Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 5 (4.2.1898)
- Date
- 1898-02-04
- Page
- Seite 60 (sequence 12)
- Language
- German
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60 Fitterarifche Mittheilungen. ---- Aus der Genizah zu Kairo, von deren Schätzen wir bereits j wiederholt gesprochen, ist wieder ein interessanter Fund in England ans^ Tageslicht gekommen — nämlich ein Palimpsest mit zwei Stücken der griechischen Uebersetzung der Bibel des Aquila. Der Fund ist wohl die erste nennenswerthe Probe der Uebersetzung, die unter den griechisch sprechenden Juden mit der Septuaginta wetteiferte. Die Uebersetzung ist, wie sich aus den gefundenen Stücken ersehen läßt, so pedantisch wörtlich, daß sie zuweilen beinahe unverständlich ist; nicht eine Silbe des heiligen Textes ist unbeachtet geblieben, jede Partikel in der ihr eigenen Bedeutung beachtet und wiedergegeben. Eine weitere Eigenart dieser Uebersetzung ist ihre Behandlung des Tetragrammaton. Aquila hat ihn weder übersetzt noch umgeschrieben, sondern einfach abgeschrieben, und zwar in den alten hebräischen Buchstaben, wie sie sich auf alten jüdischen Münzen und auf der Siloahinschrift finden. Diese alte Schreibart, die man bisher nur auf Stein oder Metall gefunden hat, findet sich demnach hier zum ersten Mal in einem geschriebenen Dokument. Die Anwendung dieser alten Schriftzüge in einem Text des zweiten Jahrhunderts macht es zusammen mit ihrem Vorkommen auf den Münzen des Bar Kochba, eines Zeitgenossen des Aquila, ziemlich sicher, daß die alte Schrift die Einführung der Quadratschrift länger als man annahm überlebte. Den interessanten Fund verdankt man wiederum Schechter, Dozent der talmudischen Litteratur an der Universität Cambridge, und Mr. Burkitts. In dem rührigen Berlage von I. Kauffmann, Frankfurt a. M. erschien vor Kurzem: „Lehrgang des Schreibunterrichts in der hebr. Kurrentschrift nach der genetischen Methode, zugleich 5 Schönschreibhefte mit lithograpHirten Vorschriften, von I. Rosenthaler, Lehrer a. d. Realschule d. I. R.-G. zu Frankfurt a. M." Wenn irgendwo der freilich oft verfehlte Ausdruck „der Befriedigung eines längst gefühlten Mangels" am Platze, so ist es hier. Das können weniger die Lehrer an kleinen Schulen, als die größerer Anstalten und Klassen beurtheilen. Wie schwer war es bisher, den Abc-Schützen eine gleichmäßige Vorschrift zu bieten! Die Schultafel kann da nicht das einzige Hilfsmittel sein und bleiben, wie auch Kehr, der Meister der Methode, empfiehlt, „die Wandtafelvorschrift auch im Buche des Schülers vorzuschreiben, damit die Schüler einen Maßstab für die Größe u. s. w. des Buchstabens haben." — Die Bemühungen des Verfassers, einen elementaren Duktus der hebräischen Kurrentschrift nach genetischer Methode zu schaffen, sind — das muß ein jeder Pädagoge anerkennen — in vollem Maße gelungen. Dazu kommt die Formenschönheit der Buchstaben, ihre Einfachheit und Gefälligkeit. Auch der Forderung einer „fließenden Schrift" hat der Verfasser Rechnung getragen durch gewandte Verbindung oft vorkommender Lautzeichen. Zu loben ist ferner die Verknüpfung des zu erreichenden Zweckes einer Schönschrift mit den Lehren der Orthographie und die Hinzufügung aller jener „urhebräischenWörterund Schriftausdrücke, welche im praktischen Leben gebräuchlich sind". — Papier und Ausstattung der Hefte sind tadellos zu nennen. Der Verfasser hat sich den Dank aller jüdischen Pädagogen verdient; seinem Werke ist nicht nur allseitige Anerkennung zu wünschen, sondern auch sicherer Erfolg zu prophezeien. — y. Sprechfaul. Sehr geehrter Herr Redakteur! ^8n einer der letzten Nummern Ihres geschätzten Blattes brachten Sie einen kurzen Bericht über das Stiftungsfest des „Akademischen Vereins für jüdische Geschichte und Litteratur", in dem gesagt ist, er sei der einzige akademische Verein, der es sich zur Aufgabe gemacht habe, die Wissenschaft des Judenthums unter den Studirenden der Berliner Universität objektiv zu verbreiten." Diese Notiz könnte zu