Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 6 (11.2.1898)
- Date
- 1898-02-11
- Page
- Seite 66 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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(Kap. 36—37), die den Schülern schon aus 2. Könige 16 (Kap. 18) bekannt sind, und Abschn. 24 und 28 (Kap. 29 und 33). Auch in dieser kritischen Zeit bleibt Jesaja furchtlos und voller Zuversicht. Er zieht gleichsam nur das Fazit aus seiner ganzen Lebensarbeit: was er von Anfang an angestrebt hat, die Erhaltung eines Restes von Frommen, es muß sich erfüllen; in unerschütterlicher Ruhe und Festigkeit spricht er es aus: „aus Jerusalem wird ein Ueberrest hervorgehen" (31, 32 — Kap. 37, 32). Und indem ihm dieser Ueberrest und Jerusalem selbst zu einem Begriffe verwachsen, kommt er zu der Schlußfolgerung.- Jerusalem kann überhaupt nicht zerstört werden. „Deine Augen werden Jerusalem sehen als ruhige Wohnung, als Zelt, das nicht verrückt, dessen Pflöcke nimmermehr herausgezogen werden, von dessen Seilen keines losgerissen wird" (28, 13 --- Kap. 33. 20), denn Gott spricht: „Ich werde diese Stadt beschirmen und sie erretten um meinetwillen und meines Knechtes David willen" (31, 35 Kap. 37, 35). Der Gang der Ereignisse hat dem Propheten Recht gegeben: wie durch ein Wunder zogen die Assyrer vor Jerusalem unverrichteter Sache wieder ab. Aber schwerlich wird Jesaja geahnt haben, welch heillose Verwirung jener inhaltsschwere Satz von der Unzerstörbarkeit Jerusalems in den Köpfen seiner Zeitgenossen und des kommenden Geschlechts anrichten sollte. Er hat damit Micha und noch mehr Jeremia sehr viel Arbeit gemacht. Am Schluffe der Lektüre — Abschn. 33 (Kap. 39) muß noch kurz erwähnt werden — ist noch festzustellen, daß die Abschnitte 34 (Kap. 40) bis zum Ende des Buches nicht von Jesaja stammen, sondern einen gegen Ende des Exils lebenden Propheten zum Verfasser haben. 6. Verdienst Jesajas. Die Hoffnungen, zu denen die von Hiskia angeordnete Reform des Kultus berechtigte, erfüllten sich nicht. In der 55jährigen Regierung seines Nachfolgers Manaffe erfolgte eine gewaltige Reaktion. Die religiösen und sittlichen Zustände im Lande waren schlimmer als je zuvor (2. Kön. 19 --- Kap. 21). In dieser trüben Zeit hatte die von Jesaja geschaffene Gemeinde der Frommen die Probe auf ihre Glaubenstreue zu bestehen : sie war es. welche die Religion rettete und sie in den Herzen ihrer Anhänger so fest begründete, daß sie durch den Untergang des Reiches und die Verbannung nicht berührt wurde. Während mit dem Untergänge des Zehnstämmereiches Israel spurlos verschwindet, wird in Juda nur der Staat, das Volk als solches vernichtet, die religiöse Gemeinde aber dauert fort. Das ist das Verdienst Jesajas. Zionismus. Von Emanuel Baumgarten. faß ich es nur gleich sage: Ich glaube an die Wiederkehr entschwundener Zeiten, an die Wiedergeburt von Dingen und Verhältniffen, die in das Grab der Vergangenheit gesunken sind. „Was gewesen rst, das wird sein; was geschehen ist, das wird geschehen: Es giebt nichts Neues unter der Sonne. Es giebt Manches, von dem man sagt: „Sieh', das ist neu! — es ist längst gewesen in Zeiten, die uns vorangegangcn sind." So läßt Kohelet sich vernehmen. Die Welt der Erscheinungen bildet einen eireulus vitiosus. Die Gebilde der Natur wie die der Geschichte bewegen sich in einem ewigen Kreisläufe. Wie die Leviten in der Tempelwache kommen und gehen sie, um wieder z» kommen und wieder zu gehen. Sie lösen sich auf dem Schauplatze alles Seins gegenseitig ab und erscheinen auf der Bildfläche, wenn die Reihenfolge