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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-02-11 · Heft 6 (11.2.1898) · p. Seite 62

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 6 (11.2.1898)
Date
1898-02-11
Page
Seite 62 (sequence 2)
Language
German
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62 legte». Es hat auch Zeiten gegeben, wo Abgeordnete jüdischer Konfession im entschiedenen Gegensatz zu der Majorität der preußischen und deutschen^ Juden über unsere Angelegenheiten im Parlamente gesprochen und gewirkt haben; noch mehr, die meisten Abgeordneten haben überhauptlnie für die Juden das Wort ergriffen. Wir kennen eigentlich nur drei in der Geschichte des deutschen Parlamentarismus, die für ihre Glaubensgenossen immer mit Entschiedenheit eingetreten sind, nämlich Rafael Kosch, Eduard Laster und Ludwig Loewe. Im Uebrigen haben sich gerade unsere Abgeordneten als Vertreter des ganzen Volkes und insbesondere ihrer gesammten Wähler gefühlt und als solche gewirkt, auch selbst in Zeiten, wo ihnen dies als Juden sehr schwer geworden und vielfach verübelt wurde. Es soll aber auch eine seltsame Zumuthung sein, wie ein anderes Blatt behauptet hat, von einer Mehrheit christlicher Wähler zu verlangen, daß sie einem Juden ihre Stimmen deshalb geben sollen, damit er Gelegenheit habe, als Vertreter jüdischer Interessen im Parlamente aufzutreten. Das ist wieder eine Verdrehung der Thatsachen, denn Niemand hat eine solche Forderung aufgestellt. Es ist nur gesagt worden, daß merkwürdigerweise jetzt in dieser antisemitischen Zeit kein Jude im Parlament sitze, obwohl innerhalb der Parteien gar Manche seien, die mindestens denselben Anspruch auf ein Mandat hätten wie die „altbewährten" und „sturmerprobten" Säulen, die die parlamentarischen Würden in Erbpacht zu haben scheinen. Aber selbst bei gleichen Ansprüchen wäre es eines fortschrittlichen Wählerkreises durchaus nicht unwürdig, einen tüchtigen und überzeugungstreuen Politiker gerade deshalb ins Parlament zu schicken, damit er für die Rechte einer halben Million Staatsbürger, die fortwährend angegriffen werden, dort mit voller Sachkenntnih einträte; ja wir hätten nicht einmal etwas dagegen, wenn dies ein hervorragender christlicher Theologe in dem Sinne etwa wie der verstorbene Franz Delitzsch wäre. Wir empfinden es nur als eine Demüthigung, daß über unsere Religion, über unsere religiösen Vorschriften, über unsere Gesetzbücher im Parlamente gesprochen wird, ohne daß auch nur ein einziger Abgeordneter sich in demselben befindet, der in der Lage wäre, über diese Dinge irgend tvelche sachkundige Auskunft zu geben. Wenn freisinnige Politiker dies unbescheiden nennen, dann wiffen wir wirklich nicht, was wir von ihrem Liberalismus halten sollen. Wenn aber bei diesen Erörterungen wiederholt das Wort von einem „jüdischen Centrum" gefallen ist, so ist es mehr als kleinlich, wenn man in der Polemik sich dieses Schlagwortes zu beniächtigen gesucht hat. Daran hat niemals Jemand in jüdischen Kreisen ernstlich gedacht; schon die Thatsache allein, daß die „Kreuzzeitnng" der Idee ihre Zustimmung gegeben, wäre Grund genug, davor zu warnen, wenn nicht ohnedies der Gedanke den Anschauungen direkt widersprechen würde, die wir unserer Religion, unserer Geschichte und unserer Erfahrung nach über bürgerliche Rechte und Pflichten haben. Es ist also, um noch einmal zum Schluffe unsere Ansicht zu rekapituliren, jene Forderung wahrhaftig nicht konfessioneller Uebereifer und auch keine Hervorkehrung oder Voranstellung religiöser Sonderinteresseu, sondern der Wunsch, die Idee der Parität auch auf diesem Gebiete zur vollen Geltung zu bringen und einer halben Million deutscher Staatsbürger in den gesetzgebenden Körperschaften des deutschen Volkes zu ihren vollen Rechten zu verhelfen. Diese Forderung wird