Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 6 (11.2.1898)
- Date
- 1898-02-11
- Page
- Seite 68 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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——- 68 - ' :' Sühnopfer in allen anderen Fällen zu bringen. (Maimonides JllUtP "n —12, 1.) Jeder Stamm ein Sühnopfer! Wie viel Opfer müßte heute Frankreich bringen, nachdem es diesen verhängnißvollen Jrrthum begangen, Millionen und Millionen Menschen durch sein gerichtliches Urtheil irre geführt, einen wahrscheinlich unschuldigen Menschen eines schweren Verbrechens bezichtigt und eine angesehene, ehrenhafte Familie ins Elend, ins Unglück gestürzt! Warum, fragt die jüdische Tradition, ist der jüdische Staat zu Grunde gegangen, warum hat das jüdische Volk seine Selbständigkeit verloren? Und die Antwort lautet, weil das Volk sich jeder Zurechtweisung verschlossen, weil sie das Wort der Zurechtweisung gering geschätzt und mißachtet haben. (Sabbath. 119 b.) Und gilt das nicht vom heutigen Frankreich ebenfalls? Wenn die edelsten Männer, die lautersten Charaktere, die intelligentesten Köpfe, die bewährtesten Patrioten, wie Scheurer-Kestner, Emile Zola u. s. w., ihre Stimme erheben, Frankreich warnen und beschwören, einen gemachten Fehler wieder gut zu machen, und sie taub bleiben gegen die Zurechtweisung solcher Männer, ihr Ohr verschließen dem mahnenden Worte solcher Persönlichkeiten, ja dieses Wort verhöhnen, verspotten; wird ein solches Volk nicht selbst zum Verräther an sich? Das Kriegsgericht hat Dreyfus als Verräther verurtheilt. Aber wir fürchten: Nicht Dreyfus, sondern Frankreich ist sein eigener Verräther! Es verräth seine zahllosen Schwächen, seine moralischen Gebrechen, es verräth seine Ohnmacht an allem, was einem Volke Würde und Majestät verleiht. Das jüdische Gesetz lehrt: Wenn der Gerichtshof sich in seinem Urtheil geirrt, das Volk aber weiß, daß sich der Gerichtshof geirrt, und trotzdem int Sinne des Gerichtshofes handelt, da wird ein Sühnopfer nicht angenommen, denn das ist Muthwille und nicht mehr Jrrthumi (Maimonides rnjjtp "rt 13, 6.) In diesem Falle befindet sich Frankreich. Ganz Frankreich weiß/ daß sich der Gerichtshof geirrt, sehr Viele sind der festen Ueberzeugung, daß Dreyfus mit Unrecht verurtheilt worden ist. Wenn nun das Volk trotzdem glühende Kohlen auf das Haupt jenes unglücklichen Mannes sammelt und die Revision des Prozesses verhindert, dann giebt es keine Sühne, dann bewährt sich wieder an Frankreich das ernste Wort des Propheten Jeremia: „Und ich dachte, nur die Gemeinen sind es; die sind bethört, weil sie nicht kennen den Weg des Ewigen, die Gerechtigkeit ihres Gottes. Ich will doch zu den Großen gehen und will mit ihnen reden, denn sie kennen den Weg des Ewigen, die Gerechtigkeit ihres Gottes. Doch sie allzumal haben das Joch gebrochen, die Bande zerrissen, denn viel sind ihrer Missethaten, zahlreich ihre Fehle!" (Jeremia 5, 4—6.) Volks- und Familienfeste in Alt-Israel. Bon A. Levy, Berlin. 1. ei der Betrachtung der Geschichte des Volkes Israel sind wir gewöhnt, dieselbe hauptsächlich unter dem Gesichtspunkte ihrer weltgeschichtlichen Bedeutung anfznfafseii: als diejenige eines Volkes, welches bestimmt war, der Welt die Erkenntniß des einzigen Gottes zu übermitteln. Daher hat diese Geschichte zunächst nur Werth für uns als die der religiösen Entwickelung der Menschheit. Dieselben Rücksichten scheinen auch zu der Zeit obgewaltet zu haben, als die klassischen Schriftwerke Israels gesammelt wurden, so daß in den Kanon der heiligen Schriften — mit wenigen Ausnahmen — nur diejenigen Aufnahme fanden, die