Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 5 (4.2.1898)
- Date
- 1898-02-04
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 Frühling verkündigen," aus Mendelssohns „Paulus". Nun trug Herr Oberkantor N. Goldberg die von ihm selbst verfaßte Komposition unter Zugrundelegung des Textes von Psalm 61 (Kaiserpsalm) mit Orgelbegleitung meisterhaft vor. Hieran schloß sich die von Herrn Rgbbiner Dr.' Blumenthal gehaltene ausgezeichnete Festrede. Nachdem der Chor die Arie „Siehe, der Hüter Israels schläft, noch schlummert nicht" gesungen hatte, schloß die Feier mit einem Präludium, vierhändig gespielt von den Herren Leckelt und Plattnauer. — Wie ich ferner erfahren habe, wird von Ostern ab auch der Gottesdienst mit Orgelbegleitung abgehalten werden. Leipzig, 21. Januar. Am Chanukahfeste hat sich hier eine neue Vereinigung unter dem Namen „Verein Arche" konstituirt, deren Zweck engerer Zusammenschluß der in Leipzig lebenden Israeliten behufs Pflege der Geselligkeit und Förderung der universellen Bildung ist. Also nicht nur Vergnügungen und wieder Zerstreuung will der neue Verein bieten, sondern vor allem Veranlassung und Gelegenheit zu wirklicher Geselligkeit unserer Glaubensgenossen geben. Mittel zum Zweck sollen Vorträge verschiedener Art, Diskussionen über allgemein interessirende Fragen, Aufführungen und andere Veranstaltungen sein, wie aber auch Familien- und Unterhaltungsabende programmmäßig vorgemerkt sind. Erfreulicherweise finden schon jetzt die Bestrebungen der Gründer lebhaften Anklang, welcher erwarten läßt, daß die Thätigkeit des Vereins Arche eine recht ersprießliche werde Auf Sonnabend, den 22. Januar er. Abends ist im Saale des Hotel Fürstenhof, woselbst der Verein domizilirt, der erste Vereinsabend angesetzt. ägg Issum (Kreis Geldern), 28. Januar. In der schon erwähnten mysteriösen Geschichte eines an dem Knaben Hülb versuchten Mordes seitens einer Frau Hertz fand am 24. Januar eine Untersuchung statt. Die Antisemiten suchten daraus bekanntlich einen „Ritualmord" zu machen. Der Väter des Knaben hatte sich nämlich beschwerdeführend an den Justizminister gewandt und dabei ausgeführt, der Bürgermeister Heckmann habe feinen Jungen beeinflußt, auszusagen, daß er die ganze Geschichte erfunden habe. Dieserhalb hatte nun Staatsanwalt Baumgard-Cleve die Anweisung erhalten, sich sofort nach Issum zur Untersuchung des betreffenden Falles zu begeben. Gegen 11 Uhr traf der Herr Staatsanwalt in Issum ein, und fand auf dem Bürgermeisteramte die Vernehmung statt. Bürgermeister Heckmann, Beigeordneter Mühlen, Dr. Polzin, die drei Lehrer, der Knabe und der Vater desselben sowie noch mehrere andere Zeugen waren dazu erschienen. Trotz allem gütlichen Zureden des Staatsanwalts war jedoch aus dem Jungen nicht das Geringste herauszubringen, er wehrte sich mit Händen und Füßen gegen jedes Verhör, so daß er schließlich entlassen werden mußte. Die Lehrer stellten dem Jungen das beste Zeugniß aus und schilderten ihn als brav und fleißig, dazu sei er aber sehr erregt und besitze große Phantasie. Nachdem die Vernehmung bis 1 Uhr gedauert und nur dasselbe Resultat ergeben hatte, was wir schon in unserem ersten Bericht mitgetheilt, wurde eine Pause gemacht und Nachmittags eine Ortsbesichtigung vorgenommen. Späterhin erschien, dem „Geld. Wochenblatt" zufolge, nun der Vater mit seinem Sohne wieder auf dem Amte und theilte mit, daß derselbe jetzt aussagen wollte; der Staatsanwalt erklärte jedoch die Akten für geschlossen. Die Angelegenheit wegen des beabsichtigten Mordes ist hiermit erledigt, aber die Sache wird wohl noch ein gerichtliches Nachspiel haben wegen Beleidigung des Bürgermeisters Heckmann. E Heidelberg, 30. Januar. Vor dem Schöffengericht kam dieser Tage die Klage des antisemitischen Agitators Thomas Reuther in Knielingen gegen Herrn Pfarrer Volk in Heddersbach zur Verhandlung. Der Herr Pfarrer warnte in einer Versammlung die Zuhörer, den Aussagen des bekannten Antisemiten Glauben zu schenken; Reuther habe außerdem eine große Anzahl Strafen wegen verschiedenartiger Vergehen auf dem Kerbholze. Der Beklagte konnte nach der „N. B. L." durch feinen Bertheidiger mit Leichtigkeit seine Behauptungen als vollständig wahrheitsgemäß Nachweisen. Der Gerichtshof sprach Herrn Pfarrer Volk frei und verurtheilte den Privatkläger Reuther zur Tragung sämmtlicher, nicht unbeträchtlicher Kosten. cj Ruchheim (Pfalz), 27. Januar. Die von verschiedenen Blättern gebrachte Notiz von der plötzlichen Verhaftung eines israelitischen Lehrers dahier bedarf nach dem „Pf. K." der Richtigstellung. Die hiesige israelitische Schule mußte im August vorigen Jahres wegen zu geringer Schülerzahl aufgehoben werden. Seitdem der frühere Lehrer Waldbott pensionirt und nach Ludwigshafen gezogen ist, giebt es in Ruchheim überhaupt einen israelitischen Lehrer nicht. Ter auf Befehl der Staatsanwaltschaft zu Frankfurt a. M. Verhaftete nannte sich auf seinen so zahlreich ausgeschickten Neujahrsgratulationskarten „D. E. Brisck, Rabb. — Assistence der Relig.