Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 5 (4.2.1898)
- Date
- 1898-02-04
- Page
- Seite 58 (sequence 10)
- Language
- German
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EUILLETON Kus bangen Tagen. historische Erzählung aus der römischen Raiserzeit. Bon Carl Griot. „ (Fortsetzung.) efiotte Deinem Sklaven, o Herrin, fortzufahren," sagte Stephanus. „Kein Mensch, selbst der Cäsar nicht, könnte & das widerspenstige Judenmädchen mehr herbeischaffen, sie ist verschwunden, und als hätte der Orkus sie verschlungen, ist jede Spur von ihr verloren. Ihre Angehörigen verweigern jede Auskunft, und nichts vermöchte die Eltern Jobäas und deren Bruder vor der Rache des Erbitterten zu schätzen, wär's nicht, daß in der Brust des Kaisers noch die Hoffnung lebte, die Gesuchte dennoch zu finden und seinem Willen gefügig zu machen." „Davor hüte sie die Göttin!" „Ihr Gott aber," schaltete Stephanus ein, „schlitze sie vor dem Geschicke, das ihrer harrt, wenn sich das Judenmädchen nicht findet, dann wird wohl des Cäsars Grimm unbezähmbar sein, und keine Marter wird für die Gefangenen grausam genug erscheinen." „Die Gefangenen?" fragte erstaunt Domitia, „der Cäsar konnte seine Göttlichkeit soweit vergeffen und, einer unbefriedigten Laline wegen, unschuldige Leute in den Kerker werfen?" „Es sind Juden, erhabene Kaiserin", gab Stephanus mit verächtlichem Achselzucken zur Antwort, „und dieses Volk auszurolten, vollends von der Erde zu vertilgen, müßte ein den hohen Göttern willkommenes Wert sein." „Schweig!" gebot strengen Blickes die Kaiserin, „und lästere nicht ein Volk, das unsere Gemeinschaft flieht, das sich rein erhalten von der Berührung des wollüstigen Hofes, deffen Lebensweise nichts angenommen hat von dem sittenlosen, entnervenden Treiben der Unseren. So ist es denn wahr." fuhr Domitia leiser, wie im Selbstgespräche fort, „es lebt ein Volk, und mitten unter uns, mit dem Beispiel unserer Verderbtheit und Verworfenheit vor Arigen, und sie ahmen uns nicht nach, nicht unsere feinen Sitten und leckeren Gastereien, nicht unseren Luxus und unsere Wollust, nichts? Nein, sie fliehen unsere Gemeinschaft, meiden den Hof und buhlen nicht »ach der Gunst der Mächtigen, ja, mehr als das: ein Mädchen aus ihrer Mitte stößt die Hand des Cäsars zurück, der sie zu seiner mächtigen Freundin machen und durch seine Liebe beglücken will. Beglücken, ha, ha, durch Domitians Liebe beglückt zu werden, welch eine Ehre!" Ein Räuspern ließ sie sich umwenden. „Du bist noch hier, Stephanus; beinahe hätte ich der großen Neuigkeit wegen, die Du mir mitlheiltest, der Befehle vergeffen, die ich Dir zu ertheilen hatte. Doch ich glaube, Du hast noch etwas zu berichten; fahre fort, was giebt's denn noch des Unheils? — dessen ist man ja in Rom stets gewärtig." „Das Unheil, das Du, o erhabene August«, weise vorhergesehen, trifft diesmal wahrlich die Schuldigen, denn vernimm: der Cäsar, ergrimmt durch die entgangene Beute, aufgestachelt durch gefällige Angeber, vor allem aber angetrieben durch den Einfluß des Wahrsagers, des Ascletarion-.. „Und deffen sauberer Helfershelferin, der Dirne Calpurnia," schaltete die Kaiserin ein. „Du sagst es, o Herrin, Calpurnia, die die Schönheit der Jüdin bereits in Todesangst versetzte, und die ihre Stunde kommeil sah. Ascletarion also hat dein Cäsar die Gestirne gedelltet und da gelesen — nun, was er eben lesen wollte — daß das Volk der .Juden ein von den Göttern verdammtes