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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-02-04 · Heft 5 (4.2.1898) · p. Seite 59

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 5 (4.2.1898)
Date
1898-02-04
Page
Seite 59 (sequence 11)
Language
German
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59 göttliche Cäsar naht Deinem Gemach, rüste Dich zu seinem Empfange und verbanne die Wolken von Deiner hohen Stirn." „Es ist gut, Stephanus, der Cäsar soll mich lächelnd finden." V. Es war einige Tage nachher. Vor dem kaiserlichen Palast hielt, bewacht von einem zahllosen Sklavenheer, eine ansehnliche Zahl reich geschmückter Sänften, in denen die Senatoren und Würdenträger angekommen waren, »m dem göttlichen Cäsar ihre pflichtschuldigste Aufwartung zu machen. Die Zeit, in der die Audienzbewerber im Palaste verweilten, verlief, und noch immer hatte sich die Thür zu des Kaisers Empfangssaal nicht geöffnet; die Harrenden suchten sich durch im Flüsterton gehaltene Gespräche für das lästige Warten zu entschädigen und unterhielten sich zuweilen auss Angelegentlichste mit einander. Da wurde kritisirt, gespöttelt und gewitzelt, gehöhnt und geschmäht, je nach der Individualität nnd der Laune des Einzelnen. An Stoff fehlte cs auch wahrlich in der klatschsüchtigen Stadt nicht. Sorgte ja der Hof und Allen voran der Cäsar selbst reichlich dafür, daß die bösen Zungen nicht zu feiern brauchten. Da wurde denn auch rllckhaltslos alles besprachen, über alles, die Handlungsweise des Herrschers mit einbegriffen, mit den häinischsteii Bemerkungen abgeurtheilt, vorausgesetzt, daß man des Anderen sicher war, denn sonst hätte ein unbedachtes Wort dem Sprecher leicht den Kopf kosten können. Angeberei und Spionenthum waren in Rom derart verbreitet, daß Jeder davor zurückschreckte, einem Anderen zu vertrauen, es sei denn, er wäre seiner Gesinnung sicher und von seiner Ehrenhaftigkeit vollauf überzeugt gewesen. Abseits von den Gruppen der Wartenden, halb durch eine Säule verborgen, lehnte Ascletarion. Ein hämischer Zug umspielte seine Lippen, als er sich derart vereinsamt sah, er, der es gewöhnt gewesen, im Wartesaale des Palastes stets von Allen umdrängt zu sein, — er stand nun da, vereinzelt und vergesien, und keiner der Anwesenden achtete seiner. Welch ein Gegensatz zwischen einst und jetzt. Und was hatte diese Veränderung hervorgebracht? Stand er nicht nach wie vor noch in des Casars Gunst? Liebte Domitian nicht noch immer seine Gesellschaft, suchte de-r Gefürchtete nicht noch stets seinen Rath, sah er in ihm nicht noch den Rathgeber, den treuen Diener, den Lebensretter? Ja, er, Ascletarion, hatte wohl ein Anrecht auf die Gunst des Imperators, und mochten Jene dort, die sich auf bloße Gerüchte hin von ihm zurückgezogen, ihn verloren geben — er wußte es wohl, er war es noch lange nicht. Wohl wahr: Calpurnia galt dem Cäsar nichts mehr, aber sie war es ja nicht, durch die er Alleinherrscher in des Kaisers Gunst geworden, sie war ihm eine getreue Helferin, aber wenn's sein mußte, würde er sich auch ohne ihre Hilfe oben erhalten. Und vielleicht gelang es seiner Kunst der Beredsamkeit noch, das wetterwendische Herz des flatterhaften Domitian für Calpurnia wieder zu erwärmen, vielleicht lebte noch im Herzen des Kaisers ein Funke jener Leidenschaft, die ihn für das Mädchen erfüllt hatte, und dann wollte er alles versuchen, die Flammen zu schüren, der hochmüthigen, tugendhaften Kaiserin zum Trotz, sowie all Denen zum Verderben, die sich in die Gunst des Kaisers einschleichen wollten. Wie wollte er über sie hinwegschreiten, sie