Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 6 (11.2.1898)
- Date
- 1898-02-11
- Page
- Seite 63 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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63 und er ist uns im Gedächtniß geblieben, weiter —Gott sei's geklagt — etwas Wahres enthält. Liest man die nachfolgende Gerichtsverhandlung, die die hiesigen Blätter in dieser Woche gebracht haben, so wird man unwillkürlich an jenes Wort erinnert und noch mehr an den Ausspruch des Propheten, daß „die Zerstörer und Verwüster" leider gar oft aus Israels eigener Mitte hervorgegangen. „Jüdische Unverfrorenheit" hatte der Dr. med. F. dem Kaufmann I. R. in einem Briefe vorgeworfen, worin er sich unter Hinzufügung anderer Beleidigungen über ein Paar Stiefel beschwerte, die nach der Versicherung R.s gär nicht in dessen Geschäft gekauft waren. Herr R. erhob auf Grund der in dem Briefe enthaltenen starken antisemitischen Ausdrücke die Privatklage, die gestern vor der 147. Abtheilung des Schöffengerichts verhandelt wurde. Der Vertreter des Privatklägers stellte zunächst durch Fragen fest, daß der Angeklagte, der allerdings evangelisch getauft worden, selbst von jüdischen Eltern herstammtund bei seiner noch heute jüdischen Mutter wohnt. Der klägerische Anwalt geißelte in scharfer Weise das Verhalten des Angeklagten, der stch in seinem Briefe als „reiner Arier" aufspiele, auf der anderen Seite aber das Gebot „Ehre Deine Eltern" so wenig achte und sich nicht scheue, eine selbstbegangene Strafthat auf feinen Bruder abzuwälzen. Der Vorsitzende bemerkte: Bezüglich der Strafbemessung habe der Gerichtshof geglaubt, aus den begleitenden Umständen die Strafe etwas scharf bemessen zu müssen. Wenn heutzutage eine ganze Partei bei Juden nicht kaufen wolle, so sei dies immerhin folgerichtig. Wenn aber Jemand selbst bei Juden kaufe und selbst von jüdischen Eltern abstamme, so sei es ein mehr als eigenthümlicher Charakterzug, sich in so beleidigenden antisemitischen Redensarten zu ergehen. Der Angeklagte wurde zu einer Geldstrafe von 60 Mk. oder 20 Tagen Gefängniß verurtheilt. Sollen wir diesem Bericht noch etwas hinzufügen? Wir glauben, er spricht für sich selbst mehr als genug. * In den Kreisen, welche sich dafür interessiren, ist es bereits bekannt, daß die hiesige Deutsche Bank die Gasanleihe der Stadt Wien übernommen und dadurch den Wiener Antisemitismus vor einer Katastrophe gerettet, zum mindesten aber den braven Dr. Lueger vor der unvermeidlichen Demission bewahrt hat. Andere Firmen sind in dieser Beziehung zurückhaltender gewesen, und weder in Wien oder Berlin, noch in Paris und London konnte es den ehrwürdigen Vätern der Stadt Wien gelingen, ihre Gasanleihe unterzubringen. Einzelne Bankfirmen, wie Mendelssohn u. Comp., verwahrten sich sogar sehr entschieden dagegen, mit der Kommune Wien irgend welche Unterhandlungen gepflogen zu haben. Nur die Deutsche Bank war nicht so zurückhaltend, und sie erntet jetzt schon den Dank dafür in den empörendsten Angriffen der Wiener Antisemiten. In einer der letzten Gemeinderathssitzungen spielte sich folgendes allerliebste Intermezzo ab: Dr. Räder interpellirt, ob die Deutsche Bank ein jüdisches Unternehmen und der Direktor derselben, Herr Dr. Georg Siemens, ein getaufter oder ungetaufter Jude sei. Dr. Lueger: Mir ist bis jetzt keine Bank der Welt bekannt, welche j getauft worden ist. (Heiterkeit.) So glaube ich, daß auch die Deutsche Bank nicht getauft ist. Es dürften auch dort Juden dabei sein; denn Juden sind überall dabei, überhaupt dort, wo es Geld giebt. Der Herr Interpellant möge eine judenreine Welt schaffen. Was den Herrn Dr. Georg Siemens betrifft, so muß ich bemerken, daß es Leute giebt,! welche glauben, gute Arier zu sein, und dabei doch wie Juden aussehen; I aber ich kenne keinen Juden, der wie ein Arier ausfieht. I Dr. Fochler: O ja! I Dr. Lueger: O nein; das giebt es nicht. Ich habe Herrn I Dr. Siemens nicht ersucht, einen Taufschein vorzulegen. Nach dem Aus- I sehen aber kann ich nur sagen, er sieht wie ein behäbiger