Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 6 (11.2.1898)
- Date
- 1898-02-11
- Page
- Seite 67 (sequence 7)
- Language
- German
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häuslicher Gebete. Der Zionismus ist insofern nicht jünger als die Vertreibung der Juden aus ihrem Stammlande. In verschiedenen Zeitläuften erhielt er prägnanten Ausdruck durch Bewegungen, die auf die Rückkehr der Juden nach Palästina abzielten. Wenn auch die Bewegungen, wie leicht begreiflich, fruchtlos waren, so hat deshalb der zionistische Gedanke an Lebhaftigkeit nichts eingebüßt. Kein Wunder auch! Das, was die Individualität des jüdischen Volkes ausmachte, ist trotz Exils und Zerstreuung unbeeinträchtigt gebliebene Nach wie vor ist Israel der Träger der Idee der Gotteinheit und der daraus resultirenden Idee der Verbrüderung der Menschheit; es war seine portans secum auf dem schwanken Schiffe seiner Existenz mitten in den es umbrausenden Wellen der Verfolgung und Bedrückung. Mit dem Bewußtsein einer solchen hehren Mission hängt es nun zusammen, daß der zionistische Gedanke in der Brust des Volkes tiefe Wurzel schlug. Wie sollte dies anders sein wenn der Pulsschlag dieses Bewußtseins ungeschwächt in ihm oscillirte! Ueber das Wesen der Restaurirung Zions bestanden hingegen von jeher differirende Auffassuiigen. Während die Einen es in dem Erscheinen eines persönlichen Erlösers erblickten, der das jüdische Volk aus der Diaspora zurückführen wird in das Land seiner Väter, sprachen sich Andere, und zwar erleuchtete Geister, dahin aus, daß die Messianität nicht in der physischen, sondern in der g e istig en Erhebung ihre Manifestation finden wird. Ja, der Talmud hält die Hiskianische Zeit für eine messianische, weil sie eine aufgeklärte war. In der That muß man sich der zweiten Auffassung Hinneigen, wenn nian sie zusanimenhält mit der historischen Mission des Judenthums nach außen hin. Wird diese verwirklicht und „folgen", um mit des Propheten Wort zu reden, „Völker deinem Lichte und Könige deinem Strahlenglanze", das heißt, um ebenfalls mit demselben Propheten zu sprechen, „daß nichts Böses und Verderbliches geschieht, weil die Erde erfüllt ist von der Erkenntniß des Ewigen, wie Wasser das Meer bedecken", dann hat Zion seine Erlösung gefunden in der herrschenden Gerechtigkeit. Dieser Prozeß ist noch nicht zu Ende; daß er aber ein solches finden wird, mriß im Interesse der Menschheit geglaubt werden. Nicht ewig kann und wird die Menschheit in den Sklavenketten beklagenswertster Kurzsichtigkeit, Engherzigkeit, Leidenschaftlichkeit und niedriger Instinkte liegen; die Stunde der Freiheit wird für den menschlichen Geist schlagen, und erheben wird er sich über alles, was niedrig und gemein, unsittlich und unrecht ist. Mit der Messianität der Menschheit wird die Zions gekommen sein; bis dahin hat es aber an seiner eigenen und der Messianität der Menschheit ehrlich und emsig mitzuarbeiten! Auf die zionistische Bewegung der Gegenwart komme ich nächstens zurück. Ner Fall Nreyfus im Lichte der jüdischen Gesetzgebung. Von Rabbiner Dr. Kohn in Jnowrazlaw. III. treffet umher in den Straßen Jerusalems und sehet doch zu, ob Einer ist, der Gerechtigkeit übet, Wahrheit suchet, und ich tvill ihr verzeihen! Ewiger, sind Deine Augen nicht auf Wahrheit gerichtet? Du schlägst sie, sie fühlen es nicht, Du vernichtest sie, sie wollen keine Zucht annehmen, sie machen ihr Angesicht trotziger als der Fels, sie wollen nicht umkehren." (Jeremia 5, 1—12.) Also klagte vor dritthalbtausend Jahren der unglückliche Prophet Jeremia, der eines der intelligentesten und angesehensten Völker von der höchsten Höhe in