zermalmen, alle Jene, die ihm, dein gefallenen Günstling, jetzt ihre Verachtung bezeugten! Doch mit diesen wollte er später abrechnen, jetzt galt es vor allem, jenes Volk zu vernichten, aus deren Mitte ihnen Beiden das Verderben eniporgestiegen, nnd schon war er auf dem besten Wege, seinen teuflischen Plan zur Reife zu bringen. Der Cäsar hatte mit Wohlwollen seinen Ausführungen gelauscht, als Jener von der Verworfenheit der Juden und von der Rothwendigkeit, sie anszurotten, sprach — war in wild entfesseltem Grimm emporgefahren, als er ihm die Kunde mittheilte, die er in den Gestirnen gelesen, ja, er hatte in seinem heißen Zorn die Vernichtung der Inden beschlossen. Ihm war ja dieses Volk im Grunde genommen ganz gleichgiltig gewesen. Seit dem Tage aber, als ein Sproß aus ihrem Stamm ihm verderblich werden konnte, seit diesem Tage war ihnen der Untergang gewiß. Traf es sich ja so gut, daß er durch seine Weiffagung, die Juden trachteten dem Cäsar nach dem Leben, in dessen Brust nicht nur das Verlangen heißer befriedigter Rache erweckte, nein, auch die unersättliche Habgier entfesselte, die Domitian lüstern machte nach den fabelhaften Schätzen der Juden. Gewiß, der Untergang der Juden war beschlossen. Um ihm selbst seine Macht, seinen Einfluß beim Herrscher zu erhalten, sollten sie falle», die keine Macht der Erde mehr zu retten vermöge! „Du hältst Zwiesprach mit den Göttern, Ascletarion," nahte ihm jetzt mit freundlichem Gruße Flavins Clemens, der Vetter Domitians und deffen präsumtiver Nachfolger, da die Ehe des Kaisers kinderlos geblieben, „sonst hättest Du es wohl längst gewahrt, daß der Cäsar seinen Gästen bereits sichtbar ist." Betroffen war der Wahrsager zusammengezuckt, doch schnell hatte er seine Fassung wieder erlangt, und erwiederte jetzt dem hochgestellten Senator dessen freundliche Anrede. Allein sie hatten kaum einige Worte gewechselt, als sich Flavius auf einen Wink des Oberkämmerers hin anschickte, das Gemach des Kaisers zu betreten. Mit umwölkter Stirn blickte der Wahrsager dem davonschreitenden Mann nach, bis seine Gestalt den Blicken entschwunden war, nnd er die Schwelle des kaiserlichen Empfangsraumes betreten hatte. „Das ist auch so Einer," flüsterte ec haßerfüllt in den Bart, „den meine Augen lieber in den Hades wandern sähen, als daß er die Luft verpestet mit seinen hirnverbrannten Ideen. Möge das Unheil ihn treffen, ehe er dazu gelangt, an die Stelle des göttlichen Domitian zu treten." „Ich grüße Dich, erhabener Cäsar," sagte der Senator, sich vor seinem kaiserlichen Vetter tief verneigend. „Clemens," entgegnete der Kaiser, nachdem er ihn flüchtig geküßt hatte, „Du hast Dich einige Tage nicht am Hofe gezeigt; und ich fürchtete schon," setzte er mit leisem Hohn hinzu, „auf Deine Anwesenheit vollständig verzichten zu müssen." „Hätte ich geahnt, daß dem Cäsar meine Abwesenheit auffallt, so wäre wohl kein Tag vergangen, an dem ich Dir nicht genaht wäre." „Schon gut," unterbrach ihn Domitian, „ich weiß, ich kenne Deine Ergebenheit, und darum eben habe ich in den letzten Tagen Deine Nähe vermißt. Unliebsame Gedanken sind in mir erwacht — böse Nachrichten sind an mein Ohr gelangt. Unheilverkündendes, habe ich erfahren, schwebt über meinem Haupte." „Was droht meinem Cäsar?" rief erstaunt Flavius Clemens. „Giebt es etwas, Herr der Welt, was Dir gefährlich werden könnte? Von den waldumrauschten Ufern des Rheines bis zur glutherfüllten Wüste Afrikas gehorchen Dir die Sterblichen und ehren Dich wie einen Gott — und Du . . . Du fürchtest?" (Forts, folgt.)

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