Deutscher aus, ^der nicht die Spur von einem Juden hat. Uebrigens ist die Familie Siemens als christliche Familie bekannt, und es dürfte Niemand im Stande sein, irgend einen jüdischen Blutstropfen zu entdecken. Mas man sich alles um des lieben Geldes willen gefallen laßen muß! Aber es wäre wirklich interessant, zu erfahren, wie die jüdischen Verwaltungsräthe itnb Direktoren der Deutschen Bank über diese Angelegenheit denken. * Nun hat sich auch das Theater der „Judenfrage" bemächtigt. Die Antisemiten schreiben Preise aus für judenfeindliche Theaterstücke, die Philosemiten suchen verschämt sich ebenfalls der Bühne zu bedienen, und schließlich kommen auch die Zionisten, um für ihre Ideen von den Brettern, die die Welt bedeuten, Propaganda zu machen. Ueber das Stück von Theodor Herzl: „Das neue Ghetto", das am 5. ds. hier aufgeführt wurde, haben unsere Leser aus den Kritiken in den Tageszeitungen bereits Näheres erfahren. Für uns ist nur von Interesse, daß ein Dramatiker Adolf Rosee die Priorität der Idee, den Zionismus auf die Bühne gebracht zu haben, für sich und sein Drama „Waffenstillstand" in Anspruch nimmt, das schon vor vier Jahren erschienen und dessen Grundidee — nach der Versicherung jenes Herrn — „in Schopenhauers Parerga (über Religionen) nur zum Zugreifen daliegt." Also war am Ende gar Arthur Schopenhauer der erste Zionist? Aus dem Drama Herzls hat übrigens Ludwig Speidel in Wien eine hübsche Stelle in sehr hübscher Weise ausgezogen. Dieselbe lautet: „Ein Judenstück wäre mangelhaft, wenn es nicht auch von der jüdischen Poesie lebte. Andere Dichter haben aus dem unerschöpflichen Alten Testamente gegriffen. Herzl hat einen glücklichen Griff in eine alte jüdische Chronik gethan. Rabbi Josua von Speyer schreibt: „Im Monat Ab des Jahres 5143 waren in Mainz schon Vorzeichen der Judenverfolgung zu bemerken. Ein eigener Fall war der Fall des Jünglings Moses den Abraham. Moses war ein wackerer Jüngling, Sohn eines Handelsmannes, und wollte Gelehrter werden. So saß er in einer Sommernacht über den alten Büchern unserer Weisen und lernte, da hörte er Weherufe durch die Nacht. Er beugte sich zum Fenster hinaus. Es war nicht im Ghetto. Das Klagen wurde immer gräßlicher. Das jammerte ihn in seinem Herzen, daß er sich aufhob und hinausschritt. Die Mutter wachte auf, als er durch die Stube ging. „Wohin gehst du, mein Kind, so spät in der Nacht?" „Mutter, ich höre Jemand um Hilfe wimmern." Und er verschwand in der Nacht. Als er nicht wiederkam, und die Mutter sich in Angst verzehrte, stand sie auch auf und ging hinaus, ihn zu suchen. Auch sie kam nicht wieder. Am anderen Tage fand man Moses erstochen vor dem aufgerissenen Thor des Ghetto, und an der Leiche saß fröhlich lächelnd die Mutter. Sie war irrsinnig geworden. Diese rührende Geschichte wird von dem Rabbiner des Herzlichen Stückes als Warnung vor allzu raschem Zugrerfen dem Dr. Jacob Samuel erzählt. Der saßt sie anders. „Ich liebe diesen Moses von Mainz", sagt er, „und bin stolz auf ihn. Und so muß Jeder von uns handeln. Der Nothruf kann auch einmal echt sein." Die Geschichte von Moses ben Abraham und das herrliche Wort: „Der Nothruf kann auch einmal echt sein", sie verklären das ganze Schauspiel, in welchem so viele dunkle Schalten aufsteigen." * Im Vatikan wird dementirt. Man schreibt nämlich der „Pol. Korr.", also offiziös, aus Rom: „In der auswärtigen Presse haben gewisse Artikel des „Offervatore Romano" über die Affäre Dreyfus, die ungemein judenfeindlich lauteten und für die antisemitische Kampagne, die jetzt in Frankreich geführt wird, eintraten, einiges Aufsehen verursacht. Dem gegenüber sei daran erinnert, daß Artikel, die, wie die erwähnten, nicht in der offiziellen Rubrik des „Offervatore" erscheinen, durchaus nicht als eine Wiedergabe der im Vatikan herrschenden Ansichten zu betrachten find. Der Vatikan hat bei wiederholten Gelegenheiten erklärt, daß er nur für diejenigen Mittheilungen im „Offervatore", die unter der Rubrik „Nostre informazioni“ veröffentlicht werden, eine Verantwortung übernehme." *