-Gesellschaft." Er kam im letzten Herbst ganz mittellos hierher, empfahl sich der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde als Vorbeter und wurde auch als solcher, so viel bekannt, in provisorischer Weise angenommen. Durch das Schächten Tausender Mastgänse im nahen Maxdorf wäre ihm ein gutes Auskommen gesichert gewesen. Er ist 30 Jahre alt und soll aus Kalisch in Polen gebürtig sein. (Bon besonderem Interesse dürfte sein, daß sich hier nur zwei schulpflichtige israelitische Kinder befinden, während im Jahre 1879 ihre Zahl 27 betrug, ein Beweis, wie sehr sich die israelitischen Familien den Städten zuwenden.) Wie kann man aber solche Individuen als Kultusbeamte im Rabbinatsbezirke zulassen? Oesterreich - Ungarn. LH Wien, 31. Januar. In der Sitzung vom 28. d. Mts. des niederösterreichischen Landtages beantragte Abgeordneter Schneider: Das rituelle Schächten sowie den Verkauf geschächteten Fleisches und die Einfuhr desselben mit gesetzlichen Strafen zu belegen; selbstverständlich wurde dieser Antrag von sämmtlichen antisemitischen — aber auch nur von diesen — unterschrieben. — Außerdem hat der famose Mechaniker Schneider ein klassisches Zeugniß von antisemitischer Gemüthsbildung abgelegt. Auf der Tagesordnung stand die Frage des Vogelschutzes. Der liberale Abg. Dr. Ofner hielt hierzu eine Rede, in der er sich u. a. gegen die Frauenmode, Vogelbälge auf öen Hüten zu tragen, wandte. Diesen Anlaß benutzte der Abg. Schneider zu dem Zwischenrufe: „Die Schonzeit für die Juden, die Raubvögel, muß aufhören! Für die Juden soll Cchußgeld gezahlt werden!" Herr Schneider würde sich jedenfalls brillant ausnehmen, wenn er nach indianischer Mode — wir wollen durch diesen Vergleich die Indianer nicht beleidigen — sich mit den Skalpen getödteter Juden schmücken könnte. Leider ist aber trotz der sehr wirksamen Angriffe, welche die tapferen Antisemiten gegen die moderne Humanität ausführen, die Verwirklichung dieses Ideals kaum noch zu Lebzeiten Schneiders zu erwarten. — Wien wird nun auch ein antisemitisches Theater erhalten! Das Projekt des Kaiserjubiläums-Theaters schreitet seiner Verwirklichung entgegen. Der Gemeinderath hat den Bauplatz im Werthe von 150000 Gulden unentgeltlich zur Verfügung gestellt, 500000 fl. sind bereits zusammengebracht, so daß noch der Betrag von 150 000 Gulden aufzubringen ist. Das Theater soll nur christlich - deutsche Künstler engagiren, nur Schauspiele, welche zur Bildung und Hebung der Sittlichkeit beitragen und von nichtjüdischen Autoren verfaßt sind, auf sein Repertoir setzen. Also nicht die künstlerische Bedeutung, sondern der Taufschein entscheidet. Jeder Schauspieler hat also zunächst seinen Stammbaum vorzulegen, ehe er engagirt wird; die Juden L'Arronge, Fulda, Rosmer, Bernstein, Olden u. s. f. sind verpönt. Wir sind auf die Entwickelung dieser eigenartigen Blüthe antisemitischer Kunst gespannt. — Am 1. Februer feiert der Sekretär der israelitischen Kultusgemeinde, Herr Dr. Theodor Lieben, das Fest seiner 25jährigen Amtsthätigkeit; zu Ehren des Jubilars veranstaltet der Präses des Kultusvorstandes, kaiserlicher Rath Klinger, ein großes Festbanket. — In Reichenberg wurde für die Handels- und Gewerbekammer Fabrikant Alois Neu mann zum Präsidenten wiedergewählt. - Unter den neuernannten Mitgliedern des niederösterreichischen Landesschulrathes befindet sich auch der Vicepräsident der israelitischen Kultusgemeinde, Dr. Gustav Kohn. — Der Justizminister hat den Dr. Benedikt Weinreb zum Landesgerichtsrath in Lemberg ernannt. — Der tschechisch-antisemitische Verein Na ro dn i Obrana, welcher entschieden für die Durchführung des Loosungswortes „Svuj ksvemu“ und die Vertreibung der deutschen und jüdischen Geschäftsleute aus Böhmen eintrat, wurde von der Statthalterei wegen Ueberschreitung des statutarischen Wirkungskreises aufgelöst. Zugleich erfolgte auch die Auflösung der sieben Ortsgruppen des Vereins. — Vor einigen Tagen ist hier der ehemalige Lehrer Joseph Leopold Spitzer im Alter von 83 Jahren gestorben. Er wirkte 25 Jahre lang als Bolksschullehrer in Bösing bei Preßburg, und zu seinen Schülern gehörte dort der gegenwärtige Direktor der Sternwarte in Paris, Herr Maurice Loewy, der