die; tiefsten Tiefen sinken, eines der schönsten und gesegnetsten Länder zerstört, verwüstet, von Feindeshand in einen Trümmerhaufen umgewandelt, die Sonne der Freiheit untergehen und die grauenvolle Nacht der Sklaverei an ihre Stelle treten sah. „Weißt du, unglückliches Israel," ruft der klar und tief schauende Seher, „warum dich dieses schwere Unglück getroffen, warum du so tief gesunken, warum du deiner einstigen Macht und Stärke entkleidet und Alles mit Geringschätzung und Verachtung auf dich herniederblickt?" „Sehet doch, ob Einer ist, der Gerechtigkeit übet, Wahrheit suchet, und ich will ihr verzeihen!" Ein Staat, in dem die Quellen der Gerechtigkeit nicht mächtig sprudeln, nicht den Boden des Volkslebens bewäffern und befruchten, ein Volk, in dessen Mitte der Baum der Wahrheit nicht blüht und Frucht trägt, dieser Staat ist dem Untergange geweiht, dieses Volk hat sich aller Würde begeben und das Kainszeichen der Unsittlichkeit mit eigener Hand auf die Stirn gedrückt. Und gilt dieses ernste Prophetenwort nicht von dem einst so stolzen, ruhmreichen und jetzt so tief gedemüthigten Frankreich? Gilt es nicht von dem einst so beneidens- und jetzt so bedauernswerthen Paris, in besten Mitte Akte der Willkür und der Barbarei, wie die gegen die Juden begangenen, möglich geworden? „Du schlügst sie, sie fühlen es nicht, Du vernichtest sie, sie wollen keine Zucht annehmen, sie machen ihr Angesicht trotziger als der Fels, sie wollen nicht umkehren." (Jeremia 5, 2.) Glaubt man nicht, daß dieses Wort wie für das hartgeprüfte, unverbesserliche Frankreich geschrieben ist? In welch furchtbarer Weise hat sich dieses Schriftwort an Frankreich bewährt! Nach den Deinüthigunge», die ihm ob seines frevelhaften Hochmuths im Angesicht aller Welt geworden, hätte man geglaubt, daß es geläutert, voll Selbsterkenntniß und Bescheidenheit, voll Wahrheit und Gerechtigkeit aus diesem unglücklichen Kampfe hervorgehen, seine alten Fehler ablegen und sich zu neuem Leben rüsten werde; und siehe da, sie wählen sich, wie das alte Israel es vor Jahrtausenden am Versöhnungstag gethan, sie wählen sich einen jüdische» Offizier zum „Sündenbock", laden alle Schmach, die sie erfahren, auf das Haupt dieses unglücklichen Mannes, degradiren ihn, reißen ihm die Epauletten von den Schultern und schicken ihn „für Asasel in die Wüste", ganz nach Vorschrift: „Und der Bock trage auf sich alle ihre Vergehungen in ein ödes Land" (3. B. M. 16, 22), und Frankreich ist gesühnt und — die alte' Glorie umstrahlt wieder das Haupt Frankreichs wie zuvor! Und durch diese That, begangen an einem Mitgliede der Armee, soll das Ansehen der Armee gehoben, der Ruhm und Glanz dieser Armee gefördert werden. Armes Frankreich! Kennen die Franzosen so wenig das alte und das neue Testament? Kennen sie nicht den Spruch Hillels, den Spruch Jesus: „Was dir unlieb, unerwünscht, das thue auch einem Andern nicht!" Wie war ihnen denn zu Muthe, als man ihnen gleichsam die Epauletten von den Schultern gerissen, als sie das Schwert Frankreichs, in tausend Stücke zerbrochen, zersplittert auf dem Boden, als sie ihre Fahnen, das Ehrenkleid Frankreichs, in Fetzen zerrissen sahen, und sie selber, die stolzen Söhne des stolzen Frankreich, als arme, elende „Gefangene" in fremdem Lande schmachten mußten? Ist den Franzosen das Geschick Dreyfus' etwa fremd? Haben sie die Bitterkeit desselben nicht selber bereits gekostet? Die jüdische Gesetzgebung lehrt: jWemi der Gerichtshof sich in seinem Urtheile geirrt und das Volk, durch dieses Urtheil irre geführt, sündigt, dann hat dieses Volk zwölf größere und zwölf kleinere Sühnopfer in dem einen (Götzendienst) und zwölf