sie trifft. Sie sind wie Zwillinge im Mutterleibe, von denen der eine Theil an die Ferse des anderen sich hängt. Scheinbar nicht selten gegensätzlich, verbindet sie doch ein innerer Zusammenhang. Fäulniß und Wachsthum, Verwesung und Leben, Vergangenes und Kommendes, Nacht und Tag sind fest an einander geschmiedet, Ringe einer und derselben Kette. Die Verschiedenheit ihrer Erscheinungsformen stört niit Nichten die Evidenz ihrer Zusammengehörigkeit, liegt doch eben in der Metamorphose die untrügliche Legitimation für die Nachfolge von Objekten, die vorangegangen sind. Nicht anders verhält es sich mit den Gebilden der Geschichte. Aus dem Boden der geschichtlichen Entwickelung entstehen Gestaltungen, die im Laufe der Zeiten inmitten konkurrirender, nach Geltung ringender Kumulativ-Erscheinungen zu Selbstexistenzen sich durcharbeiten. Mit Rücksicht auf die ihr Wesen kennzeichnende Eigenart nennen wir sie historische Individualitäten. Sie steigen wie alles zeitlich Gewordene auf der Stufenleiter vorhandener Existenzen auf und nieder und haben ihre Perioden der Evolution und Revolution, des Auf- und Niederganges. Auf diese Weise entstehen und vergehen Völker und Nationen, Staaten und Reiche. Aber ihr Verschwinden ist kein Versinken in den Orkus, vielmehr entstehen an ihrer Stelle, gleich dem Phönix aus der Asche, neue Gebilde. Dieser Vorgang ist, ich möchte sagen, die Metempsychose in der Welt der Ereignisse, wie wir ihn im Wirthschaftsleben der Natur als Metamorphose kennen. Roni und Griechenland haben ihre staatliche Existenz eingebüßt, aber das, was ihren Lebensodem, ihre Seele ausmachte, ist in andere historische Individualitäten übergegangen, es hat darin gewissermaßen eine Wanderung stattgefunden. Ob aber diese Staaten, wenn auch in veränderter Gestaltung, nicht wieder auferstehen werden, gehört zu den Mysterien des in der Welt der Geschehnisse herrschenden pragmatischen Kausalnexus: Wie im Einzel-, so gilt aber auch im Völkereben der axiomatische Grundsatz: Der Schmied und Meister seines Geschickes ist man selber. Wenn man nicht aufgegeben werden und bleiben soll, darf man sich selber nicht aufgeben. * Der aphoristische Charakter meiner Artikel bedingt, daß ich es bei bloßen Hinweisungen und Andeutungen bewenden lasse und darauf verzichte, mich in weitläufige Expositionen einzulaffen. Es war mir lediglich darum zu thun, zur Erhärtung der vom biblischen Schopenhauer, Kohelet, ausgesprochenen, oben angeführten Sentenzen Wahrnehmungen in der Natut und Geschichte ins Feld zu führen, zu welchem Zwecke die vorangegangenen Zeilen genügen dürften. Ich gehe nun auf mein Thema über, auf den Zionismus. Lassen wir als pars pro toto Zion als Bezeichnung des bestandenen jüdischen Reiches gelten und sagen somit: Zion ist nicht mehr. Sein staatlicher Bestand ist vernichtet, sein Stammvolk versprengt, in allen Weltgegenden sind seine Bestandtheile zu finden. Die fast 2000jährige Dauer dieses Zustandes hat es jedoch nicht vermocht, das Band der Zusammengehörigkeit, welches die Bekenner des Judenthums umschlingt, zu zerreißen. Die Gemeinsamkeit der Abstammung, der Religion und des Schicksals bildet den dreifach gezwirnten und deshalb unlösbaren Faden, wie die Erkenntniß, daß nur in dem Maße, als die Theile nach dem Ganzen gravitiren, sie im politisch-sozialen Leben der Völker als Faktoren galten, für dieses Gewebe den Kettenschuß abgiebt. Dadurch hat sich der zionistische Gedanke lebhaft erhalten, der überdies noch wesentlich genährt wurde durch die Verheißungen der Propheten, durch den Inhalt vieler synagogaler und