werde ich sie vertilgen." „Herr, gedenke —" „Schweig! Ich habe beschlossen, sie zu vertilgen, und was ich beschlossen habe, ich führe es durch!" „Willst Du Tausende hinrichten lasten, Dich mit Haß beladen-?" „Kein Wort mehr," unterbrach ihn heftig Domitian, „bei meiner Ungnade! Wage es nicht mehr, gegen meinen Rathschluß Deine Stimme zu erheben! Schon lange sind mir diese Juden mit ihrer frechen Verleugnung meiner Göttlichkeit verhaßt: jetzt sind sie mir auch gefährlich; aus ihrer Mitte ist meine Majestät das erste und ohne Zweifel das letzte Mal in meinem Leben in empörender Weise beleidigt worden; und schließlich, ich will mein Reich um Dacien vergrößern — ich brauche Geld!" Flavius Clemens kannte seinen Vetter genau genug, um zu misten, daß jetzt jede weitere Einrede nur verderblich wäre.' 'Er schwieg in der Erwartung, sogleich entlassen zu werden, aber Domitian schritt freundlich lächelnd auf ihn zu und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Theurer Vetter," begann er, „Du sagtest vorhin, ich würde mich mit Haß beladen, wenn ich so viele Tausende ins Verderben stürzte. Nicht wahr, so war es doch?" „Gewiß, Cäsar, das ist meine feste Ueberzeugung," ries Clemens freudig erregt aus, „und so laß Dich noch einmal —" „Schon gut," unterbrach ihn Domitian, „vielleicht hast Du Recht. Man würde mich grausam nennen, einen zweiten Nero — und das darf nicht sein! Die Römer sollen ihren Kaiser lieben, sie sollen wissen, daß ich ein edles Herz habe und selbst das Blut meiner Feinde nicht vergießen mag. Darum wird der Beschluß, die Juden zu vernichten, vom Senate gefaßt werden, und Du wirst ihn beantragen. Geh'." VI. Durch das Thor von Jabneh schritt müden, schleppenden Ganges ein Jüngling. Er mußte wohl von weit Herkommen und auch lange Fußwanderungen gemacht haben, denn seine Kleidung war über und über mit Staub bedeckt, sein Haar verwildert und sein Bart zerzaust. In seinem bleichen Angesicht zeigten sich die Spuren der Ermüdung und der mannigfachsten Entbehrungen. Unstät und wirr blickte feilt Auge um sich, ab und zu spähte er nach der Seite, gleichsam als fürchtete er, verfolgt zu werden. Dann aber athmete er wie befreit auf. Wie mochte er nur an Verfolgung denken, hier in den Mauern der heiligen Stadt. Hier war er ja geschützt und sicher vor Gefahr. Die Angst der letzten i