sei, daß sie der geheiligten Person des Cäsars nicht jene Verehrung:-weihen, die dem Gotte Domitia» gebührt, und daß sie dem Cäsar nach dem Leben trachteten. Der erhabene Domitian hat nun beschloffen, mit dem verhaßten Volke ins Gericht zu gehen, sie zu vernichten, auf daß sie ausgelöscht seien lind ihre Splir verweht aus dem Weltreiche. Die Schätze der Juden aber — und die sollen unermeßlich sein —, die will der Kaiser gnädigst zu seinem Eigenthum machen." „Gut ersonnen, wahrlich!" rief voll Hohnes Domitia, „und eines Domitian und seiner saubere» Rathgeber würdig, ein ganzes großes Volk vernichten, unschuldige Weiber, harmlose Männer zum Tode verurtheilen, einer Laune, einer bösen Eiuflüsteruug. nein, schnöder Habsucht wegen! Nein, sag ich Dir, Stephanus, das darf nicht geschehen! Ein solches Opfer ist den Göttern nicht genehm, und so wahr ich die Fürstin bin und Dn mein treuer Helfer, wir niüsseu Mittel ersinnen, dem Unheil zuvorzukommen. Wir. vermögen nichts gegen Domitian, allein wir müffe» unsere Sinne anstrengen, irgend eine List ersinnen; hilf mir, Stephanus!" „Des Kaisers Wille ist unerschütterlich," beeilte sich Stephanus zu erwiederu, „und ich fürchte, selbst die Stimme seiner göttlichen Gemahlin wird ihn in diesem Entschlüsse nicht wankend machen." „Meine Stimme, Du hast Recht," meinte mit leisem Neigen Domitia, „es ist lange her, daß der Cäsar sie hörte, und damals," fügte sie, leiser werdend, hinzu, „habe ich meine Stimme nicht stets für. das Gute erhoben, allein, daran trägt nun wieder der verhaßte Ascletarion die Schuld. Ihn treffe des Kaisers Zorn! Ueber ihn eiitlade sich alles Unheil, das der Grausame Andere» so reichlich zugedacht. Sieh, Stephanus, Diesen zu verderben, das müßte den Göttern Wohlgefallen; ist erst Ascletarion aus dem Wege und die lüsterne Calpurnia mit ihm, dann wird der Cäsar wieder meine Stimme hören. Nun aber geh', Stephanus. Ich bin müde und vermag mich auch nach dem Gehörten nicht mit Alltagsgeschäften abzugeben, Dn bist entlassen." „Nein," rief sie nach einigen Augenblicken des Nachdenkens, als Stephanus sich bereits dem Ausgange näherte, „verweile noch im Vorsaale, ich werde Deiner vielleicht noch heute bedürfen." Erregt schritt Domitia, als sich die Thüre hinter Stephanus geschloffen, in dem Gemache auf und nieder. Endlich sehe ich die Stunde kommen, in der ich das verhaßte Weib zu Boden treten kann! Wie Hab' ich mich nach dieser Stunde gesehnt, und nun zeigt sie sich meinen Blicken. Ihre Zeit ist um, dem Cäsar gefällt ihre Fratze nicht mehr, sonst begehrte er ja doch nach der Jüdin nicht so heiß! Endlich soll meine Rache ihr Haupt treffen, hat ja das freche Weib mir, der Kaiserin, zu trotzen gewagt! Wie war's doch jüngst in dem Cirkus, als sie ihre Blicke trotz meiner Anwesenheit nicht von dem Antlitz meines Gatten wendete, als sie, mich mit tiefster Beschämung erfüllend, freches Augenspiel und Tändelei trieb, und ich es dulden mußte, ich, die Kaiserin, und doch mich nicht aufzulehnen wagte gegen den so leicht ergrimmten Domitian. Nein, die Blicke senken mußte ich und das Weh, das mich zu zerreißen drohte, wieder tief im Busen bergen. , „Was giebt's, Stephanus?" fuhr sie erschreckt zurück, als sich der Vorhang theilte und auf leisen, fast unhörbaren Sohlen der Schreiber eintrat, „weshalb störst Du mich?" „Vergieb Deinem Sklave», erhabene Fürstin," stieß athemlos Stephanus hervor, „ich habe Wichtiges Dir zu künden. Der