Mißverständnissen über die Thätigkeit der „Vereinigung jüdischer Studirender" führen, die in den fünf Semestern ihres Bestehens ihr Programm, das Studium der jüdischen Geschichte und Litteratur, den jüdischen Studenten der Berliner Universität recht wirkungsvoll mitgetheilt hat. Was uns von den Kommilitonen des „A. I. G. B." unterscheidet, ist das Motiv für unsere Bestrebungen, nämlich die Liebe und Begeisterung für das Judenthum. Das hindert uns aber nicht, an die Wissenschaft des Judenthums mit objektiver Kritik heranzutreten. Indem wir Sie, geehrter Herr Redakteur, um Aufnahme dieser Berichtigung höflichst ersuchen, zeichnen wir Hochachtungsvoll Vereinigung jüdischer Studirender. A.: Max Jungmann, Kand. med., 1 Vorsitzender. Sehr geehrter Herr Redakteur! f ie in Nummer 52 unter „Miscellen" mitgetheilte Geschichte tragikomischen Inhalts (von einem prüfenden Lehrer) beruht auf Wahrheit. Vor nahezu 50 Jahren hat sie mir der Historiker Dr. I. M. Jost sel. A. bei einem Besuche buchstäblich so erzählt. Der angebliche Inspektor war der edle Professor Bellermann in Berlin, der überhaupt mit Juden einen regen Verkehr pflegte. Bezüglich der in Ihrem geschätzten Blatte veröffentlichten vielen Chanukah-Hpmnen erinnere ich mich, daß der sel. Rabbiner Dr. Leop. Stein in Frankfurt a. M. einmal zur Chanukahzeit hier war und nach Anzünden der Lichter, nach alter Sitte im Zimmer auf- und abgehend, sein so schönes deutsches Chanukahlied mit sonorer Stimme sang. Dies erzählte ich im vorigen Jahr zur Chanukahzeit einem Rabbinatskandidaten, der hier im „Klub Freundschaft" einen Vortrag hielt, und drückte ihm mein Bedauern aus, daß solche Männer in ihrem Bestreben nach Verschönerung des öffentlichen und häuslichen Gottesdienstes so wenig Anerkennung und Unterstützung fänden. „Die „Alten" bleiben beim hebräischen Text, und die neuere Generation nimmt in ihrem Jndifferentismus keine Notiz davon." Hierauf erwiederte er mir: „Beruhigen Sie sich, vor einigen Tagen hörte ich gerade dieses Stein'sche Lied bei einer Festversammlung in Berlin aus mehreren hundert Kehlen fingen." Mit vorzüglicher Hochachtung Homburg v. d. Höhe, 1. Januar. Louis Lehmann. * Geehrter Herr Redakteur! Warnung meines Kollegen Weißrock-Lötzen kann ich dahin ercd gänzen, daß der Schwindler Segall sich hier unter dem Titel: „Dr. Segall, Rabbiner" vorgestellt und dadurch die Gemeinde zu brandschatzen suchte. Wir sind in dieser Gegend so oft hineingefallen, daß wir selbst den sogenannten selbstgemachten Rabbinern mit einem Dutzend hebräischen Empfehlungen gegenüber etwas skeptisch geworden. Es ist unbedingt auch eine Pflicht der jüdischen Presse, diesen Müßiggängern das Handwerk zu legen. Ich will heute nur drei Hochstapler skizziren: Nr. 1 ist ein feingekleideter junger Mann, der sich als „Oberkantor" vorsteüt und vorgiebt, von irgend einer entfernten Gemeinde als solcher engagirt zu sein, daß ihm aber die Mittel zur Hinreise fehlen. Wohin er kommt, singt er ohne Aufforderung und sucht auf diese Weise größere Summen zu erschwindeln, die er in derselben Nacht noch im Spiel rc. verjubelt. Nr. 2. Nennt sich Levi, Lehrer aus Neustadt in Hessen, und ssthrt ein gefälschtes Zeugniß des Vorstehers Bachrach mit sich. Nr. 3 ist einer der gefährlichsten Hochstapler, Namens „Danziger", der schon vor 28 Jahren für seine Tochter sammelte, die in einer Anstalt für Epileptiker zu Bielefeld Aufnahme finden sollte. Diese Tochter ist seit etwa 25 Jahren todt! Da er nicht mit Unrecht annimmt, daß er der rechtmäßige Erbe seiner Tochter ist, so sammelt er heute noch lustig für seine epileptische Tochter weiter. Es kommen, durch die als wohlthätig bekannte Gemeinde Halberstadt angelockt, täglich öfters bis 10 Orchim hier durch. Darunter sind sicher Unterstützungsbedürftige wie Würdige, die infolge solcher Täuschungen unschuldig leiden müssen. Aschersleben, im Januar. Lion Wolfs. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für dre Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.