eine religiöse oder religionsgeschichtliche Bedeutung hatten, die anderen aber eliminirt wurden und größtentheils dadurch verloren gegangen sind. Wie uns infolgedessen aus denr Alterthume über die politischen Verhältnisse Israels sowie über die Entwickelung der Religionsbegriffe desselben die zuverlässigsten und ausführlichsten Nachrichten überkomnien sind, so hat auch die spätere Forschung in der. Beschichte und in den Schriften unserer Vorfahren vorzüglich nur diese zwei Punkte in Betracht gezogen, und so hat sich denn wohl im Ganzen und Großen in uns ein einseitiges Bild festgesetzt, als ob Israel nur religiöse und politische Interessen gekannt hätte. Wenn nun auch nicht zu leugnen ist, daß, wie bereits erwähnt, der Beruf Israels war, die religiöse Erkenntniß in sich zu entwickeln und unter die Völker zu tragen, so war sich doch das Volk als solches, so lange es »och eine selbständige politische Gemeinschaft bildete, dieses Berufes keineswegs bewußt — ebenso wenig wie die Griechen, daß sie der Nachwelt den Begriff der Schönheit und der wahren Kunst zu überliefern hatten, oder die Römer, daß sie für alle Zeiten die Schöpfer des Rechtsbegriffes sein sollten. Im altisraelitischen Volksleben spielte wohl die Religion eine bedeutende Rolle, aber sie war in demselben gewiß kein größerer Faktor als im politischen Leben der übrigen Kulturvölker der antiken Welt. Denn bei allen alten Völkern war die Religion mit dem Staatsleben so innig verknüpft, daß beide von einander getrennt kaum gedacht werden konnten; überall wohl durchdrang sie auch mehr oder weniger das Leben jedes Einzelnen, seine gesammte Lebensführung — es bestand nur der eine Unterschied, daß der heidnische Staat, wenn er politische Fremdkörper in sich aufnahm, auch deren religiöse Anschauungen übernehmen und mit seinen eigenen ursprünglichen assimiliren konnte, während das Judenthum seinem inneren Wesen nach gegen jede Vermengung mit fremden religiösen Begriffen sich durchaus ablehnend verhalten mußte. Da nun bei den anderen Völkern des Alterthums uns deren Religion und religiöse Entwickelung nur als einer von vielen gleichwerthigen Punkten interessirt, so ist es ganz natürlich, daß wir den sonstigen Momenten in deren Volksleben die gleiche Aufmerksamkeit zuwenden und dadurch ein, wenn auch entfernteres, so doch vollständigeres Bild von ihnen uns zur Vorstellung bringen können, während bei dem Volke Israel, welches ja durch unser größeres Interesse für dasselbe uns bedeutend näher gerückt ist, das religiöse Moment so sehr überwiegt, daß wir für Anderes kaum noch ein Auge haben, ja vielleicht gerade, weil dessen Bild uns so nahe gerückt ist, wir es nicht zu übersehen und die Größenverhöltniffe des Dargestellten zu einander richtig kaum abzumeffen vermögen. Die Entwickelung des Gottesbegriffes im Menschen von den Uranfängen an bis zur größtmöglichen Vollkommenheit, das ist es. was wir aus der Geschichte des Volkes Israel herauslesen, aus ihr erforschen wollen, darüber belehren uns seine Propheten und Sänger, darüber belehrt cs selbst uns, wenn auch unabsichtlich, da, wo es auf den Markt des Lebens hinaustritt, wo es sich im Kampfe ums Dasein mit anderen Völkern mißt. Aber auf der Bühne der Weltgeschichte erscheinen uns die Völker anders als im stillen Leben am häuslichen Herd, draußen auf dem Markte anders als daheim bei Weib und Kind. Dieselbe Person ist als der welterobernde römische Krieger unter dessen stampfenden Fußtritten der Erdboden erzittert, ein Anderer, als der hinter dem Pfluge einherschreitende latinische Bauer oder der die friedliche Schalmei blasende sabinische Hirt.