jeder unbefangene Beobachter, der die Dinge nicht durch eine Parteibrille sieht und auf dem Boden einer freisinnigen Weltanschauung steht, die jedem Bekenntniß gleiches Recht im Staate zuerkennt, gewiß für eine politisch und sittlich berechtigte halten. Die Woche. Berlin, 8. Februar. fie abgelaufene Woche hat mancherlei Jntereffantes für uns gebracht. Da war zuerst der konservative Parteitag in Dresden, auf dem Herr v. Manteuffel feierlich erklärte, die konservative sei die einzig wahre antisemitische Partei und stehe nach wie vor auf dem Boden des Tivoli - Programms; sie wende sich nur gegen die Radauantisemiten bei den Wahlen und auch gegen diese nicht — in Berlin (weil man sie hier braucht). Dann kamen mehrere Landtags- und Reichstagssitzungen, in denen wieder einmal von den Juden die Rede war. In der Sitzung des Reichstags vom 1. d. Mts. erwähnte der Centrnmsführer Dr. Lieber, als die Klagen über die Behandlung von Strafgefangenen zur Sprache kamen, daß er es nicht billigen könne, wenn katholische und jüdische Strafgefangene durch die Anstalts-Verwaltungen gehindert würden, ihren religiösen Speisevorschriften nachzuleben. Es richtet sich diese Klage gegen die bekannten Verordnungen des letzten Sommers, und es steht zu hoffen, daß es der Energie des Centrums gelingen wird, die Aufhebung jener Verordnungen durchzusetzen. Weniger glücklich war die Interpellation, die der Abgeordnete Munckel mit wenig Witz und viel Behagen in der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 4. d. Mts. betreffs eines jungen jüdischen Juristen an den Justizminister richtete, der wegen seiner Familienbeziehungen nicht zum juristischen Berufe zugelaffen werde. Daß der Herr Abgeordnete dabei auf den „alttestamentarischen Satz" von der Ahndung der Schuld der Völker an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied zu sprechen kam, blos um daran den Witz zu knüpfen, daß der betreffende Kandidat vielleicht auch seines „alttestamentarischen Bekenntnisses" wegen zurückgewiesen worden sei, war wenig geschmackvoll. Dagegen war die Antwort des Justizministers durchaus korrekt, daß die Zurückweisung des Kandidaten nicht erfolgt sei mit Rücksicht auf seinen Glauben. Und ebenso war die Antwort des Staatssekretärs v. Podbielski auf eine Interpellation des Herrn Liebermann v. Sonnenberg wegen der antisemitischen Postkarten, die in Frankfurt a. M. seinerzeit von der Beförderung ausgeschlossen wurden, eine durchaus zufriedenstellende. Die betreffenden Postkarten enthielten Bilder, die beleidigend waren gegen deutsche Bürger, so erklärte der Staatssekretär, und mußten deshalb von der Beförderung ausgeschloffen werden. Herr Liebermann v. Sonnenberg war wahrscheinlich mit dieser Antwort nicht zufrieden — dafür aber alle anderen Mitglieder des Hauses. * lieber den Major Burg ging kürzlich eine Mittheilnng durch die Preffe nach den Erinnerungen des Prinzen Kraft v. Hohenlohe- Jngelfingen, die entschieden berichtigt werden muß. Es ist unrichtig, wie es dort hieß, daß der Vorstand der jüdischen Gemeinde Berlin im Jahre 1853 sich gegen ein Begräbniß mit militärischen Ehren sträubte, unrichtig, daß die Anwesenheit von Nichtjuden beiden religiösen Ceremonien ausgeschlossen wurde, und daß die „Förmlichkeiten" stundenlang gedauert hätten. Augenzeugen jenes Begräbnisses versichern mit Bestimmtheit, daß sie auch nicht das Geringste von einer Volksbewegung infolge des Trauerkommandos gemerkt hätten. Sonst aber ist alles richtig. Man erinnert sich gewiß bei diesen Erinnerungen an die kategorische Erklärung, die Profeffor Hermann Grimm den Mittheilungen jenes Buches über Bettina v. Arnim , entgegenstellte. * Die größten Antisemiten sind die Juden selbst. Diesen Ausspruch haben wir einmal in einem antisemitischen Witzblatt gelesen,

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